Verena Mermer: Bakus vergessene Revolutionäre

23. Mai 2016, 11:01
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Das Romandebüt "die stimme über den dächern" ist ein wagemutiger Versuch, politischem Aufbegehren literarisch gerecht zu werden

Weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit und im Schatten des Arabischen Frühlings kam es im März 2011 auch in Aserbaidschans Hauptstadt Baku zu Protesten gegenüber den autoritär herrschenden Machthabern. Unruhestifter freilich waren ein Jahr vor der Austragung des Eurovision Song Contests nicht willkommen.

In jenen Jahren hielt sich die in Niederösterreich geborene Verena Mermer zu Arbeitszwecken in Baku auf. Aus ihren Erfahrungen und Erlebnissen im Land zwischen Kaspischem Meer und Kaukasus entstand ein Buch, der Roman mit dem Titel die stimme über den dächern. Mermer, die in Wien Germanistik, Romanistik und Indologie studierte, wurde 1984 geboren und hat bisher in Literaturzeitschriften veröffentlicht.

Mit ihrem Erstlingsroman steigt sie nun in den Mittelbau des Literaturbetriebs ein. Über die Schwelle hilft ihr der nunmehr wieder in Salzburg ansässige Residenz-Verlag, der in den letzten Jahren auffallend viele Debüts junger, aufstrebender, nicht nur österreichischer Autorinnen veröffentlicht hat; genannt seien beispielhaft Anna Weidenholzer, Elisabeth Klar oder Tanja Maljartschuk; es sind Stimmen rund dreißigjähriger Frauen zu gegenwärtigen Fragen um Gesellschaft und Politik mit hohem literarischem Anspruch. Die literarische Jetztzeit gehört den Autorinnen.

Typografische Konventionen

Mermers Roman, sprachlich feinfühlig und vielschichtig gearbeitet, ist in konsequenter Kleinschreibung gehalten und handelt von vier jungen Revolutionären, die es zu Freiheit und Selbstbestimmung im geheimdienstdurchsetzten Aserbaidschan drängt. Der Zusammenhang von Inhalt und Form ist evident: Das Aufbegehren drückt sich auch auf der typografischen Ebene aus, wobei sich hier ein Problem auftut. Die durchgehende Verwendung der kleinen Buchstaben im Deutschen erscheint heutzutage gleich einmal wenig originell, dafür muss gar nicht der Sprachwissenschafter und Märchenaufzeichner Jakob Grimm bemüht werden, der ein Anhänger der kleinen Anfangsbuchstaben war.

In den 1950er-Jahren gab die Wiener Gruppe um H. C. Artmann durch umstürzlerische Sprachverwendung der visuellen Präsentation von Texten Bedeutung und stellte sich wider die Konventionen. Späterhin N. C. Kaser oder Elfriede Jelinek und andere. Dennoch: Der subversive Akt ist heute inexistent, die Kleinschreibung transportiert anderes, nämlich weltumspannende, einheitliche Kommunikation. Alle Rebellion ist abgefallen; siehe die deutliche Tendenz zur Kleinschreibung im Feld des Corporate Design, der Web-Domains oder E-Mail-Adressen. Es gibt keinen #aufschrei mehr.

Für den Arabischen Frühling spielt der Einsatz sozialer und digitaler Medien, allen voran das Smartphone, eine große Rolle. Nun bedienen sich auch die vier Roman-Oppositionellen des Web 2.0; aber: Auf sprachlicher bzw. typografischer Ebene findet dies in die stimme über den dächern keinen Niederschlag.

So besteht eine Diskrepanz zwischen Inhalt und Form, die problematisch ist, weil sie ja beabsichtigt ist, thematisiert wird. Die Gegenwartsliteratur scheint sich damit schwerzutun, der digitalen Realität gerecht zu werden bzw. literarische Mittel zu finden. Kann über eine Internetrevolution geschrieben werden, ohne mit ihrer Sprache, ihren Zeichen, ihrem Stil zu arbeiten?

Doch täte man dem Roman unrecht, ihn allein darauf zu reduzieren, ist er doch mit viel Liebe zu den Möglichkeiten poetischer Sprachverwendung geschrieben und kunstvoll auf mehreren Ebenen gestaltet, die geschickt mit wechselnden Erzählperspektiven und kursiv gesetzten dialogischen Elementen miteinander verwoben sind. Das Dramahafte weist auf die Novellenform des 160-Seiten-Buches hin; die Niederschlagung am berüchtigten 11. März fungiert als Goethes "unerhörte Begebenheit".

Spiel mit dem Fantastischen

Die Autorin liebt Anspielungen und Symbole, von denen manche selbsterklärend, andere versteckt sind. Die Namen der vier Freunde, zweier Paare, zum Beispiel: Frida und Che, Schauspielerin und Arzt, eine Art Widerspiegelung ihrer berühmten Namensvetter Kahlo und Guevara. Die anderen sind die Lehrerin Nino und der ewige Student Ali, benannt nach den Titelhelden des Romans von Kurban Said aus dem Jahr 1937, in dem es um den Muslim Ali und die Christin Nino geht, die für ihre religionenübergreifende Liebe kämpfen, sich aber in den Wirren der Russischen Revolution in Aserbaidschan verlieren.

Ali, der lange Zeit im Gefängnis sitzt, wird durch einen Zauberspiegel wiederkehren. Das Spiel mit dem Fantastischen, Motive der Romantik, die Revolution als Märchen, bei dem sich Wünsche aber nicht erfüllen und es kein Happy End gibt, schwingen im Text stets mit. Mermer stellt die Realität infrage, verwirrt. Durch die fiktionale Gestaltung der Realität wird diese literaturtauglich.

Mermer hat akribisch zu Land und Kultur, Leuten und Sprache recherchiert und schickt den Leser auf Entdeckungsreise und in die eindrücklichen Tiefen der Stadt Baku: an die trostlose Peripherie, wo die vier Aufbegehrer in einer "verwunschenen wohnung" leben, ins westlich aufgepimpte Zentrum mit seinem pulsierenden Nachtleben und schließlich auf den Fontänenplatz, trauriges Symbol der Fastrevolution.

"da ruft ein junger mann AZADLIQ, das wort für freiheit. andere stimmen ein, [...] ein tumult: rufe verhallen und polizeibeamte halten menschen den mund zu, die augen. die junge frau wird zum einsatzwagen geschleift." Im Anhang sind die aserbaidschanischen Sonderzeichen und die fremdsprachigen Begriffe erklärt. (Sebastian Gilli, 21.5.2016)

Verena Mermer: "die stimme über den dächern", EURO 19,90 / 160 Seiten, Residenz Verlag , Salzburg 2015.

  • Spiel mit dem Fantastischen, Motive der Romantik – und der Revolution: Verena Mermer.
    foto: aleksandra pawloff

    Spiel mit dem Fantastischen, Motive der Romantik – und der Revolution: Verena Mermer.

  • Verena Mermer: "die stimme über den dächern", erschienen im Residenz Verlag.
    foto: der standard

    Verena Mermer: "die stimme über den dächern", erschienen im Residenz Verlag.

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