Ilija Trojanow: Meine Olympiade

21. Mai 2016, 12:00
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Vier Jahre lang bereiste der Schriftsteller die Welt, um sämtliche Olympia-Sommereinzeldisziplinen zu trainieren. Darüber hat er nun ein Buch geschrieben – und davor noch an einem Triathlon teilgenommen

Als ich vor Sonnenaufgang aufwachte, empfand ich keine Nervosität, bis ich in der Innenstadt von Kapstadt, keine Viertelstunde nach der Abfahrt, bemerkte, dass ich mein Fahrrad zu Hause vergessen hatte. Ich musste zurück (ohne Fahrrad kein Triathlon) und ein weiteres Mal aufbrechen, nunmehr verspätet und spürbar nervös. Ich raste mit hundertfünfzig Stundenkilometern auf der schnurgeraden Landstraße nach Norden, Richtung Langebaan, der Tafelberg im Rückspiegel wie der Stempel auf einer Luftpostkarte. Es war inzwischen acht Uhr, es war schon heiß; der Start war für elf Uhr angesetzt.

foto: thomas dorn / s.-fischer-verlag
"Wer dreimal hintereinander gewinnt, ist ein schlechter Mensch", dieses Sprichwort der Lakota hat Ilija Trojanow seinem Buch vorangestellt.

Der erste Eindruck von den Mitstreitern war einschüchternd: eine Ansammlung junger, durchtrainierter Athleten mit negativem Körperfettanteil, starken Waden und mächtigen Oberschenkeln. Die Junioren bestritten gerade ihren Wettkampf. Der Ansager stellte einige der Zehn- bis Vierzehnjährigen vor – darunter ein Weltmeister in seiner Altersklasse -, die im professionellen Stil vom Rad sprangen, noch bevor sie die Umkleidezone erreicht hatten, und das Rad im Laufschritt zu ihrem Platz schoben. Die Bewegungsabläufe erfolgten beeindruckend flüssig. Unter den zahlreichen Angehörigen und Freunden herrschte eine ausgelassene Atmosphäre, wie auf einem Volksfest. Viele kannten sich, tauschten sich aus; eine eingeschworene Gemeinschaft, freundlich kameradschaftlich.

Viertelstunde locker laufen

Nach der Anmeldung wärmte ich mich auf. Zwanzig Minuten radeln und eine Viertelstunde locker laufen. Danach zog ich meinen Neoprenanzug an und wunderte mich, dass er nicht so richtig sitzen wollte. Das Wasser hatte eine angenehme Temperatur; in der Nähe schwammen einige vergnügte Urlauber. Ihr samstägliches Planschen wirkte auf mich unseriös. Wir wurden in den Saal gerufen, zur Wettkampfbesprechung. Ein Mann tippte mir auf die Schulter: "Sag mal, wieso hast du den Neopren falsch rum an?" Eine Büchse Scham explodierte in mir, als mir klar wurde, was für eine lächerliche Gestalt ich abgab inmitten all dieser getunten Athleten. Was sollte ich antworten? Weil ich ein Trottel bin? Weil ich zu sehr damit beschäftigt war, Leute wie dich zu beobachten? Oder sollte ich sagen: Passt schon, mein Fahrrad hatte ich ja auch vergessen? Ich stammelte, dass es sich so bequemer anfühle. Der Mann warf mir einen exkommunizierenden Blick zu. Ich wartete, bis er mir den Rücken zugedreht hatte, und rannte in die Toilette. Das Zuziehen des Reißverschlusses am Rücken erwies sich als schwierig, dafür saß der Anzug jetzt viel besser. Ich hätte das Anziehen wirklich üben sollen.

