Hermann Nitsch: Meister zu Ministranten gemacht

23. Mai 2016, 17:13
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Eine Ausstellung wie ein Gottesdienst: Der Künstler und das sinnliche Ritual im Museum in Mistelbach

Mistelbach – Ritual ist Form. Form ist Ritual. Kunst ist Form. Man ist versucht, die Gleichungen fortzuführen: Kunst ist Ritual. Ritual ist Kunst. Ganz so simpel ist es freilich nicht. Richtig ist aber: Die Kunst von Hermann Nitsch ist Ritual, sie dient dem Ritual – und umgekehrt dient das Ritual seiner Kunst. Auf diese verknappte Formel kann man die Ausstellung Ritual im Nitsch-Museum in Mistelbach herunterbrechen.

Relevant ist das deswegen, weil, wenn Nitsch in die Welt des Rituals einführt, er auch in die formelhaften Glaubenssätze seiner Kunst einführt. Und in diesem fortlaufenden Ritual geht es ums Sein, ums intensive Erlebnis des Seins, um das Begreifen im sinnlichen Ereignis, um Geburt, Tod, Auferstehung ...

Das Hantieren mit Blut und Eingeweiden, das organische Material, das sich in geöffnete Münder, auf nackte Körper und Genitalien ergießt, das Wühlen in den warmen Eingeweiden eines Tierkadavers – alles eingebettet in ein dreitägiges dionysisches Fest, ein kultisches Spiel mit Wein und Musik, das der Verwandlung des Seins im Kreislauf eines Menschenlebens huldigt: Nirgends zeigt sich Nitschs Prinzip des Rituals so deutlich wie im über hundertmal exerzierten Orgien-Mysterien-Theater. Ganz generell habe er nichts anderes als Rituale entwickelt und diese vollzogen, lässt Nitsch wissen. Ritualisieren, das bedeute, normale Handlungen zu stilisieren, und zwar über die Form. Um andere Begriffe zu bemühen, kann man auch sagen, über Ordnung und Regeln kommt man zu einem Zeremoniell aus symbolisch starken Handlungen, Wortformeln und Gesten.

Nitschs Form des Ritus wurzelt im religiösen, ja im katholischen Zeremoniell. Allerdings habe Kunst, so der Zeremonienmeister, die Religion überwunden. "Kunst selbst wurde zur Religion und metaphysischen Tätigkeit."

Nitschs Katechismus ist Manifest und Sermon: eine Predigt, in der sich die Formeln wiederholen, ein murmelnder Wortgottesdienst, dem sich auch die Ausstellung völlig unterordnet. Wie der Rapport einer Tapete, nicht ein Mauerfleckchen bleibt frei, stößt hier ein Altarbild-Ensemble ans andere. Unter Großformaten mit rinnender Farbe etwa in Ocker, Ochsenblut oder Schwarz reihen sich Requisiten und Relikte seiner Aktionen: Mess- und Opfergewänder, Papiertaschentücher, Würfelzucker, Blumen.

In dieser Inszenierung verliert das einzelne Werk an Bedeutung, ist Teil des Rituals, also eines Gesamtkunstwerks. Arrangiert wie ein Kirchengrundriss, macht es aus Kunstbetrachtern Gläubige, die vorgegebenen Wegen vorbei an Hoch- und Seitenaltären folgen müssen. Alles dient also dem einen. Dient Nitsch. Auch die Ikonen der Kunstgeschichte: Rembrandts Geschlachteter Ochse, Duccios Fußwaschung, Caravaggios Kreuzigung, da Vincis Abendmahl begleiten dokumentarische Fotos von Aktionen.

Zu sehen sind die allerdings nicht als Gemälde, sondern als auf ein Vielfaches der Originalgröße aufgeblasene Posterdrucke. Monets Kathedrale von Rouen, Cézannes Mont Saint Victoire, van Goghs Weizenfeld als Referenz für das Wiederholende im Ritual ... Posterdrucke im Museum, das ist irgendwie blasphemisch. Das macht aus alten und modernen Meistern Ministranten in Nitschs Gottesdienst. (Anne Katrin Feßler, 23.5.2016)

Nitsch-Museum, bis 2.4.2017

  • Künstler im Dienst des Rituals: eine "Fußwaschung" von Duccio vom Altar des Sieneser Doms (1308-1311)  und ein Moment bei der 137. Aktion Hermann Nitschs im Jahr 2013.
    foto: teamniel

    Künstler im Dienst des Rituals: eine "Fußwaschung" von Duccio vom Altar des Sieneser Doms (1308-1311) und ein Moment bei der 137. Aktion Hermann Nitschs im Jahr 2013.


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