Der Kernspin der "Krone"

21. Mai 2016, 10:32
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Am Donnerstag hatte das Blatt die Freude an Christian Kern schon wieder etwas verloren. "Neuer Kanzler, alte Probleme", lautete der Aufmacher

Christian Kern war noch nicht gekürt, da meldete die "Krone" schon ihre Ansprüche an. Natürlich nur, wie denn anders, im Namen der Österreicher, zu deren permanentem Sprachrohr sie sich nun einmal ernannt hat. Was wir vom neuen Kanzler erwarten, titelte sie Sonntag, es dem neuen Kanzler überlassend, wie er den Majestätsplural zu interpretieren gedenkt. Wenn er gut beraten ist, als Aufforderung, es sich mit Dichands gut zu stellen. So dürfen wir dem neuen Kanzler alles Gute und viel Kraft wünschen, speichelte der geschäftsführende Chefredakteur auf Seite 2, zum Wohle von uns Österreichern. Die gegenüber der "Krone" ihre Sorgen ausdrücken.

Ihrerseits macht sich die "Krone" Sorgen um den Kanzler, geht es doch auch darum, wie der Umgang auf den niedrigeren Ebenen funktioniert. Ein Beispiel: Wenn da wie vom VP-Klubobmann im Parlament bereits Unflat auf den neuen Kanzler geschüttet wird, ehe dieser noch sein Amt angetreten hat (also noch gar kein Kanzler ist) – dann darf man wenig Hoffnung auf konstruktive Zusammenarbeit auch unterhalb der Kanzler/Vizekanzler-Ebene haben. Aber umso größere Hoffnung, dass der Kanzler genau registriert, wo die Unflat-Spezialisten sitzen, die ihn vor der Beschüttung bewahren möchten, und bedenkt, was ihm das wert sein könnte.

Damit die Ausgewogenheit nicht zu kurz und die Warnung vor enttäuschter Erwartung auch ankommt, weiß auf Seite 4 derselben Ausgabe ein Redakteur: Rot-Schwarz ist und bleibt eine politische Totgeburt. Auch der neue Wunderwuzzi, Christian Kern, werde da nichts ändern können. Gewonnen wurde diese Erkenntnis auf Märkten, Gasthäusern, Volksfesten und im Bekanntenkreis, wo die Österreicher ihre Sorgen ausdrücken, ständig belauscht von Schreibern der "Krone". Donnerstag hatte das Blatt die Freude an Kern schon wieder etwas verloren. Neuer Kanzler, alte Probleme, lautete der Aufmacher. Hatte der mit Unflat Beschüttete sich noch nicht bedankt?

Ein Leser aus Kleinebersdorf gewann dem neuen Wunderwuzzi neue Aspekte ab. Die Monarchisten jubeln. Wir haben sie wieder, Kanzler & Kern, K & K also. Wir Untertanen freuen uns, ändern wird sich leider nichts. In dieselbe Kerbe schlug einer, der sich fragte: War um ist BK Faymann zurückgetreten, war um werden Minister ausgetauscht, wenn sie ohnehin nichts ändern sollen? Oder noch schlimmer – womöglich ändern sie ihre Inseratenpolitik.

Schier Unglaubliches konnte "Heute" berichten: Fünf Tage war Christian Kern komplett abgetaucht – kein Interview, kein Facebook-Eintrag, Twitter-Account stillgelegt. Aber dann die Erlösung. Am Sonntag um 18 Uhr zeigte sich der neue Kanzler dann wieder öffentlich – in der Generali Arena. Wenige Minuten nach dem Gerücht ("Der Kanzler ist da") sehe ich, der "Heute"-Reporter, den Austria-Fan tatsächlich. Kern, der nicht weiß, dass ich Journalist bin, wirkt kumpelhaft und leutselig. Ich wünsche ihm alles Gute. Er bedankt sich höflich und macht das nächste Selfie. Sein Stadionbesuch: ein erster Volltreffer. Was hätte Kern auch Besseres widerfahren können als ein solch historisches Zusammentreffen?

Inzwischen war der elektronisch Abgetauchte wieder aufgetaucht. Noch am Tag seiner Angelobung als Kanzler gründete Christian Kern eine offizielle Facebook-Seite – auf der privaten war das Limit von 5.000 Freunden erreicht. Binnen 24 Stunden sammelte Kern mehr als 13.000 "Likes" – über neun pro Minute. Fünftausend Freunde privat und neun neue pro Minute offiziell – wo soll das noch enden?

Alles in allem kann man den Dichand-Medien segensreiche Wirkung auf die Moral der Bevölkerung nicht absprechen. Weil die ATV-Diskussion zwischen den beiden Präsidentschaftskandidaten ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist, war die Enttäuschung der "Krone"-Leser groß. So groß, dass – wiederum – der Chefredakteur kalmierend eingreifen musste. Eine berechtigte Flut an Watschen auch von unseren Leserbriefschreibern, die enttäuscht von den Kandidaten sind, war zu konstatieren. Serviert bekommen hatten sie Untergriffe statt Souveränität, Flegelhaftigkeit statt Seriosität, und so etwas ist der "Krone"-Leserbriefschreiber einfach nicht gewohnt. Da rebelliert das zarte Gemüt, aber sein Blatt heilt alle Wunden. Wenig später saßen die Herren bei uns in der "Krone" zum Doppelinterview und hatten sich wieder im Griff: Dieselben 20 Fragen für jeden, und es war todlangweilig. (Günter Traxler, 21.5.2016)

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