Afghanische Taliban vor Machtkampf

22. Mai 2016, 15:51
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Taliban-Chef Mullah Akhtar Mansur wurde offenbar von einer US-Drohne getötet

Kabul/Dubai – Nur zehn Monate, seit Ende Juli 2015, stand Mullah Akhtar Mansur an der Spitze der afghanischen Taliban. Nun hat ihn offenbar eine US-Drohne erwischt, als er am Samstag im Auto in der pakistanischen Provinz Belutschistan nahe der afghanischen Grenze unterwegs war. Mansur sei tot, erklärten Regierungschef Abdullah Abdullah und der Geheimdienst am Sonntag. Die USA äußerten sich zunächst vorsichtiger, bestätigten aber, dass US-Präsident Barack Obama persönlich den Drohnenangriff auf Mansur angeordnet hatte. Es werde noch Tage dauern, bis Mansurs Schicksal eindeutig geklärt sei, so die USA. Die beiden Männer in dem Auto sind bis zur Unkenntlichkeit verbrannt.

Von den Taliban kamen widersprüchliche Aussagen. Der Nachrichtenagentur AP bestätigte ein Taliban-Kommandant Mansurs Tod. Dagegen erklärten andere Taliban in einer telefonischen Botschaft: "Er lebt. Es gab keinen Anschlag auf ihn."

Zweifel an militärischer Schwäche der Taliban

Die USA werteten den möglichen Tod Mansurs, der zwischen 1960 und 1970 in der Provinz Kandahar geboren wurde, als Erfolg im Kampf gegen den Terror. Doch Experten bezweifeln, dass dies die Taliban militärisch schwächt. Entscheidend sei, wie sich Mansurs Tod auf die Friedensgespräche auswirkt. Seit Monaten bemüht sich eine Vierergruppe aus Afghanistan, Pakistan, China und den USA, die Taliban an den Verhandlungstisch zu holen.

Doch die weigern sich. Die USA und Afghanistan machten Mansur dafür verantwortlich. Er habe den Taliban verboten, an Gesprächen teilzunehmen. Mansur sei Friedensbemühungen im Wege gestanden und sei eine "unmittelbare Bedrohung" gewesen, erklärte US-Außenminister John Kerry. Beide Länder hoffen nun offenbar auf neue Chancen für Gespräche.

Haqqani könnte folgen

Doch das ist offen, zumal es zu Machtkämpfen innerhalb der Taliban kommen könnte. Als möglicher Nachfolger kommt sein Stellvertreter Sirajuddin Haqqani infrage, der das berüchtigte Haqqani-Netzwerk führt. Er gilt als skrupellos und als Gegner von Gesprächen. Seiner Terrorgruppe werden viele besonders blutige Anschläge angelastet, unter anderem die Terrorattacke vom 19. April in Kabul, bei der 64 Menschen starben. Aber auch der Bruder und der Sohn des legendären Talibanführers Mullah Omar, Mullah Abdul Manan und Mullah Yaqub, könnten den Chefposten reklamieren.

Zweifel, dass Mansur noch am Leben ist, bestehen seit Ende 2015. Damals haben Rivalen auf ihn geschossen und der afghanische Geheimdienst von seinem Tod berichtet. Seitdem hat es nur eine angeblich von ihm stammende Audiobotschaft gegeben, aber kein Video mehr. (Christine Möllhoff, 22.5.2016)

  • Schauplatz des US-Luftangriffs: die pakistanische Stadt Quetta.
    foto: apa/afp

    Schauplatz des US-Luftangriffs: die pakistanische Stadt Quetta.

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