"Diener zweier Herren": Ein Chaplin-Tramp in der Lagunenstadt

23. Mai 2016, 09:35
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Die Burg zeigt in Carlo Goldonis Komödie ein konkurrenzloses Ensemble am Werk

Wien – "Der Diener zweier Herren" ist das Paradestück des Komödienreformers Carlo Goldoni. Die abgenutzten Typen der Commedia dell'arte schwirren nur noch wie Geister durch die Szene, Zitate aus einer verklungenen Epoche. Die neue Zeit gehört Gestalten wie Truffaldino (Markus Meyer). Dessen Arbeitsmoral ist wahrhaft modern. Er verdingt sich im schönen Venedig bei zwei verschiedenen Brötchengebern als Lohnsklave, um wenigstens ein einziges Mal zu essen zu bekommen.

Not, so lernt man im Burgtheater, macht nicht bloß erfinderisch. Sie zwingt zu physischem Totaleinsatz. Christian Stückls Inszenierung hat die Übersiedlung von Recklinghausen nach Wien heil an Knochen und Konzept überstanden. Sie passt in die laufende Spielzeit wie der Parmesan auf die Pasta. Sie gefällt sich schrecklich gut in ihrer etwas selbstverliebten Derbheit. Sie bietet phasenweise aber auch grandiosen Spaß.

Und dann ist da Meyers Truffaldino. Der schuftet in seinem braunen Dreiteiler als die etwas ölige Variante des Charlie-Chaplin-Tramps. Ein staubverkrustetes Café (Bühne: Stefan Hageneier) bildet das venezianische Ambiente. Herrn Pantalones (Peter Simonischek) Tochter soll gerade verehelicht werden. Das Gegenüber ist in Gestalt des Dottore (Johann Adam Oest) die perfekte Verkörperung sämtlicher bürokratischer Sekundärtugenden: Schusseligkeit, Bereitschaft zur moralischen Entrüstung, der Besitz des Zweiten Latinums.

Zwei Turiner auf der Flucht

In diese Lagune der Korruption verschlägt es zwei Turiner auf der Flucht. Die holde Beatrice (Andrea Wenzl) trägt die Maske des eigenen Bruders. Ihr Liebhaber (Sebastian Wendelin) muss wiederum den tödlichen Anschlag auf den Schwager in spe mit Schnapsorgien sühnen. Sie alle sind kurios Versprengte, die voneinander nichts wissen. Die Pistolen sitzen allzu locker im Hosenbund, die Koffer rutschen, ein Hauch von Hysterie und sozialer Abstiegsangst liegt über dem exakt zwei Mal errichteten und im Kreis gedrehten Café.

Truffaldino bleibt nichts anderes übrig. Er muss charmieren und scharwenzeln und kolossale Menüs auftischen, ein Schmachtauge immer auf das Kindermädchen Smeraldina (Mavie Hörbiger) gerichtet, das als vermeintlich keusche Anstandshexe so etwas wie den Glutkern der Aufführung bildet.

Simonischek bringt eine wüste Zahnprothese sehr schön zur Geltung. Was Stückls Inszenierung leider zur Gänze entbehrt, ist die leicht schäbige Anmut des Südens, das gleißende Licht Giorgio Strehlers, in dem der Spaß vom Willen zur Erkenntnis durchkreuzt wird. Unterm Strich kann man mit diesem Goldoni aus dem Geist der Depression ganz gut leben. Er zeigt ein konkurrenzloses Ensemble am Werk. Nächstes Jahr dürfen es dann auch wieder Antikenstücke und andere Bedeutsamkeiten sein. (Ronald Pohl, 23.5.2016)

  • Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" in Wien.
    reinhard werner/burgtheater

    Carlo Goldonis "Diener zweier Herren" in Wien.

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