Die Hoferisierung Österreichs

Userkommentar21. Mai 2016, 09:06
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Norbert Hofers Aufstieg ist kein Zufall. Er ist die direkte Folge einer konsequenten Verdrängungs- und Beschönigungskultur von 1945 bis heute

Der Aufstieg Norbert Hofers ist der vorläufige Höhepunkt einer langen Reihe von Ereignissen in Österreichs Nachkriegsgeschichte, die von einer latent autoritären und menschenverachtenden Grundstimmung in der Gesellschaft zeugen. Er läuft damit dem seit der Wahl Kurt Waldheims sich wandelnden Geschichtsverständnis entgegen, das die herrschende "Opferthese" zwar verspätet, aber radikal infrage gestellt hat.

Gefährlicher aber noch als Hofers NS-Dünkel ist, dass sich sein Gedankengut aus dem immer noch nicht ausgetrockneten Sumpf nährt, aus dem Faschismus und Diktatur in Österreich bereits vor Hitler entstanden sind. Sein Vorgehen, das sich schlicht als "systemkritisch" gibt, ist ungleich salonfähiger als eines, das das althergebrachte Nazi-Instrumentarium und ewiggestrige Wählerschichten direkt bedient. Die "Neue Rechte" hat zwar ihre Strategie geändert, aber nicht ihre Ziele: Sie strebt weiterhin einen staatlich-gesellschaftlichen Umbau im autoritären Sinne an.

Der rote Faden Österreichs

Exakt dreißig Jahre nach der heißumstrittenen Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten markiert der Wahlsieg des FPÖ-Kandidaten Hofer im ersten Wahlgang den vorläufigen Höhepunkt einer langen Reihe von Ereignissen, die von einer autoritären und menschenverachtenden Grundstimmung in der Gesellschaft zeugen und die sich wie ein roter Faden durch Österreichs Nachkriegsgeschichte ziehen.

Dem flüchtigen Beobachter mögen diese Vorkommnisse als isolierte Ereignisse erscheinen, doch sie kehren mit längst überwunden geglaubter Regelmäßigkeit immer wieder zurück. Der Bogen der Skandale spannt sich dabei von der Kontroverse um den NS-Historiker Taras Borodajkewycz (1965), den fünf ehemaligen Nationalsozialisten im Kabinett Kreisky I (1970), der Affäre Kreisky-Peter-Wiesenthal (1975), der Affäre Reder-Frischenschlager (1985), der Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten (1986), den zum NS-Apologetismus und der Daueragitation neigenden Jörg Haider der 90er-Jahre, bis zu dem jahrelangen Streit um die Restitution beschlagnahmter Gemälde (1998–2005). Letztlich mündete all dies in die schwarz-blaue ÖVP-FPÖ-Koalition von Haiders Gnaden (2000–2006), die zu den sogenannten EU-Sanktionen führte und deren Folgen die Republik noch heute abarbeitet.

Schlussstrich oder nicht

Die Öffentlichkeit befindet sich damit seit mehr als 30 Jahren in einer Art permanenter politischer Erregtheit, die teils real gefühlt und teils von der FPÖ hochgepeitscht wurde. Es herrscht das Bedürfnis vor, "nicht schon wieder" an diesem Thema zu rütteln und "endlich einen Schlussstrich" zu ziehen. Die breite Masse fühlt sich oft zu Unrecht unter ständigem Verdacht und übermäßig geläutert. In voller Konsequenz wird daher auch jedweder Anflug von Political Correctness verschmäht und stattdessen trotzig ein Vokabular propagiert, das Gut und Böse in deren Gegensatz kehrt und sinnentleert – zum Beispiel "Tugendritter", "Gutmenschen", "Willkommenskultur".

Und nun Hofer. Der Kandidat, der das Verbotsgesetz aufheben möchte, das Kriegsende als Trauertag begreift, sich zum Deutschtum bekennt, dessen Burschenschaft "die Fiktion einer österreichischen Nation" ablehnt und der droht, als Bundespräsident die Regierung zu entlassen, sollte sie nicht seinen Vorstellungen entsprechen. Er wird von seinen vielen Anhängern als normal und erfrischend empfunden und auf keinen Fall als einer, vor dem man Angst haben müsse. Doch sein Aufstieg ist kein Zufall: Er ist die direkte Folge einer konsequent gewollten Verdrängungs- und Beschönigungskultur, die den unzweideutigen Hintergrund für die zahlreichen Skandale von 1945 bis heute bildet.

