"Waxtaan": Der Anzug als Burka der Herren

20. Mai 2016, 16:23
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Im Festspielhaus Sankt Pölten zeigt man das satirische Tanzstück der westafrikanischen Choreografin Germaine Acogny

St. Pölten – Wer glaubt, Germaine Acogny würde in ihrem Stück Waxtaan nur eine "Parodie auf die politischen Strukturen Westafrikas" zeigen, ist dem eingebauten Trick schon aufgesessen. Das Festspielhaus Sankt Pölten zeigt dieses bunte und vitale, teils aber sehr stille Tanzstück einer der wichtigsten afrikanischen Choreografinnen – nur einmal – am Samstag, aber zu einem pointierten Zeitpunkt: am Vorabend der heimischen Präsidentschaftsstichwahl.

Uraufgeführt wurde Waxtaan 2007, als jene Finanzkrise ausbrach, die sich zum weltweiten Wirtschaftsdebakel ausweitete. In dessen Folge musste bekanntlich das Bankensystem gerettet werden. Der IWF schätzte die Kosten dieser Krise auf sagenhafte 11.900 Milliarden US-Dollar. Die Verkörperung dieses Desasters sind nicht etwa Einwanderer (vgl.: "Flüchtlingskrise") aus armen Ländern, sondern in seriöse Anzüge gewickelte Manager in den Vereinigten Staaten und in Europa.

Diese Zusammenhänge sind mitzudenken, wenn man in Waxtaan (dt. "Poli tisches Streitgespräch") schwarzafrikanische Männer in Anzügen und Krawatten virtuos und lustig tanzen sieht. Da entlarvt sich der Anzug als Herrenburka der ökonomisch-politischen Bürokratien des Westens. Bei Acogny wirkt das Stoffgefängnis realistisch: wie eine Verwandlung der Ketten aus der Zeit der Sklaverei. Es geht also um eine
aus dem Kolonialismus ins Heute gebrachte Unvereinbarkeit der westlichen und der afrikanischen – hier: senegalesischen – Kultur.

Die Männer in Waxtaan werfen ihre Sakkos fort, die Krawatte wird schon einmal zum Stirnband. So suchen sie sich zur Perkussion von Oumar Fandy Diop aus dem Irrsinn zu tanzen, in den der europäische Expansionismus ihre Kultur gebracht hat. Dabei rutschen ihnen, während sie beflissen europäischen und afrikanischen Tanz zusammenzubringen suchen, die unschuldsweißen Hemden aus den europadunklen Hosenbünden. Am Ende haben sie in ihre Satire auf die Absurditäten Afrikas eine Karikatur des westlichen Popanzes eingebaut. Der Trick ist gelungen. (Helmut Ploebst, 20.5.2016)

  • Was hat es auf sich mit dem Stoffgefängnis der westlichen Eliten? Die Antwort ist die satirische Kraft senegalesischer Kultur: "Waxtaan", eine getanzte Karikatur.
    foto: thomas dorn

    Was hat es auf sich mit dem Stoffgefängnis der westlichen Eliten? Die Antwort ist die satirische Kraft senegalesischer Kultur: "Waxtaan", eine getanzte Karikatur.

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