Rundschau: Was nach "Independence Day" geschah

Ansichtssache25. Juni 2016, 13:07
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coverfoto: titan books

Greg Keyes: "Independence Day: Crucible"

Broschiert, 384 Seiten, Titan Books 2016

Nein, hier geht's nicht um den Brexit. Kurz vor dem Kinostart von "Independence Day: Wiederkehr" ist die Spannung groß, was sich Herr Emmerich jetzt wieder hat einfallen lassen. Wir wissen mittlerweile, dass bei der Rückkehr der Aliens alles NOCH GRÖSSER wird (no na ...) und dass wir 20 Jahre nach dem Original eine ganze Reihe alter Bekannter wiedersehen werden.

Wiederkehr in jeder Hinsicht

Vom Heldenduo des ersten Films ist immerhin David Levinson (Jeff Goldblum) wieder mit dabei, dankenswerterweise samt seinem kauzigen Papa Julius (Judd Hirsch). Captain Steve Hiller (Will Smith) hingegen ist in der Zwischenzeit verstorben – nichtsdestotrotz feiert dessen strippende Freundin Jasmine (Vivica Fox) ein Comeback. Auch Längst-nicht-mehr-US-Präsident Thomas J. Whitmore (Bill Pullman) darf wieder mitmischen. Und nicht zu vergessen der wirre Wissenschafter Dr. Brakish Okun (Brent Spiner ... also "Data" halt).

Wie es zu dieser eher durch Nostalgie als Logik erklärbaren Konstellation kam, erzählt uns Greg Keyes in "Independence Day: Crucible", dem offiziellen Prequel des Sequels. Im Englischen gibt es für so etwas mittlerweile bestimmt einen Fachausdruck – und die entsprechende Nische hat sich offenbar Keyes gekrallt, der bereits dafür angeheuert worden war, das literarische Verbindungsstück zwischen "Planet der Affen: Prevolution" und "Revolution" zu schreiben ("Feuersturm"). Und das war gar nicht mal so schlecht, denn der mit der Reihe "Bund der Alchemisten" bekannt gewordene Autor versteht es, ein vorgegebenes Handlungsgerüst mit einer spannenden Erzählung auszukleiden.

Auferstanden aus Ruinen

Drei Milliarden Tote und 108 plattgemachte Metropolen – so lautet die nüchterne Bilanz der Alien-Attacke, die uns in den Jubelszenen am Ende des Films von 1996 vorenthalten wurde. Eine globale Wirtschaftskrise im Anschluss ist unvermeidlich, aber dennoch berappelt sich die Welt wieder. Und sie tut dies auf eine noch nie dagewesene Weise: gemeinsam. Der düsenfliegende US-Präsident konnte die übrigen Staaten davon überzeugen, nationale Interessen von nun an hintanzustellen. Was unter anderem auch bedeutet, dass die USA China die Ehre überlassen, eine Mondbasis zu bauen.

Area 51 entwickelt sich derweil zu einem neuen Silicon Valley: Die abgestürzten Riesenraumschiffe werden hier auf der Suche nach allen möglichen neuen Anwendungen ausgeschlachtet. Vor allem aber, um unter der Ägide der Earth Space Defense eigene Raumschiffe in Hybridtechnologie herzustellen, inklusive Schutzschilden und allem, was sonst noch so dazugehört. Und besagte Mondbasis soll mit einer riesigen Kanone ausgestattet werden. Warum? Weil Wissenschafter David Levinson die Vermutung geäußert hat, die Aliens könnten vor ihrem Untergang ein Notsignal an Artgenossen abgesetzt haben ...

Chronik der Ereignisse

Den Fokus hat Keyes ganz klar aufs Menschliche gelegt, also auf die weiteren Lebenswege der alten Crew und die Vorgeschichten der neuen. Bei Ersteren wird primär auf Wiedererkennungswerte gesetzt: Levinson ist gewohnt sarkastisch und unbeholfen im Umgang mit anderen, Hiller der großmäulige Kämpfertyp. Braver Tie-in-Autor, der er ist, verwendet Keyes sogar das Original-Wording, wenn sich die Gelegenheit ergibt: So they were still shooting green shit at him, heißt es etwa, wenn sich Hiller ein Gefecht mit ein paar übriggebliebenen Aliens liefert.

Parallel dazu wächst die jüngere Generation heran: Präsidententochter Patricia, Hilleradoptivsohn Dylan und – neu – der beim Angriff verwaiste Jake Morrison. Alle drei streben eine Pilotenlaufbahn an, zugleich wird hier eine Dreiecksbeziehung aus Freundschaft, Liebe und Konkurrenzkampf etabliert, die Emmerich dann im Film wohl noch genüsslich ausschlachten wird. Hier erfahren wir also, wie sie begann. "Independence Day: Crucible" ist als Chronik der Ereignisse von 1996 bis 2016 angelegt und segelt in Monats- oder Jahressprüngen dahin. Die Gewichtung der wiedergegebenen Ereignisse ist dabei nicht immer ganz nachvollziehbar: Zwei Hauptfiguren sterben im Off, dafür werden die Flugmanöver der drei Rookies in "Top Gun"-mäßiger Länge geschildert.

Was ist neu?

Eine ganz neue Figur ist der Kunststudent Dikembe Umbutu, der den Angriff auf London überlebt hat und sich anschließend auf den Weg in seine afrikanische Heimat macht (soll ungefähr im Kongo sein, auch wenn die beschriebene Tierwelt nicht wirklich dazu passt). Dort hat sich sein Vater inzwischen zum Warlord gemausert und hütet eifersüchtig seinen giftigen Schatz: ein Alienschiff, das nicht abgestürzt, sondern gelandet ist. Dessen Besatzung hat auch überlebt, trotzdem sollte man sich besser nicht allzu viele neue Aufschlüsse über die Außerirdischen erwarten, sie bleiben im Buch lediglich Statisten.

Zu guter Letzt wird die SF-Mischung auch noch mit einem Gruselelement angereichert. Im ersten Film haben wir die telepathische Kommunikation der Aliens ja bereits miterleben dürfen. Anscheinend ist die an den Menschen nicht spurlos vorübergegangen: Alle, die in Kontakt mit den Außerirdischen kamen, wurden anschließend nämlich von Albträumen und Visionen heimgesucht. Mit der Zeit sind diese abgeklungen, doch plötzlich leben sie wieder auf. Und überall taucht nun das gleiche Symbol – ein durchgestrichener Kreis – auf, dessen bloßer Anblick Angst auslöst. Was dahintersteckt, werden wir dann wohl im Kino sehen.

Bilanz: Warten auf den Film

"Independence Day: Crucible" hat unverkennbar nur die Aufgabe, vor dem Filmstart eine Erwartungshaltung aufzubauen. Das macht das Buch recht gut; mehr nicht, aber auch nicht weniger. Im Anhang enthält es übrigens eine Timeline, die auch drei weitgehend vergessene "Independence Day"-Romane aus den 90ern und ein Comic berücksichtigt – womit alle kanonischen Quellen erfasst wären. Im Vergleich zu "Terminator" oder "Planet der Affen" (von Imperien wie Marvel oder "Star Wars" ganz zu schweigen) ist "Independence Day" eben noch ein Mini-Mini-Franchise. Ein weiteres Filmsequel wurde allerdings bereits angedacht.

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