Cannes: Goldene Palme für Ken Loachs "I, Daniel Blake"

22. Mai 2016, 20:42
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Die 69. Filmfestspiele von Cannes waren ein starker Jahrgang. In den Preisen hat sich der Mut zu anarchischen Ideen jedoch nicht niedergeschlagen

Cannes – Um Ordnungen wiederherzustellen, muss man Routinen durchbrechen. Der Wettbewerb von Cannes ist die Königsklasse aller Filmfestivals, allerdings war er in den letzten Jahren ein wenig zum Boutiquehotel für die immer gleichen arrivierten Autoren verkümmert. Mit diesem Stillstand wurde in der 69. Ausgabe gebrochen. Nicht radikal, aber doch vehement genug, um am Ende klare Verschiebungen erkennen zu können. Wer ein vielfältiges Gegenwartskino erleben, wer von der Magie filmischer Momente wiederholt berauscht werden wollte, der musste in diesem Jahr nicht zwischen den einzelnen Sektionen hin und her pilgern. Man konnte ruhig bleiben.

Die Preise spiegeln das leider nur sehr bedingt wider. Der Brite Ken Loach bewegt sich in I, Daniel Blake, in dem sich ein Arbeiter mit Herzbeschwerden gegen Bürokratiemühlen zu behaupten versucht, auf recht routinierten Wegen – die Jury hat das engagierte, moralisch etwas zu ausgeleuchtete Drama mit der Goldenen Palme prämiert.

Und der kanadische Regiewunderknabe Xaxier Dolan, der überraschend den Großen Preis der Jury erhielt? Er hat sich mit seiner Adaption von Jean-Luc Lagarces Theaterstück Juste la fin du monde trotz Staraufgebots keinen allzu guten Dienst erwiesen. Erlesen fotografierte Großaufnahmen von Marion Cotillard, blauer Lidschatten von Nathalie Baye, Wut- und Wortkaskaden von Vincent Cassel und ein lebensmüder Gaspard Ulliel dazwischen. Das Familiendrama dreht sich von Anfang an auf Hochtouren, dabei gehen die Nuancen schnell einmal verloren.

Größte Auslassung

Die größte Begeisterung bei Publikum und Kritik erntete Toni Erdmann. Dass Maren Ades Film am Ende ganz leer ausging, war die eklatanteste Auslassung der Jury unter der Leitung George Millers. Vielleicht erschien ihr die Komödie nicht als gewichtig genug. Dabei ist dieser so reichhaltige Film damit ohnehin nur richtig umschrieben, wenn man diese als jene vollständige Form betrachtet, die sie eigentlich ist. Nur die Komödie hat die Freiheit, Menschen mit all ihren Einschränkungen abzubilden. In Toni Erdmann geht es um festgeschriebene Rollen und solche, in die man unvermutet schlüpft. Das schließt auch jene ein, die Generationen vorgeben.

Eine Vater-Tochter-Geschichte, sie erfolgreiche Unternehmensberaterin in Rumänien, er ein anarchischer Spaßvogel, ein Alt-68er, der sich mit falschem Gebiss und dämlicher Perücke in ihr Leben zurückdrängt. Sandra Hüller und Peter Simonischek spielen dieses Duo, ja, dieses Duell famos. Toni Erdmann erzählt von der Wirkkraft, das dieses Aus-der-Rolle-Fallen gegenüber den angeblich so unerschütterlichen Gesetzen der Tatkraft hat.

Verrückte Ideen

Es war nicht der einzige Film, der etwas Verrücktes an sich hatte, eine Lust am Unsinn, mit dem auch gegen jenes Kino angerannt wird, das sich artig an die Regeln der Wahrscheinlichkeit klammert. Der französische Eigenbrötler Bruno Dumont ließ in seinem wunderlichen Slapstickfilm Ma loute groteske Körper und Kannibalen auf das Publikum los, bis es erschöpft in den Stühlen lag. Und Paul Verhoeven demonstrierte am Ende des Festivals mit Elle, dass man selbst über das Thema Vergewaltigung eine herrlich bösartige Komödie drehen kann.

Isabelle Huppert verkörpert darin eine Computerspielentwicklerin, die in ihrem Haus von einem Einbrecher sexuell missbraucht wird, danach aber keine Spur eines Traumas erkennen lässt. Beim Abendessen mit Freunden erwähnt sie den Vorfall en passant. Sie verliert nie die Fassung, auch dann nicht, als sie der Täter erneut kontaktiert. Sie ist nicht gemacht dazu, Opfer zu sein. Das verträgt sich vortrefflich mit dem Rollenprofil der Huppert, dieser Königin der Kaltschnäuzigkeit.

foto: cannes
Isabelle Huppert in Paul Verhoevens "Elle".

