"X-Men: Apocalypse": Der Gedemütigten Schöpfung

20. Mai 2016, 14:46
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Der schon jetzt beste Superheldenfilm des Jahres erzählt von der Erkenntnis, die Welt mit eigenen Augen zu sehen

Wien – Für sein Erwachen braucht das Böse vorzugsweise ein Gesicht und einen Körper. Es kann jahrtausendelang in verborgenen Tempelruinen schlafen und darauf warten, dass seine Zeit kommt, doch wenn es so weit ist und ein übereifriger Wissenschafter oder eine hübsche Archäologin, jedenfalls aber ein Mensch, den letzten Stein umdreht, kann sich die Welt erfahrungsgemäß auf etwas gefasst machen.

Der Ouvertüre von X-Men: Apocalypse ist in dieser Hinsicht ein doppelter Schöpfungsakt: Im alten Ägypten der Pharaonen wird hier ein monströses Wesen geboren, von dem man bereits ahnt, dass es schlimmer unter den Menschen wüten wird als die zehn biblischen Plagen, und zugleich das erste Kapitel eines Films aufgeschlagen, der sich von Beginn an seiner inszenatorischen und epischen Stärke bewusst ist.

foto: twentieth century fox

Der falsche Gott soll sterben, brüllen weitsichtig die Soldaten 3.600 Jahre vor der Geburt des Erlösers und meinen damit den ersten Mutanten, den die Welt gesehen hat – und in einer fulminanten Ouvertüre gleich wieder unter sich begräbt. Ein Paukenschlag, der noch am Ende des Zeittunnels, den man sogleich in Sekundenschnelle bis ins Jahr 1983 durchrast, nachklingt und in Ohio ebenso spürbar ist wie in Ost-Berlin.

Dass in den nächsten zweieinhalb Stunden möglicherweise einer der besten Blockbuster des Jahres – sicher aber der beste mit Superhelden bestückte – folgt, hat mehrere Gründe. Seit nunmehr fast zwanzig Jahren arbeitet der heuer 50-jährige Regisseur, Drehbuchautor und Produzent Bryan Singer immer wieder an der Heldensaga rund um die von der Menschheit gefürchteten, verfolgten oder gedemütigten Mutanten. Als Singer mit X-Men (2000) die von Stan Lee und Jack Kirby in den frühen 1960er-Jahren für Marvel kreierten Superhelden, die ihre Kräfte einer Genmanipulation verdanken, für das Kino reanimierte, war auch die Weltpolitik von Kriegsszenarien, Bedrohungsmomenten und militärischen Interventionen geprägt. Und Singer bewies bereits damals Gespür für das Kurzschließen von schnöder Wirklichkeit und attraktiver Populärkultur: Die Angst und zugleich der Wunsch nach Anpassung, ob individuell oder kollektiv, wurden seither von keinen anderen Heldenfiguren im Kino derart präzise antizipiert wie von diesen Außenseitern und Ausgestoßenen.

Mächtige Getreue

Denn das große Thema der nunmehr auf neun Teile angewachsenen Saga ist nicht weniger als die menschliche Evolution selbst – und die Frage, welche Risiken jede Veränderung mit sich bringt. Und vor allem, welche Gefahr, selbst wenn sie nicht wie nun in X-Men: Apocalypse als personifiziertes Ungetüm (Oscar Isaac) einer ägyptischen Pyramide entsteigt, vier schwache Gestalten zu mächtigen Getreuen transformiert und diese wie apokalyptische Reiter um sich schart.

foto: twentieth century fox

Während man erst vor wenigen Wochen in The First Avenger: Civil War sehen konnte, wie sich ein Dutzend Comichelden auf der Leinwand um Platz und Aufmerksamkeit streiten, zeigt Singer, wie man verschiedene Verbindungen dramaturgisch produktiv macht: Hilfe zur Selbsthilfe lautet das Credo, dem Professor Xavier (James MacAvoy) mit seinen ihm treuen Kämpfern ebenso folgt wie das auferstandene Böse mit seiner teuflischen Heerschar. Die Welt wird derweil zum Spielball in einem Krieg, in dem Macht und Kontrolle zusammenfallen.

Selbstverständlich kann Apocalypse auf die obligate finale Schlacht, in der die Rechenleistung der Computer einmal mehr beachtlichen Schauwert generiert, nicht verzichten, ebenso wenig auf eine wohldosierte Komik, etwa wenn Evan Peters als Quicksilver in Überschallgeschwindigkeit diesmal die Kollegenschaft aus dem Hauptquartier evakuiert: Sweet Dreams (Are Made of This).

20th century fox

Doch selbst während dieses Großeinsatzes verlieren Singers Figuren – allen voran Michael Fassbender als ein von der Ermordung seiner Eltern durch die Nazis traumatisiertes Wrack, das sich zum rachsüchtigen Magneto wandelt – nicht an Glaubwürdigkeit. Dieser Film erzählt von der Schwierigkeit, allen Widrigkeiten dieser Welt zum Trotz den Glauben an sich selbst nicht zu verlieren. Und das hat weniger mit Streben nach Einzigartigkeit oder verquaster Religionsphilosophie zu tun als mit der Erkenntnis, dass die Welt immer auch so ist, wie man sie sieht. (Michael Pekler, 20.5.2016)

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