Laura Poitras: "Man lässt die US-Regierung einfach nicht gewinnen"

20. Mai 2016, 17:04
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Nach Edward Snowden befasst sich die oscarprämierte US-Dokumentaristin Laura Poitras in "Risk" mit Julian Assange. Premiere war nun in Cannes. Ein Gespräch über Mut und revolutionären Journalismus

STANDARD: Sie beginnen "Risk" mit einer Szene rund um Cablegate, in der Julian Assange versucht, Hillary Clinton anzurufen, um ihr das Ausmaß der Affäre zu vermitteln. Haben Sie das aus aktuellen Gründen an den Anfang gesetzt?

Poitras: Es ging weniger um Clinton als um den Moment der Konfrontation zwischen Julian Assange und der US-Regierung. Ich wollte, dass man gleich mittendrin im Geschehen ist. 2011 hatte ich angefangen zu drehen, da hatte es bereits eine Untersuchung von Wikileaks durch die US-Regierung gegeben. Das heißt, die Situation war schon ziemlich angespannt.

STANDARD: Seit diesen ersten Szenen des Films hat sich viel verändert. Wieso diese zeitliche Distanz? Um die Perspektiven besser zu sehen?

Poitras: 2011 ging es mir einfach darum, mich mit dem Thema Überwachung zu befassen. Ich habe mit Julian Assange, Jacob Appelbaum, auch mit William Binney gedreht, dann bin ich nach Berlin gegangen, wo mich Edward Snowden kontaktierte. Da ich mich ausführlich mit Wikileaks beschäftigt hatte, dachte ich zuerst, dass es sich dabei um eine Falle der Regierung handeln könnte. Dass sie mich also benützen, um an Wikileaks heranzukommen. Ich habe Snowden daher auch gar nicht gesagt, dass ich dieses Material gedreht hatte.

STANDARD: Das heißt, die Arbeiten verliefen eigentlich getrennt voneinander?

Poitras: Ja, das war mir wichtig. Erst als ich Snowden 2013 in Hongkong traf, dachte ich, es würde ein einzelner Film. Wir haben dann aber gemerkt, dass dies nicht richtig funktionieren würde. Also haben wir "Citizenfour" vorgezogen. Als ich dann das alte Material wieder anschaute, sah es aufgrund meiner Erfahrungen freilich ganz anders aus. In der letzten Szene von Risk laufen nun beide Ebenen zusammen.

STANDARD: Als Filmemacherin fokussieren Sie auf Menschen, auf Snowden, Assange und noch andere – deshalb heißt der Film auch "Risiko". Ab wann war Ihnen bewusst, dass es auch um die Frage der Courage gehen wird?

Poitras: Das liegt wohl einfach an meinem Zugang, da ich Menschen in spezifischen Situationen filme. Natürlich interessiere ich mich für die größeren Fragen. Was Julian und Wikileaks taten, war dringend notwendig. Endlich veröffentlichte jemand einmal die Fakten, weil er an der Wahrheit interessiert ist. Und natürlich gingen sie damit enorme Risiken ein.

STANDARD: Auch Sie selbst?

Poitras: Das ist eher ein Resultat der US-Außenpolitik. Meinen Film über den Krieg im Irak (2006) kann man als Risiko betrachten, aber das richtige Risiko bestand für die irakische Zivilbevölkerung. Ein weitaus größeres als das jeder anderen Person, die ich je gefilmt habe. Ich sehe es als meine Verpflichtung an, diese Arbeit zu tun, weil ich eine bestimmte Fertigkeit habe und einen amerikanischen Pass besitze, mit dem ich mich frei bewegen kann. Ich habe immer die Wahl, das ist der wichtige Unterschied.

STANDARD: Hatten Sie bei Assange nie den Eindruck, dass er seine Position als Gegenspieler zu einem gewissen Grad auch genießt? Er ist ja eine sehr selbstbewusste Person und versucht manchmal, in Ihrem Film auch Regie zu führen.

