Khatia Buniatishvili: "Kunst kann nicht objektiv sein"

Interview23. Mai 2016, 13:05
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Die georgische Starpianistin hat eine neue CD mit dem Titel "Kaleidoscope" veröffentlicht. Ein Gespräch über ihre künstlerischen Überzeugungen und ihre Erfahrungen mit Lehrern

STANDARD: Was hat grundsätzlich eigentlich Ihren Begriff von Musik und Ihre künstlerische Persönlichkeit geprägt?

Buniatishvili: Was ich unter Musik verstehe, wurde sehr von meiner Mutter beeinflusst. Sie hatte einen sehr eklektischen Geschmack, hat viel Klassik gehört, aber auch Jazz und Musik aus verschiedenen Ländern und verschiedener Stile. Sie hat die Genres vermischt, die größte Liebe galt allerdings schon der klassischen Richtung – auch bei mir und meiner Schwester Gvantsa, seit wir sechs oder sieben Jahre alt waren. Da haben wir vor dem Schlafengehen immer das Mozart-Requiem gehört. Das war ein wahres Ritual.

STANDARD: Wer hat in solchen Situationen dirigiert?

Buniatishvili: Das weiß ich gar nicht mehr – vielleicht Herbert von Karajan. Es war eine Kopie auf Audiokassette, weil es keine offizielle Aufnahme in Georgien gab. Für uns standen damals die Werke im Vordergrund – es gab nicht die heutige große Auswahl an Interpretationen. Und mit sieben Jahren ist das nicht so wichtig. Ich denke aber, die Eklektik ist bei mir bis heute geblieben. Musik kennt keine Grenzen. Das passt auch zu meiner Persönlichkeit.

STANDARD: Was sind Ihre Kriterien, wenn es um Repertoirewahl geht?

Buniatishvili: Für mich gibt es nur gute Musik, Musik, die mich berührt. Das ist natürlich subjektiv. Kunst kann nie objektiv sein. Das wichtigste Kriterium ist, ob ich berührt oder fasziniert bin. Wenn ein Werk nicht große Emotionen in mir weckt, dann habe ich keinen Anlass, mich damit auseinanderzusetzen.

STANDARD: Können Sie eigentlich nachvollziehen, wann Sie Ihre musikalische Individualität so richtig gefunden haben?

Buniatishvili: Das war sehr früh, denke ich. Bereits als Kind habe ich das selbst sehr stark wahrgenommen. Auch bei meinen Lehrern, so sehr ich sie geschätzt habe, habe ich eigentlich immer gespürt, dass sie nicht die einzige Wahrheit verkörpern. Ich war eigentlich immer sehr höflich und respektvoll, aber ich hatte meine eigene Meinung.

STANDARD: Stimmt der Eindruck, dass Sie die Extreme lieben? Darf Kunst wehtun?

Buniatishvili: Ja, absolut. Kunst ist für mich die Imitation des Lebens – aber mit viel mehr Fantasie. Kunst ist nie nur schön. Mein Beruf ist so reich, weil ich nicht nur Schönheit damit ausdrücken kann. Schönheit hat keine Kraft, wenn man nicht auch das Unschöne sieht. Ohne Dunkelheit gibt es doch kein Licht. Also: Konformisten sollten nicht in meine Konzerte kommen, weil sie das wahrscheinlich nicht genießen werden.

STANDARD: Ihrer neuesten CD, dem Anlass unseres Treffens, haben Sie den Titel "Kaleidoscope" verpasst. Hat das noch einen ganz anderen Grund, als dass das gut klingt und auch zum regen Kauf der Einspielung animieren soll?

Buniatishvili: Der Grund für diesen Titel ist, dass die Grundlage aller drei Stücke etwas Dunkles bildet. Igor Strawinskys Petruschka erzählt von Marionetten, verbindet allerdings Komik mit Tragik. Und auch bei den anderen Stücken – La Valse von Maurice Ravel und Modest Mussorgskys Bildern einer Ausstellung – ist der Untergrund dunkel. Aber durch das Kaleidoskop der Klänge hindurch sieht man dann eben viele verschiedene Farben. Ich denke, gerade wenn man gerade pessimistisch ist, kann die Kunst helfen, etwas anderes sichtbar zu machen. (Daniel Ender, 23.5.2016)

Khatia Buniatishvili, geboren 1987 in Tiflis (Georgien), studierte unter anderem an der Musikuniversität Wien und gehört spätestens seit ihrer Auszeichnung mit einem Echo-Klassik-Preis als Nachwuchskünstlerin 2012 zu den großen Namen in der jungen Pianistenszene. Regelmäßig musiziert sie auch mit ihrer Schwester, der Pianistin Gvantsa Buniatishvili.

  • Khatia Buniatishvili: "Auch bei meinen Lehrern, so sehr ich sie geschätzt habe, habe ich gefühlt, dass sie nicht die einzige Wahrheit verkörpern. Ich war immer sehr höflich und respektvoll, aber hatte meine Meinung."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Khatia Buniatishvili: "Auch bei meinen Lehrern, so sehr ich sie geschätzt habe, habe ich gefühlt, dass sie nicht die einzige Wahrheit verkörpern. Ich war immer sehr höflich und respektvoll, aber hatte meine Meinung."

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