Rundschau: Was nach "Independence Day" geschah

    Ansichtssache25. Juni 2016, 13:07
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    Das Prequel des Sequels, Comics und neue SF-Romane von Brandon Sanderson, Jack McDevitt und Karla Schmidt

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    coverfoto: propyläen

    Thomas Rid: "Maschinendämmerung. Eine kurze Geschichte der Kybernetik"

    Gebundene Ausgabe, 496 Seiten, € 24,70, Propyläen 2016

    Nun brauchte Gibson noch einen Namen. "Dataspace" war es nicht. "Infospace" auch nicht. "Aber Cyberspace!" Gibson schrieb das Wort auf ein Notizblatt. Es klang, als bedeutete es etwas, als könnte es etwas bedeuten, dachte er. Vielleicht aber auch nicht. "Wie ich das rote Gekritzel auf einem gelben Notizblock vor mir sah", erinnert sich der Autor, "entzückte es mich geradezu, dass es rein gar nichts bedeutete."

    So zitiert der deutsche Sicherheitsexperte Thomas Rid in seinem Sachbuch "Maschinendämmerung" den Großmeister des Cyberpunk William Gibson ... der angeblich von Computern noch so gut wie keine Ahnung hatte, als er die größte SF-Revolution der vergangenen 40 Jahre einläutete. Die Popularität von Gibsons Werken dürfte wesentlich mit dazu beigetragen haben, dass das Wort "Cyber" einen Bedeutungsschwenk vollzog – und letztlich auch dazu, dass "Maschinendämmerung" ein wenig den Eindruck hinterlässt, es hier mit zwei Büchern zu zwei ganz verschiedenen Themen zu tun zu haben.

    Über die Computerwelt hinaus

    Die erste Assoziation, die so ziemlich jeder zum Wort "Cyber" haben dürfte, ist: Computer. Das spiegelt sich aber erst im zweiten Teil von Rids chronologisch gegliedertem Buch wider. In den Kapiteln, die von den 80er Jahren bis zur Gegenwart reichen, finden wir all das, was man sich dazu gemeinhin so vorstellt: Datenhandschuhe und Virtual Reality, Verschlüsselungstechniken und Hacker, NSA-Überwachung und Cyberattacken. In den Kapiteln über die Jahrzehnte davor fließt das Thema Computer nur sporadisch ein. Eine durchgängige Entwicklungsgeschichte des Computers bis zurück zu den Wurzeln sollte man sich von "Maschinendämmerung" also nicht erwarten – der Name Konrad Zuse beispielsweise fällt in dem ganzen nicht eben kurzen Buch kein einziges Mal.

    Auch wenn die zweite Hälfte des Buchs damit den Eindruck hinterlässt, ein wenig in der Luft zu hängen – Kybernetik, um die es hier ja eigentlich geht, ist keineswegs das gleiche wie Informatik oder Computerwissenschaften. Die von Norbert Wiener gegründete Kybernetik ist vielmehr eine fächerübergreifende Disziplin, die sich mit der (Selbst-)Steuerung von Systemen, mit Feedbackschleifen und dem Erreichen von Gleichgewichtszuständen befasst. Und ja, mit Maschinen – allerdings versteht es die durchaus abstrakt angelegte kybernetische Perspektive mühelos, so ungefähr alles als Maschine zu betrachten: Menschen, gesellschaftliche Subsysteme, you name it. Rid spricht treffend von den "wabernden Grenzen" der Disziplin.

    Der Vater aller Dinge

    Die Geburtsstunde der Kybernetik setzt Rid im Zweiten Weltkrieg an, bei den Feuerleitsystemen der Luftabwehr und den neu entwickelten Abstandszündern – ersten Maschinen, die zu einem gewissen Grad autonom agierten. Der britische General Frederick Pile nannte den Einsatz solcher Abwehrwaffen gegen die deutschen V1 damals die "erste Roboterschlacht" der Geschichte. Rid streicht in seinem Buch die Rolle von Militärtechnologie generell stark hervor, was nicht zuletzt seinen beruflichen Schwerpunkten geschuldet sein dürfte (aktuell arbeitet er am Department of War Studies des Londoner King's College).

    Weiteres Beispiel: In den 70ern ging den Piloten der Platz für all die Anzeigen im Cockpit aus, also wurde ein Datenhelm konstruiert, der die Umgebung für sie als erste einfache Form einer Virtuellen Realität darstellte. Die Piloten nannten ihn den "Darth-Vader-Helm", dabei sah das wolkig designte Ding eher aus, als hätte sich der Blob einem Menschen auf den Kopf gesetzt.

