Costa Blanca: Die weiße Weste einer Küste

25. Mai 2016, 05:30
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Während viele nahe Reiseziele von Krisen gebeutelt werden, boomt Spanien. Selbst Ziele des Massentourismus wie die Costa Blanca genießen nun wieder einen guten Ruf. Oder vielmehr: die Ferienhäuser im lärmarmen und kulinarisch reichen Hinterland

Sie hocken in den Zweigen der alten Olivenbäume und singen. Bis weit nach dem Frühstück halten die Drosseln durch. Abends werden sie wieder auf dem Zaun am Pool hinter der Finca sitzen, den Menschen erst beim Baden und dann beim Barbecue auf der Terrasse zuschauen. Drumherum tanzt der milde Levante-Wind. Tagsüber sind nur die Insekten zu hören, die surrend in die Kelche der Macchia-Gewächse eintauchen.

Ungeahnt still ist es in den Bergen im Hinterland der Costa Blanca – und genau diese Ruhe suchen Leute, die hier ihre Ferien in Fincas, in Villen mit Pool oder in kleinen Herbergen in Dörfern mit nur ein paar Dutzend, manchmal ein paar Hundert Einwohnern suchen. Nur drei, vier Kilometer breit ist der Küstenstreifen, der im Fremdenverkehr bisher eine Rolle gespielt hat. Erst was gleich dahinter kommt, ist die Reise wert.

Unten baden, oben wohnen

Aus britischer Sicht ist die Costa Blanca bis heute Ziel des Massentourismus. Hotelurlaub in dieser Region hat auf dem deutschsprachigen Markt vor mehr als zwei Jahrzehnten eine Rolle gespielt und sich danach nie mehr richtig etabliert. Aus Österreich, aus Deutschland und der Schweiz kommen nun Individualurlauber. Sie haben es auf die Ferienhäuser abgesehen. Mit den Krisen in anderen nahen Urlaubsregionen haben sie die Wiederentdeckung der Costa Blanca eingeleitet, jenes gut 180 Kilometer langen Küstenstreifens, der knapp südlich von Valencia beginnt und 100 Kilometer südlich von Alicante endet. Nur stehen nun nicht mehr allein die hellen Strände im Mittelpunkt.

Mehr als je zuvor geht es ums Entdecken oder die Kombi: unten baden und einkaufen, oben wohnen. Denn die Küstenberge haben etwas, das kaum zu bezahlen ist: diese grandiose Aussicht auf das breite Band in Dunkelblau, diesen unschlagbaren Logenblick über Pinienwälder und winzige Dörfer, aus denen noch niemand den Alltag herausrenoviert hat. Sie stehen für Rückzug und das gewachsene Bedürfnis nach Individualität – und dafür, in zehn, zwanzig Autominuten mittendrin im Sommerrummel sein zu können – so man es denn überhaupt will.

Pflanzen, Berge, Böden

In winzigen Siedlungen wie Vall de Gallinera bei Pego eröffnen immer mehr "Casas Rurales" in stillgelegten Ölmühlen, in einstigen Bauernhäusern, in Sichtweite längst verlassener und oft dem Verfall ausgelieferter maurischer Festungen. Fincas oberhalb der vielen Orangenplantagen werden als Ferienhäuser vermietet – mit allem Drum und Dran.

Auf dem eigenen Grill brutzeln frische Doraden Seite an Seite mit knallroten Gambas de Dénia, Ausbeute einer vormittäglichen Einkaufsfahrt zur Markthalle in der Küstenstadt Dénia. Dazu gibt es Wein aus der Bodega Mendoza in Alfaz del Pi in 30 Autominuten Entfernung: "Das Geheimnis sind Pflanzen, Berge, Böden – nicht Fässer, Etikettiermaschinen und Keller. Behälter und Geräte kannst du im Großhandel kaufen, aber deine Böden musst du genau auswählen", sagt Winzer Pepe Mendoza. Er ist es, der gemeinsam mit seinem Vater Enrique die einst als Anbaugebiet belächelte Region zu Auszeichnungen geführt hat.

