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22. Mai 2016, 08:46

Alexander Van der Bellen, beige kariertes Sakko, Hornbrille, dunkle Locken, Dreitagebart, will sich als unabhängiger Kandidat verstanden wissen. Die Parteimitgliedschaft, die sei "von Anfang an ein Fehler" gewesen, versichert er. Auf Anklang stößt der konziliante Wirtschaftsprofessor bei Politgrößen sämtlicher Couleur: Erhard Busek drückt seine Wertschätzung aus, die Grünen stehen hinter ihm, auch Nationalratspräsident Heinz Fischer ist Van der Bellen wohlgesinnt. Sich selbst bezeichnet der Finanzwissenschafter als liberalen Intellektuellen – und "ein Intellektueller gehört nicht in eine Partei", sagt er.

foto: robert jäger / apa-archiv / picturedesk.com
1992 wollte Van der Bellen
Rechnungshofpräsident werden.

Das war im Jahr 1992. Van der Bellen, damals Dekan des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Universität Wien, wurde gerade für die Funktion des Rechnungshofpräsidenten vorgeschlagen. Die Partei, von der er sich zu distanzieren versuchte, war die SPÖ. Während der Kreisky-Ära hatte er kurz mit den Roten geliebäugelt. Seit er nicht mehr Parteimitglied ist, fühle er sich "wohler", teilte er anno dazumal mit.

Rechnungshofpräsident wurde Van der Bellen nie. Nun, 2016, da er sich um das Amt des Staatspräsidenten bewirbt, erscheint diese Randnotiz seiner später grün dominierten Vita jedoch wie ein Déjà-vu: Der erste sowie der vermutlich letzte Streich im politischen Leben Van der Bellens sind von der Frage geprägt, wo der selbst ernannte Unabhängige denn ideologisch zu verorten ist. Die Antworten darauf fallen sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wen man fragt – und wo in Österreich man sich gerade befindet.

"Wählen nicht die Grünen"

Feichten im Kaunertal. Die Berge sind schroff, durch den Faggenbach fließt Gletschermilch, selbst an einem warmen Maitag liegt dort morgens noch Tau auf den Wiesen. Für Van der Bellen ist der Ort der Inbegriff von Heimat, nicht nur auf seinen Plakaten. Man kennt ihn dort, man liebt ihn dort, nicht aufgesetzt, ehrlich.

Sechzig Prozent der Stimmen bekam "Sascha" oder "Saschi", wie er in dem tiefschwarzen Tiroler Tal genannt wird, das er bis heute regelmäßig besucht, bereits im ersten Wahlgang. "Des isch uanar vo ins", sagt Bürgermeister Josef Raich, ein ÖVPler, und bemüht sich dann, Hochdeutsch zu sprechen: "Es hat immer schon geheißen, der ist super, er ist halt bei der falschen Partei. Die Kaunertaler wählen nicht die Grünen, sie wählen den Sascha."

Van der Bellen kam Anfang 1945 als Flüchtlingskind nach Tirol. Seine Eltern, die Mutter gebürtige Estin, der Vater Russe mit niederländischen Vorfahren, flohen vor der Roten Arme zuerst nach Wien, wo Alexander geboren wurde, und dann weiter ins Kaunertal. Die Nazibehörden quartierten die Familie in einem der vier Zollhäuser des Weilers Feichten ein – eine "bitterarme Gegend", wie Van der Bellen sich heute erinnert. "Die urig anmutenden Häuser waren in erster Linie kalt und schwer heizbar", sagt er.

Nach ein paar Jahren zog die Familie nach Innsbruck, wo Van der Bellen zur Schule ging und später Volkswirtschaftslehre studieren wird. Sein Vater – ebenfalls Finanzwirtschafter – war, so wird es im Kaunertal erzählt, ein "Welthandelskaufmann", Obst habe der importiert und Olivenöl aus Spanien. Beide Eltern konnten bereits bei der Ankunft in Österreich Deutsch, seine Muttersprache, Russisch, lernt Van der Bellen nie.

Abschiedsveranstaltung von Alexander Van der Bellen.

Votivpark in Wien. Ein paar Dutzend junge Menschen scharen sich um einen 72-jährigen Mann:_Alexander Van der Bellen, dunkelblaues Sakko, rahmenlose Brille, weißes Haar, Dreitagebart, wird wie ein Star gefeiert im Park neben der Hauptuniversität. Jeder will ein Selfie mit dem Präsidentschaftskandidaten schießen, jeder darf. "Der Van der Bellen steht für Menschlichkeit und Offenheit, im Gegensatz zum Hofer überlegt er, bevor er redet", erklärt eine Geschichte-Studentin, warum sie ihm ihr Vertrauen schenkt. Eine junge Mutter erzählt, sie sei schon immer Grün-Wählerin gewesen: "Es wäre natürlich echt der Wahnsinn, wenn jetzt ein Grüner Präsident wird."

fischer
Für den Dreitagebart und seine besonnene Art war Alexander Van der Bellen schon immer bekannt, allerdings auch dafür, dass er kein großer Wahlkämpfer ist.

Die Karriere Van der Bellens war nicht vorgezeichnet. Er ist sozusagen ein politischer Spätzünder. "Mein Traumberuf war immer Professor", sagt der Ex-Professor. "Keinen Chef haben, immer von intelligenten, jungen Leuten umgeben sein, fabelhaft", erklärt er. "Doch als ich 50 wurde, da wollte ich noch einmal was anderes machen."

