Hickersberger: "Koller hat fast ein Luxusproblem"

Interview21. Mai 2016, 11:46
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Josef Hickersberger durfte das österreichische Fußballteam bei der Heim-EM 2008 betreuen. Das Ziel wurde nicht erreicht. Immerhin konnte der Teamchef einen Kulturpreis einheimsen. "Es war Sarkasmus pur"

STANDARD: Denken Sie mit Schaudern oder mit Freunde an die EM 2008 zurück?

Hickersberger: Ich denke gar nicht zurück. Weder mit Schaudern noch mit Freude. Es gibt nur Momente, die mir in angenehmer Erinnerung sind. Die tauchen spontan auf und sind gleich wieder weg. Ich werde die Stimmung vor dem ersten Spiel gegen Kroatien nie vergessen. Die Busfahrt zum Happel-Stadion, die Fans sind Spalier gestanden. Das war Begeisterung pur.

STANDARD: Der Mensch verdrängt. Bleibt also das Positive?

Hickersberger: Ja, das liegt aber an meiner grundsätzlich positiven Einstellung.

STANDARD: War die Erwartungshaltung zu hoch, zu niedrig oder ging es nur darum, unfallfrei aus der Geschichte rauszukommen?

Hickersberger: Nein. Ich machte mir schon große Hoffnungen, dass wir Erfolg haben werden. Ich habe sogar Prämien für den EM-Titel ausverhandelt.

STANDARD: Was wäre ein Erfolg gewesen?

Hickersberger: Das Erreichen des Viertelfinales. Das war klar definiert, das war unser Ziel. Ehrlich gesagt haben wir es klar verfehlt.

STANDARD: Berühmt war der Satz, nicht die Besten, sondern die Richtigen müssen spielen. Der ist Ihnen lange nachgehangen. Stehen Sie dazu? Waren die Richtigen leider nicht die Besten?

Hickersberger: Selbstverständlich stehe ich zu diesem Satz. Auch wenn ich ihn im Nachhinein lieber nicht gesagt hätte. Es können in einer Fußballmannschaft nicht nur die Besten spielen. Natürlich sollte man auch die Besten dabei haben, aber man braucht auf einigen Positionen Leute, die zum Team passen. Lassen wir das lieber. Es waren die Besten im Kader, aber insgesamt war die individuelle Qualität nicht vergleichbar mit jener der heutigen Nationalmannschaft. Ich versuche, es am Beispiel des Christian Fuchs zu erklären. Er war damals Spieler beim SV Mattersburg. Sicher auffällig, mit hoher Qualität. Und jetzt fährt er als englischer Meister zur Europameisterschaft nach Frankreich. Er war einer der Leistungsträger von Leicester City. Das sagt alles. Wir wussten, dass die EM 2008 zu früh kam, wir hatten keinen David Alaba. Marc Janko war angeschlagen, er hat dann ein Jahr später die gesamte österreichische Liga zerschossen.

STANDARD: Sie haben damals während einer Presskonferenz in Stegersbach gesagt: "Heute haben wir ausschließlich unsere Stärken trainiert, nach zehn Minuten war die Einheit vorbei." Deutsche Journalisten waren hellauf begeistert, sie meinten, es wäre wunderbar, hätte Joachim Löw nur einen Hauch Ihres Witzes?

Hickersberger: Den Satz hätte ich mir auch ersparen können, obwohl er mir später einen Kulturpreis eingebracht hat.

STANDARD: Diente der Humor auch dazu, dass man die Realität akzeptiert? Abgesehen davon ist Fußball immer noch ein Spiel?

Hickersberger: Das war ein Satz aus dem Stegreif. Der war nicht überlegt, nicht vorbereitet. Das passiert, wenn man einen Monat lang jeden Tag eine Pressekonferenz abhalten muss. Die wird auch noch live im Fernsehen übertragen. Für mich war es das Schlimmste, was ich in meiner gesamten Trainerlaufbahn an Pressearbeit verrichten musste. Es war mit ein Grund, aufzuhören.

STANDARD: Aber der Satz war nicht unlustig?

Hickersberger: Ob lustig oder nicht, spielt keine Rolle. Das war Sarkasmus pur, ich hätte das nie sagen dürfen. Jetzt ist es wurscht. Wäre ich damals Spieler gewesen, hätte ich mich aufgeregt.

STANDARD: Muss man fairerweise nicht sagen, dass die Leistungen gar nicht so schlecht waren. 0:1 gegen Kroatien durch ein frühes Elfertor. 1:1 gegen Polen, ein Abseitstor kassiert, man hätte 3:0 führen müssen. Das 0:1 gegen Deutschland war wahrscheinlich die schwächste Partie, resultierte aus einem Freistoß. Hätte man mutiger sein können oder müssen?

Hickersberger: Ich sehe das genau so. Mutiger kann man immer sein. Ich hätte mir nie gedacht, dass wir imstande sind, gegen Kroatien so eine zweite Spielhälfte abzuliefern. Gegen Polen waren wir dreimal alleine vorm Tor, da musst du in Führung gehen. Gegen Deutschland war der Druck wohl zu groß. Defensiv waren wir gut organisiert. Im Spiel nach vorne hat uns aber sehr viel gefehlt. Wie waren nicht torgefährlich genug, waren zu wenig kreativ.

