Krystian Zimerman: Stürme im Champagnerglas

20. Mai 2016, 13:30
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Der polnische Pianist mit Werken von Schubert und Szymanowski im Musikverein

Wien – Ende dieses Jahres feiert er seinen 60. Geburtstag. Darf man Krystian Zimerman deshalb schon zur "Alten Schule" zählen? Ein Berserker, ein Drastiker war der polnische Pianist ja nie. Musik scheint für ihn primär ein Refugium des Schönen und des Wohlklingenden zu sein. Das Klavierspiel des Gewinners des Chopin-Wettbewerbs von 1975 ist so gepflegt wie sein Haar und sein schneeweißer Bart. Kunst als Gentleman-Prinzip.

Später Schubert stand auf dem Programm seines Recitals im Großen Musikvereinssaal. Die A-Dur Sonate D 959 eröffnete Zimerman mit nobler Akkuratesse und ohne jedes Auftrumpfen und ließ gedämpfte, pointierte Agilität folgen. Im Niedlichen, wie etwa dem Durchführungsbeginn des Kopfsatzes, fühlte er sich am Wohlsten.

Das Schmerzpotential von kleinen Sekunden und großen Septimen vermittelte der nach Noten spielende Pianist nur schaumgedämpft, Derbheit und Brutalität ereigneten sich lediglich in der gedimmten, gepolsterten Version des Salonfurors: als Stürme im Champagnerglas. Gleichmäßig, zügig, von eleganter Trauer das Hauptthema des langsamen Satzes (und mit einem seltsam lärmenden Pedalspezialeffekt), federleicht das heitere Akkordhüpfen im Scherzo, von wohlerzogener Harmlosigkeit der Finalsatz.

Bei vier der Mazurkas op. 50 seines Landsmanns Karol Szymanowski (Nr.13-16) agierte Zimerman freier, bot auf seinem schon leicht verstimmten Steinway offenere emotionale Panoramen. Enttäuschend der Kopfsatz der großen B-Dur Sonate: Schuberts unterschiedliche harmonische Beleuchtungen etwa des ersten Themas (B-Dur und Ges-Dur) präsentierte Zimerman im selben Licht, mit satt klingender Melodie. Und welche Differenzierungsmöglichkeiten und emotional-elysischen Ausnahmezustände er erst im Durchführungsteil ausließ… Schön das innige, sacht mit romantischem Pathos erfüllte Thema des zweiten Satzes – es wurde von den Gästen des Lungenheilsanatoriums "Großer Musikvereinssaal" leider ziemlich zugehustet. Im Finalsatz erlaubte sich Zimerman sogar einmal einen veritablen Wutausbruch. Huch!

Von unbeschreiblichem Reichtum und einzigartiger gestalterischer Finesse dann die Zugaben, drei der Neun Präludien op. 1 von Szymanowski (1900). Besser geht’s nicht. Und diese Stücke! Die Nr.2 in d-Moll etwa: wie ein französisches Chanson von Rachmaninow. Begeisterung. (Stefan Ender, 20.5.2016)

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