Philharmoniker: Lichtstrahl inmitten luxuriöser Güte

22. Mai 2016, 21:10
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Die Wiener Philharmoniker, Christoph Eschenbach und Lisa Batiashvili im Musikverein

Wien – Er scheint sich zum ersten Ersatzmann der Wiener Philharmoniker zu entwickeln: Bei den Salzburger Festspielen hatte Christoph Eschenbach in den letzten Sommern Teile des Da-Ponte-Zyklus von Franz Welser-Möst übernommen, in Wien leitete der 76-Jährige nun statt des erkrankten Esa-Pekka Salonen das achte Philharmonische Abonnementkonzert der Saison. Das Programm wurde nur leicht geändert: Anstelle der Beethoven-Ouvertüre König Stephan gab's den wirkungsvollen Egmont, aus Schumanns Symphonie Nr. 3 wurde die Nr. 2.

Das Herzstück des Programms blieb unverändert: Die wundervolle Lisa Batiashvili spielte Brahms' Violinkonzert: Die gebürtige Georgierin tat es am Samstagnachmittag mit der ihr eigenen Souveränität und einem Geigenton, der wie ein Lichtstrahl war. Bei aller Schlankheit doch dicht, hell und präsent. Immer wieder frappierend, dass ein paar Pferdehaare, die über ein wenig Stahl gezogen werden, der über ein Stück Holz gespannt ist, solche klangliche Zaubereien hervorbringen. Wunder der Menschheit.

Russische Schule

Batiashvilis solistischer Eintritt in das Marathonwerk war eine Kampfansage, die energischen Passagen gelangen packend und bissig, die virtuosen Stellen blitzsauber. Das lyrische Thema des Kopfsatzes präsentierte die 1979 in Tiflis geborene Ausnahmegeigerin mit intensivem, leicht bohrendem Druck der russischen Schule, die Wiener Philharmoniker interpretierten das Thema weicher, wärmer, schwingender. Die Leistung des Orchesters war wieder einmal von luxuriöser Güte: wundervoll etwa der tastende Eintritt der Vereinsmitglieder zum Ende der Busoni-Kadenz des ersten Satzes.

Zu Beginn hatten Eschenbach und die Philharmoniker bei Beethovens Egmont-Ouvertüre großes Drama geboten: Das Wechselspiel zwischen brutaler Machtdemonstration und einsamer Klage wurde zelebriert, der Durchbruch zur Euphorie im Per-aspera-ad-astra-Werk hatte befeuernde Kraft. Bei Schumanns 2. Symphonie in C-Dur war alles Elan, Eleganz, Esprit und Elastizität; Eschenbachs Gestaltung bot eine Fülle gewinnender Details: toll etwa das verspielte erste Trio des Scherzos. Das etwas zerdehnte Adagio espressivo geriet sogar fast einen Tick zu kunstvoll – wenn so etwas denn möglich ist. Jubel. (Stefan Ender, 22.5.2016)

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