Bildungsreformen: Rauchen und Auslesen

Kommentar der anderen22. Mai 2016, 18:01
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Angeblich will die neu besetzte Bundesregierung ihre Handlungskompetenz im Bildungsbereich demonstrieren. Ein erster Schritt wäre es, die viel zu frühe Selektion nach der Volksschule endlich abzuschaffen

Erziehungswissenschafter, die sich mit der Tüchtigkeit und Fairness des österreichischen Sekundarschulwesens beschäftigen, sind bei der AHS-Lehrerschaft und Bildungspolitikern der ÖVP ungefähr so beliebt wie Lungenfachärzte bei Rauchern und Trafikanten. Die einen belästigen Raucher mit den gesundheitsschädigenden Nebenwirkungen des Rauchens, die anderen verärgern die Gymnasiallehrer mit Belegen für die Unfairness der frühen schulischen Auslese.

Es ist eher unwahrscheinlich, dass es heutzutage noch Mediziner gibt, die mit dem Hinweis, dass das Rauchen den Rauchern Genuss bereitet, dass auch Nichtraucher früh sterben können oder dass Helmut Schmidt 97 Jahre alt geworden ist, zu argumentieren versuchen, Rauchen oder Nichtrauchen sei einerlei, es komme nur auf die sonstige Lebensführung an. Es gibt jedoch sehr wohl noch sogenannte Bildungsexperten, die meinen, für die Bildungskarriere sei es egal, welchen Schultyp man auf der Sekundarstufe I besucht; die Auslese mit zehn Jahren sei belanglos, man müsste nur den Schulen mehr Geld geben, damit sie aus sich das Beste machen; die Struktur des Schulsystems könne so bleiben, wie sie ist.

Radeln und mehr Salat

Das ist so, als ob Lungenfachärzte sagen würden: Sie können ruhig weiterrauchen, aber kaufen Sie sich ein Fahrrad und essen Sie mehr Salat.

Die jüngste Demonstration der österreichischen Tendenz, die Frage nach der Tauglichkeit der aus dem ständischen 19. Jahrhundert stammenden Schulorganisation zu verdrängen, war die öffentliche Reaktion auf den von der Statistik Austria vorgelegten Bericht "Bildung in Zahlen 2014/15". Sie gipfelte in der Aussage, dass nicht der besuchte Sekundarschultyp für die Bildungskarriere eines Kindes wesentlich sei, sondern der Schulstandort. Wie kommt es zu diesem massenmedialen Trugschluss, der natürlich keine einzige "bildungsnahe" Familie davon abbringen wird, ihr Kind an eine AHS-Unterstufe zu schicken?

Politisch brisant

Ähnlich wie die alle drei Jahre erscheinenden (aber kaum gelesenen) Nationalen Bildungsberichte bieten die Jahresberichte der Statistik Austria Einblick in die Wirkungsweise des österreichischen Schulsystems. Vieles davon ist nicht neu, aber deswegen bildungspolitisch nicht weniger brisant: etwa der Bonus, den Kinder aus bildungsnahen Familien haben; das Stadt-Land-Gefälle beim Schulbesuch weiterführender Schulen; die hohen Sitzenbleiberzahlen in den ersten Jahren von Oberstufenrealgymnasien und berufsbildenden höheren Schulen, die aus dem "Missbrauch" dieser Schulen als Alternativen zur ungeliebten Polytechnischen Schule resultieren; das Handicap, Migrantenkind zu sein ...

Die Statistik Austria hat im heurigen Bericht besonderes Augenmerk auf den Vergleich der Schulkarrieren von Schülerinnen und Schülern auslaufender Hauptschulen, anlaufender Neuer Mittelschulen (NMS) und wohletablierter AHS-Unterstufen gerichtet. Für viele der Befunde gilt die Einschränkung "Nix Genaues weiß man nicht". Die Neue Mittelschule befindet sich "in transition", das heißt in unterschiedlichen Stadien der (freiwilligen oder auferlegten) Entwicklung einer "neuen Lernkultur", und wie die Lehrer von AHS-Oberstufen und BHS mit der neuen Leistungsbeurteilung und der siebenstufigen Benotungspraxis der Neuen Mittelschule zurechtkommen, ist schwer einzuschätzen.

