Präsidentenwahl: Gleichstand am Wahltag, Ausgang noch offen, Entscheidung am Montag

Video22. Mai 2016, 23:20
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Es war ein unglaublich spannender Wahltag, und am Abend blieb das Ergebnis noch offen. Der Grüne Van der Bellen lag hauchdünn vorn, den Ausschlag werden die Wahlkarten geben, die erst am Montag ausgezählt werden

Am Ende des Tages war das Ergebnis so knapp, dass sich nicht mit Sicherheit sagen ließ, wer der neue Bundespräsident sein wird. Das Ergebnis vom Sonntagabend lautete 50,0 Prozent für Alexander Van der Bellen, 50,0 Prozent für Norbert Hofer – mit einem leichten Vorteil für Van der Bellen, der um wenige tausend Stimmen voranliegen dürfte.

Das ist das Ergebnis der Hochrechnung. Zu diesem Zeitpunkt sind die knapp 900.000 Wahlkarten in der Hochrechnung schon berücksichtigt, tatsächlich aber noch nicht ausgezählt. Das wird erst am Montag am frühen Abend der Fall sein. Das nüchterne Ergebnis vom Montag, ohne Berücksichtigung der Wahlkarten, lautete: Hofer mit 51,9 Prozent knapp vor Van der Bellen mit 48,1 Prozent. Traditionell liegen die Freiheitlichen bei den Wahlkarten deutlich hinter den Grünen.

Zum Zeitpunkt des Wahlschlusses um 17 Uhr lag Hofer auch in der Hochrechnung noch vor Van der Bellen. Mit dem Eintreffen der Zahlen aus den städtischen Regionen drehte sich das Ergebnis aber, bis schließlich Van der Bellen vorn lag. Sicher sein konnte er sich am Sonntagabend jedoch nicht.

Jubelnde Anhänger

Ein endgültiges Ergebnis wird also erst am Montag vorliegen, im ersten Wahlgang waren die Wahlkarten erst um 18.00 Uhr ausgezählt. In den Wahlzentralen von Hofer und Van der Bellen wurde zwar schon eifrig von den Anhängern gejubelt, die Wahlkampfmanager – Herbert Kickl für die FPÖ und Lothar Lockl für den Grünen – mussten allerdings auf das noch offene Ergebnis verweisen.

Bei der FPÖ skandierten die Anhänger in der Parteizentrale "Österreich, Österreich", Heinz-Christian Strache zeigte sich demütig und dankbar, er sprach vom größten politischen Moment in seinem Leben. In der FPÖ wurden umgehend Zweifel an der Richtigkeit des Ergebnisses und der Hochrechnung des ORF angemeldet. Das Innenministerium habe andere Zahlen. Dieses macht allerdings keine Hochrechnung, berücksichtigte also nicht die Wahlkarten.

Der freiheitliche Kandidat sagte, er habe noch nie so einen Wahltag erlebt. Wie auch immer es ausgehen werde, der künftige Bundespräsident werde jedenfalls die Aufgabe haben, Österreich wieder zu vereinen. "Österreicher sind wir alle", sagte Norbert Hofer. Sich selbst beschrieb Hofer als "Mitte-Rechts-Politiker mit sehr großer Sozialverantwortung", vor dem sich niemand fürchten müsse. Er habe "immer versucht, Brücken zu bauen, aber auch meine Linie zu halten".

Polarisierender Wahlkampf

"Die wenigsten haben geglaubt, dass das aufholbar ist", sagte Van der Bellen. Die Unterstützung sei quer durch alle Generationen und Schichten gekommen. "Das trägt einen schon." Auf Hofer und seine Wähler will Van der Bellen im Falle eines Sieges zugehen. Man habe verschiedene Konzepte gehabt, und es seien verschiedene Persönlichkeiten aufeinandergetroffen, ein Wahlkampf sei "polarisierend". Nach einer Wahl setzte man sich aber wieder zusammen, wie es gute Tradition sei.

Van der Bellen ließ es sich nicht nehmen, Hofer noch einmal die Hand zu drücken und ihm seinen Respekt zu zollen.

Städte für Van der Bellen

Von den neun Bundesländern stimmten – ohne Wahlkarten – Tirol, Salzburg, Kärnten, Oberösterreich, Niederösterreich, die Steiermark und das Burgenland für Hofer, Van der Bellen hatte dagegen eine Mehrheit in Vorarlberg und in der Bundeshauptstadt Wien. Tirol dürfte sich nach Auszählung der Wahlkarten auch noch zugunsten Van der Bellens drehen.

Der verdankt sein gutes Ergebnis vor allem den Städten. In acht von neun Landeshauptstädten liegt Van der Bellen vor Hofer, lediglich in Eisenstadt gab es eine knappe Mehrheit für den FPÖ-Kandidaten Hofer. Aber auch dieses Ergebnis könnte sich nach Auszählung der Wahlkarten noch drehen. Besonders auffällig ist das gute Ergebnis in Klagenfurt, wo Van der Bellen im ersten Wahlgang nur Dritter hinter Hofer und Irmgard Griss war.

In Wien hatte Van der Bellen eine Mehrheit von 66 Prozent. Er konnte sich über satte Mehrheiten in fast allen Bezirken freuen. Nur Simmering und Floridsdorf votierten heute mehrheitlich für den blauen Hofburg-Bewerber.

Der Sonntagnachmittag bescherte vor allem auch den Teams von Van der Bellen und Hofer ein wahres Wechselbad der Gefühle. In den ersten Hochrechnungen lag der FPÖ-Kandidat zum Teil noch recht deutlich voran. Der Abstand verringerte sich allerdings, je näher der Wahlschluss rückte.

In den vergangenen Wochen gab es mehrere nicht veröffentlichte Umfragen, die auf ein knappes Rennen zwischen Hofer und Van der Bellen schließen ließen. Vor dem Rücktritt von Bundeskanzler Werner Faymann waren die beiden Kandidaten knapp beieinander gelegen, mit leichtem Vorteil für Hofer. Unmittelbar nach dem Rücktritt Faymanns vergrößerte sich der Abstand von Hofer. In der letzten Woche vor der Wahl trat mit der Stabilisierung der politischen Lage durch die Angelobung des neuen Bundeskanzlers Christian Kern aber ein Effekt ein, der Van der Bellen nutzte. Offenbar auch durch das Bekenntnis Kerns, aber auch der ehemaligen Kandidatin Irmgard Griss konnte Van der Bellen wieder aufholen.

Für beide Kandidaten wird es jedenfalls eine schwierige Nacht. (red, 22.5.2016)

  • Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer stecken noch einmal die Köpfe zusammen. "Fifty-fifty", wie der Grüne sagte, ließ beide Kandidaten noch nicht jubeln.
    foto: cremer

    Alexander Van der Bellen und Norbert Hofer stecken noch einmal die Köpfe zusammen. "Fifty-fifty", wie der Grüne sagte, ließ beide Kandidaten noch nicht jubeln.

  • derstandard.at

    Wahlparty von Norbert Hofer.

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    Wahlparty von Alexander Van der Bellen.

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    Der Leiter der Wahlbehörde im Interview.

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  • Hofer und Van der Bellen am Wahlabend.
    foto: reuters/bader

    Hofer und Van der Bellen am Wahlabend.

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