STANDARD: Sie hatten damals 13 Spieler aus der österreichischen Bundesliga im Kader, diesmal sind es maximal zwei.

Hickersberger: Das zeigt ganz einfach, was in den letzten Jahren passiert ist. Marcel Koller hat fast ein Luxusproblem. Es wäre schön, mit dieser Mannschaft eine Heim-EM zu bestreiten. Da wären wir einer der Favoriten.

STANDARD: Warum habe Sie 2008 Ihren Vertrag nicht verlängert? Haben Sie das Potenzial nicht erkannt?

Hickersberger: Da hätte ich ein Hellseher sein müssen, die positive Entwicklung war für mich nicht absehbar. Da ich das Ziel Viertelfinale nicht erreicht habe, habe ich aufgehört, die Arbeit beendet. Das war alternativlos, außerdem war die Bezahlung ziemlich schlecht.

STANDARD: Für Sie persönlich brachte die EM keinen Karriereschub.

Hickersberger: Ich hatte danach kein vernünftiges Angebot. Ich wollte unbedingt bei der EM im eigenen Land Teamchef sein, das war die Herausforderung, da ging nichts drüber. Ich hätte ja bei Rapid bleiben können, wo ich mich extrem wohlgefühlt habe, Meister wurde, in die Gruppenphase der Champions League gekommen bin. Aber dort hat man gesehen, dass es Grenzen gibt, die man einfach akzeptieren muss.

STANDARD: Befassen wir uns mit der aktuellen Mannschaft. Was kann sie, was ist in Frankreich möglich?

Hickersberger: Die Mannschaft hat ganz großes Potenzial. Wenn sie an der obersten Grenze ihrer Möglichkeiten spielen kann, wenn es keine Verletzungen von Schlüsselspielern gibt, dann sehe ich uns garantiert im Achtelfinale. Darauf würde ich Haus und Hof verwetten. Ich glaube, das Viertelfinale ist absolut realistisch.

STANDARD: Marcel Koller scheint alles richtig zu machen. Wie hoch ist sein Anteil am Erfolg?

Hickersberger: In Prozenten mag ich das nicht beziffern, aber er hat einen sehr großen Anteil. Weil er an Spielern auch in schwierigen Situationen festgehalten hat. Da war er beharrlich. Janko kickte in Australien, wurde zu den Länderspielen eingeflogen. Das hätte der ÖFB früher aus Sparsamkeitsgründen gar nicht zugelassen. Fuchs hatte bei Schalke Probleme, war aber immer dabei und eine Verstärkung. Den Marko Arnautovic, einen schwierigen Spieler, hat er sogar geformt. Sensationell, wie Arnautovic auch defensiv gearbeitet hat. Das hätte ich ihm nie zugetraut. Das alles und noch mehr ist ein Verdienst von Koller.

STANDARD: Gibt es in Österreich zwei Fußballwelten? Die Klubs schwächeln, die Liga darbt. Das Nationalteam wird dafür immer besser. Die Talente wechseln früher ins Ausland, weil sie daheim keine Perspektiven sehen. Kann das auf Dauer gut gehen?

Hickersberger: Österreichische Vereine sind nur Sprungbretter. Kein Junger glaubt, bei Rapid oder der Austria ein Weltstar zu werden. Österreich ist ein Ausbildungsland.

STANDARD: Kann man Sie als Pensionisten bezeichnen?

Hickersberger: Ja, ich habe überhaupt kein Problem damit. Ich fühle mich nicht mehr fit genug, mir den Stress anzutun.

STANDARD: Wie schaut ein typischer Tag aus?

Hickersberger: Ich stehe relativ früh auf, frühstücke, dreh das Internet auf, damit ich erfahre, ob ich etwas verschlafen habe. Dann lese ich Zeitungen. Ist das Wetter schön, gehe ich golfen, laufe im Augarten. Ich schaue mir im Fernsehen nur Spiele an, die mir guten Fußball versprechen. Spielt Rapid daheim, gehe ich ins Stadion, treffe dort meine Enkelkinder.

STANDARD: Die Wahrscheinlichkeit, ein drittes Mal Teamchef zu werden, liegt also bei null Prozent.

Hickersberger: Unter null. (Christian Hackl, 21.5.2016)

Josef Hickersberger (68) aus Amstetten war zweimal ÖFB-Teamchef. Beim ersten Mal (1987–1990) qualifizierte er sich für die WM-Endrunde in Italien. Höhepunkt der zweiten Amtszeit (2006–2008) war die Heim-EM.

  • Josef Hickersberger lag während er EM 2008 manchmal auf dem Boden des Happel-Stadions. Der Blick drückte die Gemütslage aus.
    foto: apa/punz

    Josef Hickersberger lag während er EM 2008 manchmal auf dem Boden des Happel-Stadions. Der Blick drückte die Gemütslage aus.

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