"Ich mag ihn, egal, wen er jetzt wählt"

Interview21. Mai 2016, 09:00
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Christoph Flick findet, dass nur Van der Bellen Österreich repräsentieren kann, Viktor Niedermayr hält eine Veränderung und die Wahl Hofers für notwendig. Ein Streitgespräch unter Freunden

Auch wenn die Vorstellung schwierig ist, es gibt sie: Menschen, die einander nahestehen und die bei der Präsidentschaftswahl am Sonntag doch unterschiedlich wählen. Einer den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer und der andere den ehemaligen Obmann der Grünen, Alexander Van der Bellen. Auf einen Facebook-Aufruf des STANDARD haben sich Familienmitglieder, Geschwister, Lebenspartner, beste Freunde gemeldet. Ihre Wahlentscheidung öffentlich diskutieren wollten schlussendlich nur Christoph Flick und Viktor Niedermayr. Die beiden Freunde waren sich bisher politisch einig, beide haben im ersten Wahlgang Andreas Khol (ÖVP) gewählt, nun spaltet sie die Stichwahl.

STANDARD: Wie kann man befreundet sein, wenn man so unterschiedlich wählt?

Flick: Man sollte zwischen politischen Ansichten und Sympathie unterscheiden. Ich mag ihn so, wie er ist, egal, wen er jetzt wählt.

Niedermayr: Ich sehe das genauso. Meine Freundin ist überzeugte Grün-Wählerin, auch sie wird für Van der Bellen stimmen. Gleich vorweg: Ich habe noch nie einen blauen Politiker, geschweige denn die FPÖ gewählt. Es fällt mir schwer, bei zwei so extremen Positionen Partei zu ergreifen, aber es ist ja eine Persönlichkeitswahl.

STANDARD: Warum haben Sie sich für Hofer entschieden?

Niedermayr: Weil er rhetorisch versierter ist und glaubwürdiger. Er war von vornherein Kandidat der Freiheitlichen. Van der Bellen hat erst gesagt, er ist unabhängig, dann hat sich herausgestellt, dass er die meisten Spenden von den Grünen bekommen hat.

STANDARD: Hat er Sie jetzt doch überzeugt?

Flick: Nein. Für mich ist Van der Bellen der Kandidat, der am ehesten staatsmännisch ist. Ich habe noch nie einen Linken gewählt, aber er repräsentiert Souveränität und kompetentes Auftreten. Auch in außenpolitischen Angelegenheiten. Für mich war von Anfang an klar, dass ich Hofer nicht wählen werde. Persönlich ist er mir sympathisch, aber seine Aussagen gefallen mir nicht. Dass er gesagt hat "Sie werden sich noch wundern, was geht" zeigt, dass er und die FPÖ mehr Macht wollen, als das Bundespräsidentenamt vorsieht.

Niedermayr: Diese Aussage ist aus dem Kontext gerissen. Er hat einfach auf die Verfassung hingewiesen, die dem Bundespräsidenten Möglichkeiten lässt, die bisher nicht genutzt wurden. Mich stört an Van der Bellen, dass er vieles, etwa die Probleme an den Grenzen, nicht anspricht oder in den Hintergrund rückt.

STANDARD: Ist das Flüchtlingsthema entscheidend bei dieser Wahl?

Flick: Zu einem großen Teil. Es gibt viele, deren Meinung nach im letzten Jahr zu viele Flüchtlinge gekommen sind. Die FPÖ redet dagegen, und deshalb wird sie gewählt. Für mich ist klar: Wer aus einem Kriegsgebiet kommt, soll Asyl bekommen. Wir haben die Kapazitäten und müssen sie aufnehmen. Wirtschaftsflüchtlinge kommen, weil in ihrem Land schlechte Bedingungen herrschen, das ist kein Asylgrund. Da unterscheidet auch Van der Bellen.

Niedermayr: Es ist natürlich völliger Blödsinn, dass Flüchtlinge nur kommen, um den Sozialstaat auszunutzen. Leute, die Schutz brauchen, weil sie vor Krieg flüchten, muss man aufnehmen. Es ist richtig, zwischen Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen zu differenzieren. Bei Van der Bellen bin ich da aber skeptisch. Er will die Stimmen der Mitte, ob er dann hart bleibt und zu Wirtschaftsflüchtlingen Nein sagt, da bin ich nicht sicher. Ich verstehe jeden, der nach Österreich kommen will, aber man muss darauf schauen, dass das Land die Kapazitäten hat.

Flick: Dieser Meinung bin ich grundsätzlich auch, aber ich lehne Zäune ab. Sie verändern, wie wir die Welt sehen. Wir in Europa können froh sein, dass wir eigentlich keine Grenzen mehr haben. Das war viel Arbeit. Ich bin für ein gemeinsames Europa, ich habe aber nicht verstanden, warum man sich nicht auf eine Verteilung der Flüchtlinge geeinigt hat. Das hat dann zu Grenzkontrollen und Zäunen geführt.