Aspirationsschub

Zwei Erkenntnisse sind allerdings bemerkenswert und stimmen überein mit früheren deutschen und englischen Forschungsergebnissen. Die Kultur beziehungsweise das "Ethos" nichtselektiver Schulen bewirkt bei vielen Kindern aus bildungsfernen Familien einen "Aspirationsschub", das heißt die erhöhte Bereitschaft zum Übertritt an weiterführende Schulen. Und zweitens zeigt sich, dass Schulen desselben Typs und mit einem ähnlichen sozial-regionalen Einzugsgebiet ganz unterschiedlich imstande sind, die Begabungen ihrer Kinder zu mobilisieren. Es gibt gute und un-gute Schulen.

Kein Anlass zur Hoffnung

Aber nichts berechtigt zur systemischen Verallgemeinerung, dass der Standort einer Schule für die Bildungskarriere bedeutsamer ist als der Schultyp, und nichts gibt Anlass zur Hoffnung, dass die städtischen Neuen Mittelschulen ihren Underdog-Status neben der AHS-Unterstufe überwinden könnten.

Bei Überlegungen, in welchen Politikbereichen die gegenwärtige Koalitionsregierung in der verbleibenden Funktionsperiode ihre Problemlösungskompetenz unter Beweis zu stellen hätte, wird immer wieder "Bildung" erwähnt. Was könnte getan werden, um von der unglückseligen "Bildungsreform" des vergangenen Herbstes zu retten, was zu retten ist? Die Ermöglichung von zwei Jahren qualitätsvoller Vorschulerziehung sowie eine "sozialindexbasierte" Schulfinanzierung, die berücksichtigt, dass manche Schulen aufgrund ihres Einzugsgebietes einen sehr viel größeren sozialen "Malus" zu kompensieren haben als "Durchschnittsschulen", scheinen außer Streit zu stehen, müssen aber erst einmal budgetiert werden.

Sinnlose Modellregionen

Was allerdings die Struktur und Organisation der Schule der Zehn- bis Fünfzehnjährigen betrifft, sollten sich Bildungsministerium und die Bildungsreformgruppe klar werden, dass die Einrichtung von sogenannten Modellregionen sinnlos ist. Was sollte dort in Schulversuchen erprobt und entwickelt werden, was nicht europaweit schon seit Jahrzehnten bekannt ist? Das OECD-Projekt "Equity and Quality in Education" fasst den Stand der Forschung in zwei zentrale Empfehlungen zusammen, die wie direkt an die österreichische Bildungspolitik gerichtet klingen:

"Avoid early tracking and defer student selection to upper secondary." Also: Vermeidet eine frühe Trennung der Schullaufbahnen und verlegt die Auslese in die Sekundarstufe II. Und zweitens: "Manage school choice to avoid segregation and increased inequities." Das heißt: Organisiert die elterliche Wahl von Sekundarschulen so, dass soziale Segregation vermieden und (außerschulisch produzierte) Chancenungleichheit nicht noch erhöht wird.

Zeitverschwendung

Modellregionen wären eine Verschwendung von Zeit, Ressourcen sowie des Engagements und guten Willens der Lehrerschaft und erinnern fatal an einen anderen unüberlegten politischen Kompromiss: die Einrichtung von Nichtraucherzonen in Gasthäusern und Restaurants. Nach viel unnötigem Frust und Ärger wird das Rauchen in der Gastronomie nun doch 2018 endgültig abgeschafft.

Jahrelanges Herumbasteln

Ob auch die Abschaffung der schulischen Auslese der Zehnjährigen bis dahin zu erreichen sein wird, ist eine offene Frage, aber ein jahrelanges Herumbasteln an absehbar untauglichen Pseudoreformen sollte man dem österreichischen Schulwesen doch ersparen. (Karl Heinz Gruber, 23.5.2016)

Karl Heinz Gruber (Jahrgang 1942) ist ehemaliger Ordinarius für Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Wien; ihm wurde vor kurzem das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien verliehen.

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