Zauberer, Entdecker

Überhaupt etabliert sich die Küste als sicherer Hafen für Feinschmecker – auch weil Spitzenköche wie Quique Dacosta, mit drei Michelin-Sternen ausgezeichneter Zauberer, in Dénia und Umgebung Restaurants führen. Ferienhausmieter gehen gerne gut essen, aber mehr noch begeben sie sich auf Entdeckungsreise in den Märkten und den Geschäften der Region und kaufen frische Zutaten ein, weil sie selbst kochen.

Sie suchen nach dem besten Jamon Ibericó zur Melone, nach Käse aus Schafsrohmilch im Dorf, fragen bei der Imkerfamilie Noguera in Llosa de Xamacho nach dem Miel del Azahar – Orangenblütenhonig. Oder sie entdecken die Marmeladen von Jordi Aracil an der Landstraße bei Confrides. Er hatte keine Lust mehr auf die vielen Abende am Herd seines Restaurants, hat es kurzerhand zugemacht und kocht dort nun Paradeiser-, Zwiebel- oder Zitrone-Zuckerrohr-Marmelade, wann immer es zeitlich gerade passt.

Das alles zu kosten, das hat rein gar nichts mit dem Massentourismus vergangener Tage zu tun. Das hat Zauber, verbunden mit Entdeckerfreude und dem Spaß, etwas daraus zu machen. Auch weil man sich beim Kochen so fühlt, als gehöre man schon immer hierher, als gehöre man dazu: beim Essen, beim Schmecken und beim Riechen – beim Durchatmen. Und weil hier plötzlich alles so spanisch ist, wie man es gar nicht mehr für möglich gehalten hätte. (Helge Sobik, 25.5.2016)

Infos

Flüge: zum Beispiel mit Air Berlin (airberlin.com) nach Alicante. Tickets je nach Reisezeit realistisch ab rund 120 Euro pro Strecke.

Ferienhäuser: Ferienvillen an der Costa Blanca gibt es unter anderem bei Novasol (novasol.de), Interhome (interhome.de), Cuendet (cuendet.com), und bei regionalen Spezialisten wie Carlos Ferien (carlosferien.com) oder direkt von Privatvermietern (zum Beispiel casakorell.net) – je nach Größe, Ausstattung und Lage ab rund 350 Euro/Woche in der Nebensaison und bis zu 2.000 Euro/Woche in der sommerlichen Hochsaison.

Besondere Hotels: Übernachtung im Hotel im Hotel La Font de Alcala im Hinterlanddorf Alcala de la Joveda (fontdalcala.com) ab 90 Euro, im schick designten Hotel El Capricho de la Portuguesa (elcaprichodelaportuguesa.com) im Dorf Beniali ab 95 Euro, im Boutique-Hotel Nou Roma (hotelnouroma.com) in Dénia ab 75 Euro – jeweils pro Dopplezimmer.

Restaurants und Bars: Gerade Dénia positioniert sich aktiv als kulinarisches Reiseziel – mit einer herausragenden Gastroszene im Rücken und erstklassig und teuer bis hin zu preiswerten ambitinierten Newcomern. Das Restaurant Quique Dacosta (quiquedacosta.es) des gleichnamigen Spitzenkochs hat drei Michelin-Sterne, das Menü kostet 190 Euro. Hervorragende Mittagsmenüs in Fusion-Küche aus mediterran und asiatisch gibt es im Mediterrasia (peixbrases.es; 18–25 Euro).

  • Kleine Siedlungen wie Monte Pego im Hinterland der spanischen Costa Blanca sind nun in den Fokus von Ferienhausurlaubern gerückt. Sie suchen die Ruhe der "zweiten Reihe" einer Küste mit Massentourismus.
    foto: helge sobik

    Kleine Siedlungen wie Monte Pego im Hinterland der spanischen Costa Blanca sind nun in den Fokus von Ferienhausurlaubern gerückt. Sie suchen die Ruhe der "zweiten Reihe" einer Küste mit Massentourismus.

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