Grünen-Mitbegründer Peter Pilz war es dann, der Van der Bellen in die Partei holte. "Ich habe ihn schon überzeugen müssen damals", sagt dieser heute. "Ich wollte, dass wir Grünen aus der politischen Nische raus kommen, eine Reformpartei mit breitem Angebot und wirtschaftlicher Kompetenz werden", erklärt Pilz. Da habe seine Partei genau jemanden wie Van der Bellen gebraucht.

"Klassischer Linker"

Im Jahr 1994 wurde der Wirtschaftswissenschafter grüner Nationalratsabgeordneter, drei Jahre später Parteichef. Die Hoffnung von Pilz wurde wahr: Als Van der Bellen das Ruder übernahm, lagen die Grünen in Umfragen bei rund 4,8 Prozent, die folgenden Nationalratswahlen brachten jeweils einen neuen Höchststand bis hin zu 11 Prozent im Jahr 2006. Nach Verlusten bei der vorgezogenen Wahl 2008 übergab er das Amt des Bundessprechers dann an Eva Glawischnig. Wie Pilz Van der Bellen politisch charakterisieren würde? "Er ist ein klassischer europäischer Linksliberaler."

foto: apa/fohringer
Linker oder Mann der Mitte? – Van der Bellen hat viele Gesichter.
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Das Kaunertal. Im Wahlkampf sprach Van der Bellen oft von seiner Heimat in Tirol.

Im Westen des Landes ist man da anderer Meinung. Eugen Larcher, der Van der Bellen seit dessen Ankunft im Kaunertal kennt und dort mehr als 36 Jahre lang Bürgermeister war, ist überzeugt: "Der Sascha wäre ein genauso guter Schwarzer gewesen. Er war schon immer ein Mann der Mitte. Um was zu werden in einer Partei, hat er halt müssen zu den Grünen gehen." Der 77-Jährige will sich erinnern, dass Van der Bellen, damals Assistent an der Universität Innsbruck, auch einmal versucht habe, bei der ÖVP anzudocken. "Die haben ihn aber nicht reingelassen", sagt Larcher. Van der Bellen selbst streitet das ab.

Politiker sehr alter Schule

Fest steht: Der vermeintlich unabhängige Präsidentschaftskandidat war nie ein klassischer Grüner, immer wieder vertrat er Positionen entgegen der Parteilinie. Er war auch noch nie ein großer Wahlkämpfer, die Langsamkeit, die schon immer als sein Markenzeichen gilt, lässt ihn oft müde und etwas genervt wirken. Van der Bellen ist Politiker einer Schule, die es eigentlich längst nicht mehr gibt – vom Typus vielleicht am ehesten vergleichbar mit dem verstorbenen deutschen Altkanzler Helmut Schmidt. Er repräsentiert Humanismus und Auf geklärtheit im philosophischen Sinn.

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In diesem Haus in Feichten im Kaunertal ist Alexander Van der Bellen aufgewachsen.

Den Grünen, die sich als moderne Partei verstehen, hat dieser altbackene Habitus irgendwann nicht mehr gestanden. Im Präsidentschaftswahlkampf kommt ihm dieser nun aber zugute: Das Professorenimage ist politisch unverfänglich, die liberalen Kräfte unterschiedlichster Lager scheinen nur das in ihm zu sehen, was sie sehen wollen.

Die Linken verzeihen sein offenkundig strategisches Werben mit dem Begriff Heimat, dass er plötzlich Wörter wie "null Toleranz" und "Wirtschaftsflüchtling" verwendet genauso wie sein Hin und Her bezüglich des Freihandelsabkommens TTIP. Konservative blenden großmütig seine grüne Laufbahn aus und outen sich derzeit scharenweise mit Videobotschaften als Fans. Er bietet Projektionsfläche für die verschiedensten Zugänge.

"Angepasst an die Situation"

foto: apa/neubauer
Alexander Van der Bellen bei der letzten TV-Konfrontation mit Norbert Hofer.

Im Gastgarten vom Kirchenwirt, unweit jenes Hauses, in dem Van der Bellen seine ersten Lebensjahre verbracht hat, sitzt Florian, einer seiner beiden Söhne. Ob er seinen Vater schon jemals so konservativ erlebt habe wie derzeit? Da muss er lachen. "Er ist halt angepasst an die Situation", sagt der Unternehmer, der bis vor zwei Jahren Geschäftsführer des Tourismusverbandes Kaunertal war. "Mein Vater ließ sich noch nie was gefallen, wenn es drauf ankommt, aber jetzt geht es nicht darum, zu polarisieren."

Ein paar Straßen weiter hilft Hans Pockstaller bei der Renovierung des Hauses seines Sohnes, er ist der älteste Freund Van der Bellens, neben ihm aufgewachsen. "Saschi war schon immer ruhig und besonnen, aber auch verschmitzt, ein cleveres Bürschel, das immer einen Ausweg wusste", sagt er. Politisch interessiert sei Van der Bellen bereits in seiner Jugend gewesen, "aber dass er sich für eine Partei einsetzt, das hat mich damals gewundert". Grün-Wähler sei Pockstaller allerdings "schon vor dem Saschi" gewesen.

Egal, wie die Wahl ausgeht, ein Sieger steht jedenfalls bereits fest: Das Kaunertal, das auf fast allen Plakaten Van der Bellens abgebildet ist. "Der Florian war ja einmal Tourismus-Chef, aber so eine bundesweite Werbekampagne, die hat uns nur der Sascha gebracht", frohlockt Bürgermeister Raich. (Katharina Mittelstaedt, 20.5.2016)