STANDARD: Was war für Sie als eigentlich konservativen Wähler entscheidend dafür, dass Sie Van der Bellen wählen?

Flick: Ich habe Heinz Fischer sehr geschätzt, er hat Österreich sehr gut vertreten. Dem kommt Van der Bellen einfach am nächsten. Er ist außerdem in Europa angesehener und beliebter.

Niedermayr: In seiner Szene. Man muss sich immer anschauen, wo die Menschen beliebt sind. Van der Bellen ist gebildet und sicher kompetent. Aber sein Alter und seine komplizierte Art zu sprechen machen ihn langsam. Er wirkt senil – ohne respektlos sein zu wollen. Ein Bundespräsident muss redegewandt sein und deutlich in seinen Aussagen. Zudem kommt noch das Schulmeisterliche, er wirkt arrogant. Er tut so, als müsste er mit seinem Wissen Österreich vor den Österreichern schützen.

Flick: Aber Van der Bellen ist doch der Typ, der Österreich zusammenhält.

Niedermayr: Er will 35 Prozent der Wähler ausschließen!

STANDARD: Sie spielen jetzt darauf an, dass Van der Bellen FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache als Kanzler verhindern will?

Niedermayr: Ein Kanzler Strache wäre natürlich völliger Irrsinn, das weiß Hofer sicherlich auch. Im Endeffekt würde ich sagen, dass die Ära Faymann mehr Schaden angerichtet hat als Schwarz-Blau, denn Erstere war eine Politik des Stillstands. Van der Bellen wirkt, als würde er den Stillstand weiterführen wollen. Die Rechtsextremen werden sich bis zur Nationalratswahl 2018 weiter aufschaukeln, wenn sich nichts ändert. Es ist besser, wenn ein blauer Präsident kommt und nicht später eine absolute FPÖ-Mehrheit im Nationalrat.

Flick: Ich würde die Bundespräsidentenwahl nicht mit der Nationalratswahl in Verbindung setzen. Van der Bellen nimmt sich nicht mehr Macht heraus, als ihm das Amt gibt. Der Wahlkampf Hofers wirkt so, als wollte er Bundeskanzler und Bundespräsident in einem werden.

STANDARD: Sie glauben also nicht, dass Hofer für Neuwahlen sorgen würde, sobald er Bundespräsident ist?

Niedermayr: Nein, das war eine populistische Aussage, um Aufmerksamkeit zu bekommen, so wie das die FPÖ eben macht. Er betont ja selbst, dass er mehrere Gespräche mit der Regierung führen würde, bevor er diesen Schritt setzt.

Flick: Ein Politiker sollte auch daran denken, was das für die europäischen Außenbeziehungen bedeuten würde. Wenn der Bundespräsident die Regierung entlässt, um den eigenen Parteichef zum Kanzler zu machen, dann wäre das gravierend in der Außenwirkung.

STANDARD: Wer wird am Sonntag gewinnen?

Niedermayr: Die Kriminalität, vor allem in Wien, spielt eher Hofer in die Hand. Etwa die tragische Geschichte in Ottakring, wo eine Frau erschlagen wurde.

Flick: Es wird entweder ganz knapp oder eindeutig, aber es wird wohl leider Hofer.

STANDARD: Sie haben sehr sachlich diskutiert. Streiten Sie nie, um den anderen zu überzeugen?

Flick: Jeder hat seine Meinung, da wächst Freundschaft darüber hinaus.

Niedermayr: Wir haben dieselbe politische Einstellung und stimmen nur in diesem Fall anders, das reicht nicht, um die Freundschaft ins Wanken zu bringen. (Lisa Kogelnik, 21.5.2016)

Christoph Flick (20) studiert Wirtschaftsrecht und Politikwissenschaft. Er ist Mitglied der Jungen ÖVP und in der Aktionsgemeinschaft.

Viktor Niedermayr (20) studiert Rechtwissenschaften an der Universität Wien. Auch er möchte sich künftig in der Volkspartei engagieren.

  • Christoph Flick (re.) wählt Van der Bellen, weil dieser in Europa angesehen ist. Viktor Niedermayr (li.) wählt Hofer, weil er ihn für glaubwürdig hält.
    foto: robert newald

    Christoph Flick (re.) wählt Van der Bellen, weil dieser in Europa angesehen ist. Viktor Niedermayr (li.) wählt Hofer, weil er ihn für glaubwürdig hält.

  • "Es ist besser, wenn ein blauer Präsident kommt und nicht später eine absolute FPÖ-Mehrheit im Nationalrat." Viktor Niedermayr
    foto: robert newald

    "Es ist besser, wenn ein blauer Präsident kommt und nicht später eine absolute FPÖ-Mehrheit im Nationalrat." Viktor Niedermayr

  • "Ich habe noch nie einen Linken gewählt, aber Van der Bellen repräsentiert Souveränität." Christoph Flick
    foto: robert newald

    "Ich habe noch nie einen Linken gewählt, aber Van der Bellen repräsentiert Souveränität." Christoph Flick

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