Wir wurden an die Startrampe gebeten. Ich hatte mir keinerlei Gedanken gemacht, wo ich mich beim Schwimmstart positionieren sollte. Als das Horn ertönte und das Seil vor uns hinabfiel, musste ich innerhalb weniger Sekunden erfahren, wie töricht es war, aus der ersten Reihe heraus zu starten. Die Teilnehmer der Western Province Triathlon Championships schwammen nicht mit ruhigen, langen Zügen los, sie paddelten und wedelten wie Raubfische, die nach hingeworfenen Leckerbissen schnappen. Von hinten wurde ich nach unten gedrückt, zu beiden Seiten schwammen Haie über mich hinweg. Ich sank ein wenig, verschluckte mich beim Luftholen und stellte das Schwimmen ein. Als ich mich prustend wieder in Bewegung setzte, musste ich feststellen, dass der Pulk schon weit entfernt war. Obwohl wir in einer Lagune schwammen, war der Wellengang stark genug, um meinen Rhythmus durcheinanderzubringen und eine ruhige Atmung zu verhindern. Immer wieder musste ich aussetzen, um nach der nächsten Boje Ausschau zu halten. Einmal schwamm ich auf die falsche zu, bis ein Lebensretter in einem Kajak meine Richtung korrigierte. Ich stieg als Letzter aus dem Wasser, aber immerhin waren zwei andere Teilnehmer vor mir noch in Sichtweite.

Obwohl mir etwas schwindelig war, rannte ich, so schnell ich konnte, zur Transition-Area hinauf, zu beiden Seiten des Weges Zuschauer, die vergnügte Zeugen meines Versuchs wurden, mich aus dem Neoprenanzug zu häuten (noch etwas, was ich nicht geübt hatte). Schlimmer noch: Der Ansager nahm sich meiner fürsorglich an. Mit einer fast unverständlichen Aussprache meines Namens beglückwünschte er mich zu meinem Schwimmresultat. Ich vermutete, er war entweder bestens gelaunt oder er wurde bestens dafür bezahlt, gute Laune zu verströmen. Als eine Böe mir die Startnummer entriss, die ich am Bauch befestigen sollte, die Schnur zu Boden fiel und ich dem Plastik hinterherhechelte, hörte ich ihn rufen: "Ja, lass dir nur Zeit, I-lai-dschah." Und ich bildete mir ein, das Lachen der Zuschauer zu hören.

Schließlich gelang es mir, die Startnummer zu zähmen und mein Mountainbike aus der Zone zu schieben. Ich kämpfte mich die Anhöhe hinauf, die zur Hauptstraße führte, beflügelt von dem Wunsch, die Menschheit schnell hinter mir zu lassen. Die Streckenführung bestand aus drei Runden, die Hauptstraße entlang, an einem Kreisverkehr wieder zurück. Der Verkehr wurde umgeleitet. Kaum hatte ich meinen Rhythmus gefunden, wurde ich schon von einem Formel-1-Rad überrundet. Der Athlet lehnte sich tief gebeugt nach vorn und kurbelte seine Siebenmeilenpedale. Die Geschwindigkeit des Führenden war so hoch, dass ich kaum ein Zischen vernahm, bevor ich ihn vorbeiflitzen sah. Es ist immer erniedrigend, überrundet zu werden. Einziger Vorteil war, dass ich mir aufgrund der Geschwindigkeitsdifferenz zwischen uns keine Sorgen über unerlaubtes Fahren im Windschatten machen musste. Mein Mountainbike hatte dicke Reifen und ich einen begrenzten Ehrgeiz. Mühsam bewältigte ich den leichten, aber kontinuierlichen Anstieg von gut sechs Kilometern bei starkem Gegenwind. Ich beugte mich nach vorn, meine Augen hefteten sich auf den flimmernden gelben Streifen vor mir.

Meine Gedanken schrumpften mit jedem Kilometer. Bis sie von Panik erfasst wurden, weil der Griff nach meiner Wasserflasche in die Leere ging. Ich musste sie früh am Morgen, noch verschlafen, zu Hause liegen gelassen haben. Vierzig Kilometer in dieser Hitze – auf der gesamten Strecke nicht einmal das Skelett eines Schattens -, ohne etwas zu trinken, das wäre herkulisch gewesen. Am Ende der ersten Runde erblickte ich eine Tankstelle. Ich bog ab, sprang vom Rad und stürzte in einen kleinen Laden hinein. Zwei dicke Buren standen an der Theke, in ihren Händen jeweils ein Sixpack einheimischen Biers. Sie starrten mich mit einem Gesichtsausdruck an, der nicht zu enträtseln war. Ich war mir nicht sicher, ob wir vom selben Planeten stammten. "Ein Getränk", schrie ich, "ich habe kein Geld, aber ich brauche ein Getränk, ich zahle später." Die Kassiererin blickte mich ausdruckslos an, eine endlos lange Zeit, bis sie sich schließlich zu einem bedächtigen Kopfnicken bequemte. Ich öffnete den Kühlschrank und nahm das erstbeste Getränk heraus. An der Tür stürzte ich einen Riesenschluck hinunter.