Poitras: Ich denke, da kann jeder seine eigenen Schlüsse ziehen. Ich wollte zeigen, dass ihm die Präsenz der Kamera bewusst ist, sodass auch das Publikum merkt, dass ich anwesend bin. Ich bin in diesem Film nicht auf die gleiche Weise Teil der Geschichte wie im Snowden-Film "Citizenfour". Aber Julians Risiken sind natürlich ganz real. Es ist nicht so, dass er das erfindet.

STANDARD: Seine Präsenz spielt eine große Rolle. Sie zeigen wohl nicht ohne Grund, wie er ständig seine Haare verändert oder sie in einer Szene sogar von Jacob Appelbaum schneiden lässt.

Poitras: Wir haben die Kapitelstruktur auch dazu verwendet, mit diesem Frisurenwandel besser fertigzuwerden. Aber das sind alles Szenen, die wahrhaftig sind. Es ist keine Inszenierung im Spiel. Es gab beim Drehen Szenen, die glauben machten, man ziele an etwas vorbei. Aber bei jenen im Film hatte ich wirklich den Eindruck, dass sie unverfälscht sind. Ich versuche Assange wie schon Snowden als eine Person zu zeigen, die bestimmte Informationen zugänglich machte. Die etwas bewirken wollen. Die Medien haben in ihrer Konzentration auf die Persönlichkeit der beiden keinen guten Job gemacht.

STANDARD: Ist die Kapitelstruktur des Films deshalb auch der Versuch, möglichst umfassend zu erzählen?

Poitras: Ich schätze das episodische Erzählen, weil ständig etwas Unvorhersehbares eintreten, eine neue Figur die Arena betreten kann. Das spiegelt für mich auch eine Qualität des Lebens wider.

STANDARD: Einmal kommt gar Lady Gaga zu Besuch und stellt ein paar komische Fragen. Wie kam das?

Poitras: Das ist Material, das ich von Wikileaks bekommen habe. Ich fand es großartig, weil es so viel von Julian erzählt, wie konzentriert er auf ihre Fragen reagiert. Es ist wirklich aufschlussreicher als viele echte Interviews. Sie hört ihm gar nicht zu.

STANDARD: Wie hat sich das Bild von Assange in den letzten Jahren für Sie verändert?

Poitras: Manche Dinge sind sehr beständig. Er ist ein immer noch unglaublich mutiger Herausgeber. Seine Arbeit hat eine enorme Gegenreaktion der US-Regierung zur Folge gehabt, er befindet sich immer noch im politischen Asyl und publiziert weiter. Das ist ein wichtiger Teil dieser Geschichte: Man lässt die US-Regierung einfach nicht gewinnen. Er befindet sich nun bereits vier Jahre in der Londoner Botschaft von Ecuador – das ist psychisch schwer auszuhalten.

STANDARD: Haben Assange und Wikileaks für Sie den Journalismus befördert?

Poitras: Sie haben ihn revolutioniert, indem sie neue Formen einführten, wie man im Zeitalter der Massenüberwachung Quellen schützen, anonym leaken kann. Julian hat vorausgesehen, wie umfassend die Regierungen überwachen. Nicht nur Journalisten müssen ihre Quellen schützen, es braucht dafür auch neue Technologien. Es ist der oppositionelle Journalismus, den wir dringend nötig haben. (Dominik Kamalzadeh, 20.5.2016)

Laura Poitras (52) ist eine US-Dokumentaristin, die für ihren Snowden-Film "Citizenfour" 2015 mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Ihre Filme beschäftigen sich mit den Auswüchsen der US-Außenpolitik sowie Überwachungsszenarien.

  • Julian Assange, Begründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, ist in Laura Poitras' Dokumentarfilm "Risk" als Person sehr präsent. Er wechselt darin oft die Haare, aber auch die Farbe seiner Linsen.
    foto: quinzaine / praxis film

    Julian Assange, Begründer der Enthüllungsplattform Wikileaks, ist in Laura Poitras' Dokumentarfilm "Risk" als Person sehr präsent. Er wechselt darin oft die Haare, aber auch die Farbe seiner Linsen.


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