Wahl im Wiener Grätzel: Grün am Markt, Blau im Bau

Reportage21. Mai 2016, 09:00
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Früher waren beide Sprengel rot. Heute hält der Yppenplatz in Ottakring zu Alexander Van der Bellen, der Nittel-Hof in Floridsdorf ist tiefblau

Der Fischverkäufer schnauft, während er das "Fick dich, Antifa!" vom froschgrünen Marktstandl auf dem Ottakringer Yppenplatz wegputzt. Neben ihm der Kanister, in der rechten Hand der Lappen, wetzt er an der verunzierten Wand. Die Sprayer haben für ihre Kampfparole keine ergonomisch günstige Position gewählt, die Schrubberei geht ins Kreuz. Darum wird sie erst jetzt entfernt, knapp zwei Wochen, nachdem die Identitären hier den Tod eines Gewaltopfers für Politzwecke gebrauchen wollten.

Für Symbolik aller Art musste der Yppenplatz schon immer herhalten. Kaum ein Markt sah in den letzten 15 Jahren so viele Kamerateams wie der Brunnenmarkt, in den der frühere Yppenmarkt eingegliedert wurde. Ein Fernsehbericht über Integration? Filmszenen mit Kopftuch tragenden Frauen auf dem Brunnenmarkt mussten her. Doch schön langsam könnte das Multikulti-Etikett verblassen und von einem grünen Label abgelöst werden. Zumindest deutet das Ergebnis des ersten Teils der Bundespräsidentenwahl darauf hin: Für Grün-Kandidat Alexander Van der Bellen stimmten im Yppenplatz-Sprengel 63 Prozent der Wahlberechtigten. Sein Gegner in der Stichwahl, FPÖ-Kandidat Norbert Hofer, schaffte mit zwölf Prozent nur den dritten Platz hinter Irmgard Griss.

Weniger Ausländer

Ganz anders in Floridsdorf. Einst eine Bastion der Roten, wird im Bezirk bei jeder Wahl ein weiteres Fuzerl blau eingefärbt. Bei der Wien-Wahl 2015 haben nur die Wahlkarten dafür gesorgt, dass die SPÖ weiter den Bezirksvorsteher stellt. Wer Gründe für Hofers Erfolg in Ausländerstatistiken sucht, findet im Vergleich Floridsdorf-Ottakring keine Antwort. 18,5 Prozent Ausländer leben im 21. Bezirk, im 16. "Hieb" sind es 32,6 Prozent.

Auch das Durchschnittseinkommen ist in Floridsdorf höher. "Aus einer historischen Dorfstruktur ist ab den 1970er-Jahren ein Industrieplatz geworden. Heute ist es ein qualitativer Wohnbezirk", sagt der Floridsdorfer Bezirksvorsteher Georg Papai. Viele Arbeiterfamilien sind geblieben, haben aber der Sozialdemokratie den Rücken gekehrt.

Jede Menge blaue Stimmen lassen sich im von den Roten gebauten Heinz-Nittel-Hof finden. Die Wohnanlage mit mehreren Dachschwimmbädern, Saunen und einem Kindergarten zieht sich von der Brünnerstraße bis zur Ruthnergasse. Hofer hat hier in jedem Wahlsprengel im April mehr als 50 Prozent der Stimmen abgeräumt. Beispiel Sprengel 21103: 58 Prozent Hofer, 15 Prozent Van der Bellen.

"Meine Gäste reden viel über die Flüchtlinge", sagt der Besitzer eines Wirtshauses nebenan. "Ich wähl' auch eher Hofer, weil er meine Sache mehr vertritt", sagt er. Welche? Da wären die Ausländer: Seine Eltern hätten geschuftet, seien jetzt Mindestpensionisten; und "die Flüchtlinge kommen her und kriegen viel". Dann die Arbeitslosen: "Denen wird es zu leicht gemacht." Die Registrierkassen: "Selbstständig sein ist heute sehr hart."