Auf der letzten Runde nahm der Gegenwind zu. Eine Frau zog an mir vorbei, die ich zuvor als Einzige überholt hatte. Ich schwang mich, um beim zweiten Umkleiden einen besseren Eindruck zu hinterlassen, schon fünfzig Meter vor dem Eingang zur Transition-Area vom Rad und lief, für mein Empfinden, elegant in das Rondell hinein. Inzwischen waren meine Arme und Oberschenkel bedrohlich rot geworden. Also cremte ich mich ein, eine absurde Tätigkeit in dieser Zone blitzschneller Verwandlung, doch der Ansager war zu meiner Erleichterung damit beschäftigt, die Namen der Athleten bekanntzugeben, die das Ziel gerade erreicht hatten, samt ihrer astronomisch niedrigen Zeit. Derweil versuchte ich, in meine Laufschuhe zu schlüpfen. Meine Füße wollten partout nicht hineinpassen. Ich dachte, sie seien aufgrund der Anstrengung geschwollen, also zog ich die Fahrradschuhe wieder an.

Gelaufen wurde auf einem Rundkurs von zwei Kilometern, der fünfmal zu absolvieren war. Nach jeder Runde erhielt man von einer streng dreinblickenden Frau unter einem großen Sonnenschirm ein elastisches Band überreicht. Im Ziel würden die vier Bänder am Handgelenk beweisen, dass man die vorgeschriebenen zehn Kilometer hinter sich gebracht hat. Kaum war ich auf den Rundkurs eingebogen, wollte mir die Frau, in der Annahme, ich hätte schon eine Runde hinter mir, ein Band überstreifen. Es war einer jener Augenblicke im Leben, in denen man über sich hinauswächst. Obwohl es drückend heiß und ich ziemlich angeschlagen war (mein Puls bei 160), obwohl sich die Fahrradschuhe zum Laufen nur bedingt eigneten und die Vorstellung, nur acht anstelle von zehn Kilometern laufen zu müssen, mir zu diesem Zeitpunkt verlockender erschien als jede andere Sünde, widersetzte sich irgendetwas in mir der Versuchung, und ich lehnte das Geschenk ab.

Ich bin stolz auf dich

"Ich bin stolz auf dich!", rief die Frau mir hinterher. Schwierigkeiten beim Laufen bereitete der Untergrund, mal Asphalt, mal Geröll, mal Steinplatte. Ich lief zum ersten Mal in meinem Leben auf einer so unebenen Strecke (auch das hätte ich üben sollen). Ich kam nicht in meinen Rhythmus hinein. Mein Puls beruhigte sich nicht. Die steilste der Steigungen konnte ich nur gehend bewältigen. Jeder Schritt war eine Überwindung. Ich verfluchte die schöne Umgebung um mich herum, die Hügel, das Meer, die Vögel, ich sehnte mich nach Ruhe und Einkehr. Was mich ermunterte, war die Kameradschaft der anderen Teilnehmer, die mir selbst beim Überrunden ein "Well done" zuwarfen, sowie die großzügige Unterstützung durch die Zuschauer, die auch meine Bemühungen beklatschten, obwohl ich mit deutlichem Abstand der Letzte im Feld war. Und dann gab es noch jenen rundlichen Mann, der am Ende des Anstiegs auf seiner Garage stand und eifrig meine zunehmend kraftlosen Anstrengungen kommentierte. Wir freundeten uns fast an. Mal beschwor er mich, nicht aufzugeben, mal triezte er mich, ob ich denn das Ziel im Gehen erreichen wolle, mal forderte er mich auf, zu beweisen, wie hart ich sei, mal schalt er mich, dass ich beim Umdrehen an der Hafenmole eine kleine Abkürzung genommen hatte.

