Wenn Kinder schlagen: Aggressionen in den Sand setzen

Kolumne22. Mai 2016, 16:55
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Wenn Kinder über Jahre andere Kinder schlagen, kann es helfen, sie therapeutisch an ihre Innenwelt heranzuführen – etwa mithilfe der Sandspieltherapie

Frage

Ich bin 27 Jahre alt und habe eine fünfeinhalbjährige Tochter. Da ich am Ende meiner Kraft bin und seit vier Jahren alles Mögliche versuche, wende ich mich nun an Sie um Rat. Ich möchte Ihnen kurz schildern, worum sich mein Problem dreht: Meine Tochter greift andere Kinder und auch Tiere immer wieder tätlich an.

Als Sie eineinhalb Jahre alt war, fing sie an, in der Kinderkrippe andere Kinder an den Haaren zu ziehen und zu beißen. Da gab es zwischendurch auch Haarbüschel und blutende Kinder. Die Pädagogen dort waren, so wie ich auch, mit der Situation überfordert. Meine Tochter musste dann immer auf einem Stuhl in der Ecke sitzen, da die anderen Kinder auf diese Weise geschützt wurden. Mir tat diese Situation sehr leid, und deshalb habe ich nach einer Lösung gesucht.

Ich muss dazusagen, dass sie auch vor der Kinderkrippe immer schon etwas grob im Umgang mit anderen Kindern war. Auch ich wurde immer wieder gezwickt und geschlagen, das macht sie jetzt aber nicht mehr. Mit drei Jahren kam sie dann in einen privaten Montessori-Kindergarten. Ihr Vater und ich haben uns dafür entschieden, weil wir eine gute Möglichkeit sahen, unsere Maus ohne Strafen und Demütigung an einen gewaltfreien Umgang mit anderen Menschen und Tieren heranzuführen.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen, und das Ganze hat sich leider nicht verbessert. Als kleinen Erfolg können wir verbuchen, dass sie nur mehr schlägt und kratzt. Aber das ist mir leider auch keine große Hilfe. Ich führe auch regelmäßig Gespräche mit den Betreuern, die uns aber nicht wirklich weiterbringen. Mittlerweile wissen auch die Pädagogen keinen Rat mehr.

Zurzeit bin ich mit meiner Tochter bei einer Osteopathin, die meinte, dass ihre "Kopfmembran" zu eng ist und deshalb mit großem Druck und somit großer Aggression nicht umgehen kann. Ich persönlich kann damit nicht viel anfangen, und verbessert hat sich seit dem Termin auch nichts.

Wir haben immer versucht, ihr ein glückliches und unbeschwertes Leben zu ermöglichen, so gut es eben ging. Ihr Vater und ich hatten es auch nicht immer leicht, da sie nicht geplant war und wir sehr jung Eltern wurden. Und egal, mit wem wir sprechen: Im Endeffekt kommen alle zu dem Ergebnis, dass die Wurzel des Übels bei uns zu Hause liegt. Ich kann das nicht mehr hören. Wir schlagen nicht, wir beißen nicht, und wir reißen niemandem die Haare aus.

Mittlerweile ärgert mich das Ganze sehr, weil meine Tochter ein sehr intelligentes und wissbegieriges Kind ist. Wenn sie will, kann sie sehr liebevoll sein. Sie hat ein wunderbares Wesen, aber diese gewalttätige Art passt einfach nicht dazu. Manchmal, wenn man mit ihr spielt und zum Beispiel eine Kissenschlacht macht, dann sieht man den Zorn in ihren Augen. Da wird dann das Spiel zum Streit.

Wir versuchen auch immer wieder, mit ihr zu reden, nachzufragen, wie es ihr geht und was sie braucht. Wir sagen ihr immer wieder, dass wir sie sehr lieb haben, ihr Verhalten aber nicht möchten. Ich hoffe, Sie können mir weiterhelfen.

Antwort

Ihre Zeilen machen mich sehr traurig, und es tut mir sehr leid für Sie alle. Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen helfen kann. Was ich denke: Ich glaube nicht, dass die Aggression Ihrer Tochter physiologischen Ursprungs ist und dass deshalb die Besuche bei der Osteopathin nicht besonders hilfreich waren. Selbst wenn sie das wären – Ihrer Tochter fehlen fünf Jahre des Lernens, wie sie mit ihrer Aggression umgehen kann und wie sie sich auf positive Weise auf andere Kinder einlassen kann.

Mir ist bewusst, dass das Verhalten Ihrer Tochter für Sie alle extrem anstrengend war und ist, und ich sehe wenig Sinn darin, sie im Moment noch mehr unter Druck zu setzen. Mein Vorschlag ist, ihr eine sogenannte Sandspieltherapie zu ermöglichen: Das ist eine Methode zur psychosozialen Diagnostik und nonverbalen Psychotherapie für Menschen aller Altersstufen. Das wird ein langsamer, kreativer und sehr aufschlussreicher Prozess zwischen ihr und der Therapeutin oder dem Therapeuten sein, der Ihnen beiden wertvolle Erkenntnisse eröffnen wird. Sie selbst sollten während der Sitzung aber nicht im Raum sein.

Ich schlage Ihnen diesen Weg vor, weil ich der Meinung bin, dass Sie zusätzlich zu den bereits vorhandenen spekulativen Theorien über die Ursache keine weitere brauchen. Es ist an der Zeit, dass Ihre Tochter an ihr Inneres herangeführt wird, und zwar in einer Atmosphäre, die nicht mit Angst, Erwartungen oder moralischen Beurteilungen behaftet ist. (Jesper Juul, 22.5.2016)

Jesper Juul, geboren 1948 in Dänemark, ist Lehrer, Gruppen- und Familientherapeut, Konfliktberater und Buchautor. Er studierte Geschichte, Religionspädagogik und Europäische Geistesgeschichte. Statt die Lehrerlaufbahn einzuschlagen, nahm er eine Stelle als Heimerzieher und später als Sozialarbeiter an und ließ sich zum Familientherapeuten ausbilden. Er ist Begründer des Family Lab.

Auf derStandard.at/Familie beantwortet Jesper Juul alle zwei Wochen Fragen über Erziehung, Partnerschaft und Familienleben. Seine nächste Kolumne erscheint am 5.6.2016.

  • Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.
    foto: family lab

    Familientherapeut, Autor und STANDARD-Kolumnist Jesper Juul.

  • Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.
    foto: family lab

    Diese Serie entsteht in Kooperation mit Family Lab Österreich.

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