"Das war ein Araber"

Aus dem Gemeindebau neben dem Heinz-Nittel-Hof tritt ein Pensionist. Er wohnt seit Mitte der 1970er-Jahre hier. "Davor haben wir mit zwei Kindern auf 27 Quadratmetern gelebt", erklärt er. Vermittelt hat ihm die Wohnung ein Roter. Dankbarkeit ist aber keine politische Kategorie: "Meine Eltern haben freiheitlich gewählt, ich ebenso, wie der Rest der Familie." Nur die Urenkerl des 77-Jährigen sind noch außen vor. Sie sind auch erst drei und vier Jahre alt. Vor kurzem habe er bei einem Streit um ein Taxi eine Ohrfeige erhalten – "die erste in meinen Leben". Von wem? "Das war ein Araber", weiß er.

Dann habe am Praterstern jemand versucht, seinen Rucksack zu stehlen. Auch das "ein Araber". Im Gemeindebau würden auch Ausländer leben, die seien aber "kein Problem". Der ehemalige Außendienstmitarbeiter eines Kaffeeproduzenten ist Gewerkschaftsmitglied und feierte gerade 50 Jahre Arbö-Mitgliedschaft. Aber: Dass jetzt "alle gegen Hofer sind, beflügelt mich, ihn zu wählen". Wer gewinnen wird, ist für den alten Mann klar: Van der Bellen. " Hofer hat keine Chance. Leute wie ich wählen ihn. Aber die Proteststimmen sind weg."

Am Yppenplatz lächelt derweil ein etwas müde wirkender Van der Bellen freundlich vom Dreieckständer. Unter den Marktstandlern und Geschäftsbesitzern sucht man die hiesigen Grünwähler vergeblich. "Ich arbeite da nur, wohnen tu ich im Zwölften", sagt ein türkischstämmiger Fleischer. Die Wahlen? "Da scheiß' ich drauf. Wir zahlen eh nur noch immer mehr Steuern. Erst versprechen sie viel, dann halten sie nichts."

Viele, die hier untertags arbeiten, wohnen anderswo. Und viele, die hier wohnen, sind untertags in der zentrumsnahen Arbeitsstätte. Sie sind die Klientel, die Wolfgang Veit, Wirt am Yppenplatz, überspitzt als "ausländerfreundliche Jungbürger" beschreibt. Als die, "die die Buntheit des Viertels schätzen, wenn sie von oben runterschauen, die aber entsetzt reagieren, wenn ihnen am Abend auf dem Heimweg eine Maus vor die Füße läuft".

Veit kennt den Platz, vor rund 30 Jahren machte er hier sein Café CI auf. Es kam nicht nur, wer Kaffee oder Bier trinken wollte, von Anfang an gab es auch Mietrechtsberatung für ärmere Bewohner, also großteils für Migranten. Doch während früher die Kursbesucher auch im Grätzel wohnten, werden sie zunehmend verdrängt – eine Folge der steigenden Mietpreise.

Das Gebäude, in dessen Erdgeschoß sich das CI befindet, sei ein gutes Beispiel, sagt Veit: Früher hätten hier türkische Familien gewohnt. Dann habe der Hausbesitzer die Mietwohnungen in Eigentumsobjekte umgewandelt. Vermögendere Familien sind eingezogen, ärmere siedelten ab, der Grünwähleranteil stieg. Mietrechtsreformen hätten diese Verdrängung verhindern können, glaubt der CI-Inhaber, der studierter Raumplaner ist.

Doch könnten genau jene Bobo-Lokale, die Zeichen des Verdrängungsprozesses sind, wiederum die Mietpreise im Zaum halten: Vom belebten Platz dringt nun auch spätabends Lärm, das tun sich nicht alle gern an. Oder, wie Veit sagt: "Es ist und bleibt eben ein Markt." (Peter Mayr, Maria Sterkl, 21.5.2016)

  • Der Yppenplatz in Wien. Neben Marktschreiern frühmorgens gibt es jetzt hippe Musik bis spätnachts.
    foto: robert newald

    Der Yppenplatz in Wien. Neben Marktschreiern frühmorgens gibt es jetzt hippe Musik bis spätnachts.

  • Pool am Dach, Sauna im Haus, gewählt wird gerne blau: Heinz-Nittel-Hof in Floridsdorf.
    foto: christian fischer

    Pool am Dach, Sauna im Haus, gewählt wird gerne blau: Heinz-Nittel-Hof in Floridsdorf.

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