Dass es auch ganz anders gehen kann, bewies der deutsche Bundespräsident Richard von Weizsäcker, der schon 1985 in seiner Rede zum 40. Jahrestags des Kriegsendes durchaus andere, vielbeachtete Worte fand. Und bereits in den Jahren 1963 bis 1965 fanden vor deutscher Gerichtsbarkeit die kathartischen Frankfurter Auschwitz-Prozesse statt, die der Bevölkerung bildlich und rechtlich die Gräuel des von ihr unterstützten, mitgetragenen oder geduldeten Regimes vor Augen führten.

Der Opfermythos

Wie es zu dieser völlig anderen Haltung in Österreich kommen konnte, ist ausreichend durch die zeitgeschichtliche Wissenschaft dokumentiert. Es war der sogenannte Opfermythos, der auf der Moskauer Deklaration von 1943 aufbaute und nach dem Kriege nicht nur die politische Rehabilitation, sondern auch die österreichische Nationsbildung ermöglichte.

Im nationalen Verständnis kam es dadurch zu einer Umkehr der Opfer-Täter-Rolle, während auf der individuellen Ebene das Schlüpfen in die Opferrolle einen unmittelbaren Schutz vor dem Verdacht, Nazi gewesen zu sein, bedeutete. Das sich so entwickelnde kollektive Gedächtnis festigte sich über die Jahre, exkulpierte die Mitglieder der Kriegsgeneration oder bewahrte sie zumindest vor einer unliebsamen Konfrontation. In der Folge entwickelte das Land zwar bestenfalls eine gewisse Scham für das Geschehene, empfand jedoch keine Schuld. Diese "schuldlose Scham" führte aber auch dazu, dass keine Sühne geleistet werden musste.

Wandelndes Geschichtsverständnis

Dennoch kam es während der 80er-Jahre letztlich zu einer Generationenablöse, durch die die Wirkungsmacht der direkten Erfahrung in der kollektiven Erinnerung an Kraft zu verlieren begann. Diese geschichtskulterelle Veränderung war keine isolierte österreichische Angelegenheit, sondern fand in einem internationalen Umfeld statt, in dem der Holocaust immer deutlicher zum Referenzpunkt des kollektiven Gedächtnisses des 20. Jahrhunderts wurde.

Die heimische Erinnerungskultur passte sich nur langsam an dieses neue, internationale Verständnis an. So deckte sich Waldheims berüchtigter Satz "Ich habe im Krieg nichts anderes getan als hunderttausende Österreicher auch, nämlich meine Pflicht als Soldat erfüllt" noch vollends mit dem Verständnis der Kriegsgeneration und teilweise auch mit dem der nachfolgenden Generation, die von einem nur mangelhaft denazifizierten Lehrer- und Politikerkorpus in den 50er- und 60er-Jahren sozialisiert worden war. Und so wurde Waldheim als Verkörperung von Österreichs Nachkriegslebenslüge 1986 mit einer Mischung aus Beleidigung und Trotz "Jetzt erst recht" (Kampagnenslogan) zum Bundespräsidenten gewählt.

Nichtsdestotrotz wurde der Fall Waldheim letztlich zu einem Katalysator für das sich wandelnde Geschichtsverständnis Österreichs, das die vorherrschende Staats- und Lebenslüge von der Rolle Österreichs als erstem Opfer nationalsozialistischer Aggression radikal infrage stellte. Während der folgenden 20 Jahre kam es zu einer wachsenden Akzeptanz der Mitverantwortung vieler Österreicher an der Täterschaft im NS-Staat, wenn auch das offizielle Österreich den Opferstatus nie ganz aufgeben wollte.

Versteinerte Denkprozesse

Ungeachtet dieser Wandlung im offiziellen Geschichtsverständnis, gelang es Haider, der 1986 in einer Kampfabstimmung die Obmannschaft der FPÖ errungen hatte, die vormals latenten, nun aber im Zuge der Waldheim-Kampagne offen aufgebrochenen Gefühle der uneingestandenen Scham, aber auch des ungebrochenen Trotzes durch unzählige provokante Sager, die das NS-Regime, die (Waffen-)SS und die Taten der Kriegsgeneration beschönigten, zu kanalisieren. Dazu schürte er unter anderem Ressentiments gegen "das System" (in aufgewärmter Nazi-Diktion "die Altparteien") und den Hass auf "Fremde".

