Hofer und Van der Bellen beendeten Wahlkampf

20. Mai 2016, 19:55
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Letzte Auftritte am Freitag in Wien – Beide Kandidaten optimistisch

Wien – Alexander Van der Bellen ist der Erste. Zumindest beim Beginn der Wahlkampfabschlüsse. Um 16.30 Uhr lädt er sein Team in den Wiener Votivpark. Dessen namensgebende Kirche ziert ein gigantisches Werbeplakat, das "Das Beste in Grün" verspricht – allerdings für einen grünen Fruchtsaft, nicht für den formell unabhängigen Kandidaten. Mehrere Hundert Unterstützer empfangen Van der Bellen dort mit Applaus. "Heute ist Freitag, der 20., oder?", vergewissert der sich zu Beginn seiner Rede – und fügt entschuldigend hinzu: "Der Wahlkampf hinterlässt schon Spuren."

Er habe aber das Gefühl, dass sich "etwas bewegt", besonders in der letzten Woche, sagt Van der Bellen vor gelben Luftballons und eifrig klatschenden Fans. Am Sonntag stehe eine "echte Richtungsentscheidung" bevor: Zwischen einem "offenen Österreich, auf das wir stolz sein können" und "etwas, worauf ich gar nicht näher eingehen will" – jedenfalls etwas "Kleines", "Rückwärtsgewandtes".

Zuverlässige Zahlen kenne er zwar nicht, sagt der Kandidat, aber er habe das Gefühl, es stehe "Spitz auf Knopf". Deshalb soll man neben der eigenen Wahl noch Freunde, Kollegen und Bekannte anrufen und ihnen ins Gewissen reden, das Richtige zu tun. "Nämlich: Eh." Den obligatorischen Dank an seine Unterstützer versüßt Van der Bellen mit einer optimistischen Wahlprognose: "Die Fehler nehme ich auf mich. Aber der Gewinn ist ein Gewinn von uns allen." Seine Anhänger danken’s mit "Saschi! Saschi!"-Rufen.

Schon am Vormittag hat der frühere Grünen-Chef noch einmal an die Unentschlossenen appelliert: "Ich weiß schon, dass manche meiner politischen Einstellungen von früher oder von jetzt nicht auf hundertprozentige Zustimmung stoßen." Aber: "Wenn Sie schon große Vorbehalte gegen mich haben, überlegen Sie, ob die gegenüber meinem Konkurrenten nicht noch größer sind."

Ohne seinen Gegenkandidaten Norbert Hofer oder die FPÖ zu nennen, warnt Van der Bellen vor "Austrittsfantasien", der Aufhebung des Schengenraums und dem Austritt aus der Währungsunion. "Das gefährdet Arbeitsplätze." Erneut warnt er vor einer "blauen Republik" und dem Wunsch Heinz-Christian Straches, Südtirol selbst entscheiden zu lassen, ob es künftig zu Österreich gehören will. Der FPÖ-Chef sei wie ein "Elefant im Porzellanladen", der europäische Beziehungen gefährde.

Ärger im Finale

Die FPÖ muss sich kurz vor dem Wahltag noch mit Ungereimtheiten in der Schilderung einer Israel-Reise ihres Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer herumschlagen.

Die Abschlussveranstaltung für Hofer hält die FPÖ ab 17.30 Uhr auf dem Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten ab. Als Einklatscher fungiert der Wiener FPÖ-Mandatar Johann Gudenus, der vor allem mit zwei Wortspenden aufgefallen ist: "Ich spüre eine positive Kraft." Und: "Wenn Sie in ein Spital gehen und behandelt werden wollen, was passiert? Ein sogenannter Flüchtling wird einem Österreicher vorgereiht." Während John Otti musikalisch sein Bestes gibt, fährt Hofer mit der Hebebühne hoch. Die Tränen, die er sich vor eingefleischten Fans und Medien, die sich seitlich der Bühne postiert haben, wegwischt, sehen leider nicht alle.

Aber der Kandidat posaunt die Rührung auch ins Mikro: "Ich tu mir heut ein bissl schwer, die richtigen Worte zu finden." Gefunden hat er: den Dank an die Aufbaugeneration, das herzliche "Willkommen" für jene, die in Österreich eine neue Heimat gefunden haben, sowie die Botschaft an jene, "die für den IS in den Krieg ziehen, Frauen vergewaltigen", nämlich: "Das ist nicht eure Heimat." Außerdem verspricht er seinen Anhängern: "Ihr werdet mich ganz oft treffen – unter euch." Etwa auf Kinderspielplätzen, in Kleinfirmen, in Kaffeehäusern.

Weniger gemütlich legt der Parteichef die Rede an. Heinz-Christian Strache übernimmt die Regierungsschelte ("eine Chaospartie, ärger als das BZÖ"), die Van-der-Bellen-Herabwürdigung und den Medienrüffel ("Manipulationsauftragsarbeit" des ORF). Als sich die Reihen der blauen Anhänger immer deutlicher lichten, findet Strache seinen Schluss.

Hymne, vom Wind verwehter Konfettiregen, Fahnenschwenke rei. Und erstmals "Hofer, Hofer" statt "HC, HC"-Geschrei.

Gegen Hofer positionierte sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Mit Blick auf einen möglichen Sieg eines Freiheitlichen sehe er sich gezwungen zu sagen, "dass ich sie nicht mag", sagte Juncker in einem am Freitag veröffentlichten Interview mit der französischen Zeitung "Le Monde". "Die Österreicher hören das nicht gern, aber das ist mir egal", so Juncker: "Mit den Rechtspopulisten ist weder eine Debatte noch ein Dialog möglich."

Bei einem möglichen knappen Ergebnis am Sonntagabend könnten die Wahlkarten eine entscheidende Rolle spielen. 885.327 wurden beantragt – deutlich mehr als beim ersten Wahlgang (642.000).

Spannend bis zum Schluss

Ausgezählt werden sie erst am Montag. Möglicherweise gibt es also erst dann einen Sieger. Beim ersten Durchgang sank Hofer durch die Wahlkarten noch von 36,4 Prozent auf 35,1 Prozent ab, Van der Bellen hingegen steigerte sich von 20,4 auf letztlich 21,3 Prozent. (koli, riss, sefe, völ)

  • Van der Bellen sprach im Votivpark zu Anhängern.
    newald

    Van der Bellen sprach im Votivpark zu Anhängern.

  • Der ehemalige Grünen-Chef kam auf Platz zwei im ersten Wahlgang.
    newald

    Der ehemalige Grünen-Chef kam auf Platz zwei im ersten Wahlgang.

  • Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache und Ursula Stenzel am Viktor-Adler-Platz im 10. Bezirk in Wien.
    fischer

    Norbert Hofer, Heinz-Christian Strache und Ursula Stenzel am Viktor-Adler-Platz im 10. Bezirk in Wien.

  • fischer


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