Verhoeven hat eine eigene Form des Surrealismus entwickelt, bei dem auf den ersten Blick alles richtig erscheint, auf den zweiten aber eigentlich gar nichts mehr. Elegant wie eines dieser Gesellschaftsstücke von Claude Chabrol inszeniert, ist Elle freilich beseelt von eiskalter Ironie gegenüber all jenen moralischen Vorstellungen, die das Auskommen der Geschlechter regeln.

Auch die Filme des Franzosen Alain Guiraudie arbeiten an der Ausweitung von Rollenmustern. Rester vertical hat er als seinen bisher queersten Film bezeichnet, und tatsächlich verblüfft er durch die Beweglichkeit, mit der die Figuren ohne Vorbereitung ungewöhnliches Paarungsverhalten an den Tag legen. Die Szene, in der sein Held einem betagten Misanthropen Sterbehilfe gewährt, gehörte zu den mutigsten des Festivals. Dabei läuft der Film gar nicht auf den vordergründigen Effekt hinaus, sondern besticht als märchenhafte Parabel über die Sehnsucht, sich von gängigen Lebensmodellen zu befreien.

An einer Stelle verharren

Die Hoffnung, sich gegen äußeren Druck durchsetzen zu können und einen Ort zu verteidigen, der ein Stück weit auch in der Erinnerung liegt, das zeichnet wiederum Kleber Mendonça Filhos Aquarius aus. Mit der so geerdeten wie leidenschaftlichen Clara (bravourös verkörpert von der brasilianischen Diva Sônia Braga) hatte Filho eine der beeindruckendsten Protagonistinnen aufzubieten. Die ehemalige Musikkritikerin weigert sich nicht nur beharrlich, ihre Wohnung am großen Sandstrand von Recife zu räumen, sie lässt sich auch nicht auf ihr Alter festlegen. Sie nimmt sich immer noch das, wonach ihr steht.

Es waren starke Frauenfiguren wie sie, eigensinnige, störrische, manchmal auch isolierte Heldinnen, die das Festival geprägt haben. Neben Hüller, Huppert und Braga auch Adèle Haenel in La fille inconnu von den Dardenne-Brüdern, deren melancholische Insistenz in Erinnerung bleibt. Oder die durch Transiträume schwebende Kristen Stewart aus Personal Shopper, die glaubt, mit dem Geist ihres verstorbenen Bruders SMS auszutauschen. Olivier Assayas’ Idee, die Ungebundenheit in modernen Arbeits- und Lebenswelten mit der Geisterwelt in Verbindung zu bringen, verdankt sich dem Ehrgeiz, die Gegenwart aus anderen Augen zu durchdringen. Immerhin wurde der Franzose als bester Regisseur ex aequo mit dem Rumänen Cristian Mungiu ausgezeichnet.

In Mungius Bacalaureat wurde man allerdings das Gefühl nicht ganz los, diese Form des sozialrealistischen Dramas, das durch staatliche Instanzen führt, auf Festivals schon zu oft gesehen zu haben. Der Film um einen Vater, der seiner Tochter nach einer Attacke unbedingt zu Bestnoten bei der Matura verhelfen will, ist gleichwohl ein Beispiel an dramaturgischer Verdichtung.

Nicht alles tritt so ein, wie man es erwartet – das ist vielleicht das schönste am Kino. Bei Jury-Entscheidungen hat es einen bitteren Nachgeschmack. Vor allem in einem Jahr, in dem es an herausragenden Filmen keinerlei Mangel gab. (Dominik Kamalzadeh, 22.5.2016)

Goldene Palme: "I, Daniel Blake" von Ken Loach

Großer Preis der Jury: ""Juste la fin du monde" von Xavier Dolan

Beste Regie: Olivier Assayas für "Personal Shopper" / Cristian Mungiu für "Bacalaureat"

Preis der Jury: "American Honey" von Andrea Arnold

Bester Darsteller: Shahab Hosseini in "The Salesman"

Beste Darstellerin: "Jaclyn Jose" in Ma’ Rosa

Bestes Drehbuch: Asghar Farhadi für "The Salesman"

Caméra d’or für bestes Debüt: "Divines" von Houda Benyamina

Hauptpreis Un Certain Regard: "The Happiest Day in the Life of Olli Maki" von Juho Kuosmanen

  • Ken Loach mit der Goldenen Palme für "I, Daniel Blake".
    foto: apa/afp/pizzoli

    Ken Loach mit der Goldenen Palme für "I, Daniel Blake".

  • Shahab Hosseini (Mitte) mit dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi.
    foto: apa/afp/hache

    Shahab Hosseini (Mitte) mit dem iranischen Regisseur Asghar Farhadi.

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