Auch die Frau, die Getränke austeilte, wartete bis zum Schluss auf mich, schüttete eisiges Wasser über meinen Kopf und lief einige Schritte neben mir her, während sie mich in höchsten Tönen lobte. Sie folgte mir bis ins Ziel, und wir wechselten später einige Worte. Sie erzählte, dass sie im Jahr zuvor ihren ersten Triathlon bewältigt habe und dabei Letzte geworden sei. "Aber weißt du", sagte sie, "wenn es etwas im Leben gibt, bei dem man sich nicht schämen muss, Letzter zu sein, dann ist das ein Triathlon."

Der Ansager bemühte sich erneut vergeblich, meinen Namen auszusprechen, ich lief den Hügel hinab ins Ziel, das Meer vor mir, die letzten Schritte auf einem Bein hüpfend, in einer Zeit, sagte der Ansager, von 3:45 (ich hatte mir ausgerechnet, dass ich 3:30 schaffen müsste, aber wenn ich alle unfreiwilligen Pausen zusammenrechnete, war ich von diesem Ziel gar nicht so weit entfernt).

Danach trank ich einen Becher Cola. Die anderen Teilnehmer waren schon gegangen. Einsam schob ich mein Rad zum Auto zurück, ausgelaugt, durchdrungen von einem unvertrauten Stolz. Als ich den Schlüssel ins Zündschloss steckte, freute ich mich auf das Bad zu Hause, auf einen unendlichen Vorrat an kalten Getränken. Als ich den Schlüssel umdrehte, vernahm ich völlige Stille. Ich hatte die Scheinwerfer angelassen. Auch das Anschieben half nichts. Ich musste den AA rufen, das südafrikanische Äquivalent des ADAC. Da Langebaan etwas abseits liege, warnte mich die Frau am Telefon, müsse ich bis zu zwei Stunden warten. Ich stieg auf mein Fahrrad und rollte gemächlich zur Tankstelle, um meine Schulden zu begleichen und drei Liter Wasser zu kaufen. Ein Wachmann hatte Erbarmen mit mir, als er mich auf dem Asphalt im Schatten des Autos liegen sah, und kehrte mit einem älteren Herrn zurück, der seinen kleinen Honda neben meinem Jeep parkte, die Batterien austauschte, meinen Motor anwarf und die Batterien wieder zurücktauschte. Eine einfache Lösung, auf die ich nie gekommen wäre. Ich fuhr auf der Landstraße am tiefblauen Ozean entlang nach Hause. Im Radio lief ein Lied von Kate Bush. Auf einmal überschwemmte mich ein allumfassendes, grenzenloses Glücksgefühl, das mir Gänsehaut verursachte. In der Euphorie ging mir auf, wieso es keine Rolle spielt, ob man Erster oder Letzter geworden ist – ein stärkeres Glücksgefühl als meines an diesem Nachmittag kann niemand empfinden, nicht einmal ein Olympiasieger. (Ilija Trojanow, Album, 21.5.2016)

Das Buch wird am Sonntag, 5. Juni um elf Uhr in der Roten Bar im Wiener Volks-theater präsentiert. Moderation: Klaus Zeyringer.

Ilija Trojanow, "Meine Olympiade. Ein Amateur, vier Jahre, 80 Disziplinen", € 23,70 / 352 Seiten. S.-Fischer-Verlag 2016

Der Schriftsteller Ilija Trojanow, geb. 1965 in Sofia, zog mit seiner Familie 1971 nach Deutschland. Heute lebt er, wenn er nicht reist, in Wien.

  • Einblicke in die Welt des Sports: Der Amateur Ilija Trojanow versucht sich in vier Jahren in 80 Disziplinen, darunter auch Stabhochsprung, Speerwerfen und Rudern.
    foto: thomas dorn / s.-fischer-verlag

    Einblicke in die Welt des Sports: Der Amateur Ilija Trojanow versucht sich in vier Jahren in 80 Disziplinen, darunter auch Stabhochsprung, Speerwerfen und Rudern.

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