So kam es, dass trotz des Wandels im institutionalisierten Geschichtsverständnis Österreichs für weite Teile der Bevölkerung eine offene Auseinandersetzung mit der NS-Zeit und den Verstrickungen, in denen sich viele befanden, weiterhin ausblieb. Ebenso blieb das moralische Problem der individuellen Scham beziehungsweise Schuld für viele unausgesprochen und ungelöst.

Neue Strategie, alte Ziele

In dieses Gedankenfeld stößt nun Präsidentschaftskandidat Hofer. Was unterscheidet ihn von seinen Mitstreitern? Obwohl Hofer seine Deutschtümelei vielleicht sogar mit mehr Überzeugung zur Schau trägt als selbst Haider oder Heinz-Christian Strache, ist sie bei ihm kein wesentliches Element des Wahlkampfes. Seine Anhänger begeistern sich für ihn wahrscheinlich zumindest ebenso sehr trotz seiner Burschenschaftmitgliedschaft wie deshalb. Stattdessen sehen sie ihn als einen von sich, einen, der es "denen da oben" zeigen wird. Hofer hat erkannt, dass allzu offenes Liebäugeln mit Nazithemen nicht mehr opportun und mehrheitsfähig ist. Der Generationenwechsel und das sich wandelnde Geschichtsverständnis haben endlich auch die österreichische politische Kultur erreicht.

Aber der gedankliche Sumpf, dem die NS-Diktatur und ihre Gräueltaten letztlich entsprangen, brodelt mangels einer breiteren Auseinandersetzung weiter. Und in ihm fischen die neuere FPÖ und Hofer ungebrochen. Plumpe Anspielungen auf Hitler, die SS, die Wehrmacht und so weiter sind leicht zu enttarnen. Aber blauäugige, von einem Unschuldslächeln begleitete Warnungen vor einer Überlastung des Sozialsystems durch weitere Zuwanderung oder Asylwerber sind weniger offensichtlich. Die Zersetzung des öffentlichen Vertrauens in staatliche Institutionen und Parteien durch scheinbar legitime Systemkritik ebenso wenig.

Die Verhetzung von Medien und individueller Journalisten ist in dem von der FPÖ aufgepeitschten Klima schon fast zur Normalität geworden. Die Rechte ist schlauer geworden; sie braucht die Ewiggestrigen (fast) nicht mehr. Sie pilgert stattdessen nach Yad Vashem, um sich staatsmännisch zu geben. Gegen Vorwürfe des gesellschaftlich verpönten Antisemitismus wehrt sie sich damit, dass man nicht "immer die Nazikeule schwingen" möge.

In sich gewandtes System

Diese "Neue Rechte" hat ihre Strategie geändert, nicht aber ihre Ziele. In Österreich strebt sie seit Haider eine Dritte Republik an, die in einer neuen Regierungs-, wenn nicht Staatsform, enden soll. Diese wird ein abgeschottetes, in sich gewandtes System sein, das ironischerweise die Segnungen, die eine vormals offene Politik dem Land gebracht hat, bewahren soll. Es wird ein autoritäres, zentral gelenktes, unfreieres und weniger demokratisches System sein. Minderheiten würden wohl zu Bürgern zweiter Klasse mit eingeschränkten Rechten degradiert.

Die politische Zukunft Österreichs unter einer FPÖ-Führung kann bereits heute in Ungarn und Polen beobachtet werden. Seine wirtschaftliche Zukunft in Kärnten. Da kann Hofer noch so treuherzig in die Kamera lächeln. (Michael Hart, 21.5.2016)

  • Norbert Hofer Donnerstagabend in der ORF-Diskussion. Der FPÖ-Kandidat hat erkannt, dass allzu offenes Liebäugeln mit Nazithemen nicht mehr opportun und mehrheitsfähig ist. Die Rechte ist schlauer geworden; sie braucht die Ewiggestrigen (fast) nicht mehr. Sie pilgert stattdessen nach Yad Vashem, um sich staatsmännisch zu geben.
    foto: apa/herbert neubauer

    Norbert Hofer Donnerstagabend in der ORF-Diskussion. Der FPÖ-Kandidat hat erkannt, dass allzu offenes Liebäugeln mit Nazithemen nicht mehr opportun und mehrheitsfähig ist. Die Rechte ist schlauer geworden; sie braucht die Ewiggestrigen (fast) nicht mehr. Sie pilgert stattdessen nach Yad Vashem, um sich staatsmännisch zu geben.

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