    "Maschinendämmerung" enthält – wenn auch leider in der Mitte gebündelt und nicht an jeweils passender Stelle eingefügt – eine große Zahl fantastischer Fotos von technologischen Erzeugnissen versunkener Zeitalter: Etwa Norbert Wieners schrulligen Roboter Palomilla oder die Lightguns der Fliegerabwehr in den 50ern (Urahnen der Computermaus). Den ersten Cyborg der Geschichte – eine Ratte mit Chemikalienpumpe im Schwanz. Den Pedipulator, eine wenig vertrauenerweckende reale Version der Kampfläufer aus "Star Wars" (Endor, nicht Hoth). Oder den seltsamen "Homöostaten" des britischen Psychiaters William Ross Ashby aus dem Jahr 1948: ein klobiges Ding aus Magneten, Potentiometern und noch so allerlei, das sich bei von außen vorgenommenen Störungen des Magnetfelds jeweils so neukonfigurierte, dass es wieder in einen Gleichgewichtszustand zurückkehrte. Wegen dieser Anpassungsfähigkeit verkaufte Ashby den Apparat der kybernetischen Kollegenschaft als echtes denkendes Lebewesen.

    Wenige SF-Bezüge

    Rid bezeichnet sein Buch im Vorwort zwar als "Kulturgeschichte der Kybernetik", explizite SF-Bezüge sind darin aber dennoch sehr dünn gesät. Abgesehen von filmischem Allgemeingut wie "Star Wars", "Terminator" oder "2001: Odyssee im Weltraum" erwähnt Rid nur einige wenige Autoren; und zwar durchaus erwartbare wie Karel Čapek als Erfinder des Worts "Roboter", William Gibson oder Vernor Vinge. Interessanterweise schreibt er Vinge und insbesondere dessen Erzählung "Wahre Namen" von 1981 einen nachhaltigeren Einfluss auf die Cyberkultur der 80er und 90er zu als Gibson.

    Eine kleine Perle ist Norbert Wieners hier wiedergegebene kybernetische bzw. mechanistische Interpretation von Magie anhand zweier Klassiker: Goethes "Zauberlehrling" und William Wymark Jacobs' Gruselgeschichte "Die Affenpfote". Beides – den Besen und die wunscherfüllende Pfote – las Wiener als Maschinen, die vollkommen korrekt ihr Programm abspulten und nur aufgrund inkorrekter Eingabebefehle Chaos und Entsetzen auslösten.

    Eine Idee für so ziemlich alles

    Den Grundstein für den theoretischen Überbau der Kybernetik hatte Norbert Wiener 1948 mit "Cybernetics or Control and Communication in the Animal and the Machine" gelegt. Was andere dann daraus machten, steht auf einem anderen Blatt. Die Disziplin schien für jedermann und alles adaptierbar und spiegelte oft die gerade vorherrschenden geistigen Strömungen wider. In den Wirtschaftswunderjahren etwa entwickelte sich ein Spannungsfeld zwischen Hoffnungen auf ein entspanntes zukünftiges Leben in einer technisierten Utopie einerseits und Ängsten vor Arbeitsplatzverlust durch Automatisierung andererseits. Und Wiener warnte vor einem möglichen Aufstand robotischer Arbeitssklaven.

    Mit der Gegenkultur der späten 60er begann dann die endgültige Zerfaserung der Kybernetik. Genderphilosophische Betrachtungen schienen sich daraus ebenso ableiten zu lassen, wie es die Hippies schafften, neue Technologien mit dem Zurück-zur-Natur-Motiv zu vereinbaren. Manche Betrachtungsweisen von damals sind heute kaum noch nachzuvollziehen – andere wirken skurril, auf den zweiten Blick aber gar nicht mehr so weithergeholt. Mit Vergnügen liest man etwa, wie sich Jerry García von den Grateful Dead in den 80ern für Virtuelle Realitäten zu begeistern begann. Und es für wahrscheinlich hielt, dass die Regierung solche "Trips" bald genauso verbieten würde wie halluzinogene Pilze.

    Der Vorhang zu und alle Fragen offen

    Rids beeindruckend recherchiertes Buch enthält jede Menge solcher Anekdoten sowie längst in Vergessenheit geratene Fakten und stellt oft überraschende Querverbindungen her. Dass sich das alles dennoch nicht unbedingt zu einem runden Ganzen fügt, liegt nicht zuletzt am schwer greifbaren Wesen der Kybernetik selbst. Nach der Lektüre von "Maschinendämmerung" weiß man weniger denn je, ob die Kybernetik nun wirklich eine eigene Wissenschaft ist – oder nicht doch eher eine Philosophie, die auf alle möglichen Felder angewandt wird. Oder vielleicht sollte man statt "ist" ohnehin besser "war" sagen, hat sich die Kybernetik mit der Ausuferung ihres Zuständigkeitsbereichs doch letztlich irgendwie selbst totgelaufen. In Rids Worten: Fast siebzig Jahre, nachdem das Wort geprägt wurde, klingt "Kybernetik" seltsam gestrig und realitätsfern.

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