Warum Bitte sagen kein Zeichen von Schwäche ist

Blog20. Mai 2016, 12:11
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Fragen und Danke sagen will gelernt sein: Eltern sind Vorbilder, auch wenn es um Höflichkeit geht

Claudia sucht ihren Nagellack. Als sie ihn nicht findet, geht sie ins Zimmer ihrer Tochter Kathi und fragt, wo der Nagellack denn sein könnte. Als ihr Kathi das Fläschchen gibt, explodiert Claudia: "Du weißt genau, dass du dir meine Sachen nicht einfach so nehmen sollst. Wenn du dir etwas ausborgen willst, dann frag doch bitte vorher!" Etwas ungefragt "ausborgen" gibt es natürlich auch unter Geschwistern: Die achtjährige Selina geht heimlich in das Zimmer ihrer älteren Schwester Fiona, öffnet den Kleiderkasten und greift nach dem coolen neuen T-Shirt, das sie gerne anziehen möchte.

Eine Situation im Park: Anna spielt mit ihrem Lieblingsball. Der ebenfalls dreijährige Sebastian rennt zu ihr hin und nimmt ihr einfach den Ball weg. Anna schreit und weint. Sebastian läuft weg – mit dem Ball. Oder in der Kindergruppe. Michi holt ihr Kind ab. Sie nimmt ein Sackerl Kekse aus ihrer Tasche. Sofort ist ein anderes Kind zur Stelle, greift ganz ungeniert in das Sackerl und nimmt sich auch einen Keks heraus.

Lernen durch Nachahmung

Viele Erwachsene sehen darüber hinweg, wenn sich ein kleines Kind Dinge nimmt beziehungsweise anderen etwas wegnimmt. Anfänglich können Kinder nicht fragen oder um etwas bitten, weil sie der Sprache noch nicht mächtig sind. Aber sie lernen schnell nachzuahmen, wenn die Bezugspersonen Gesten vormachen. So klatschen kleine Kinder in die Hände, wenn sie etwas wollen, und alle finden das süß.

Das größere Kind vergisst diese Geste schnell wieder. Viele Erwachsene erwarten dann, dass es Bitte und Danke sagt. Oft ist es Eltern jedoch nicht besonders wichtig, dass ein Kind höflich um etwas bittet. So elementare Wörter wie Bitte und Danke sind im Wortschatz manchmal gar nicht mehr vorhanden. Warum? Bezugspersonen sehen die Frage ihres Kindes – "Kann ich ein Zuckerl?" – bereits als Höflichkeit, denn das Kind hat ja gefragt. Dass dabei die Bitte und auch das Zeitwort auf der Strecke geblieben sind, fällt den Angesprochenen oft gar nicht mehr auf.

Gegenseitiger Respekt

Doch wenn Eltern ihren Kindern nicht vorzeigen, wie man etwas erreicht, wie man sich verhält, wenn man etwas haben will, dann werden die Kinder das auch nicht lernen. Viele Kinder erfahren erst im Kindergarten oder in der Schule die Wichtigkeit von Höflichkeit. Schwierig wird es immer dann, wenn die Regeln zu Hause andere sind als im Kindergarten oder in der Kindergruppe, in der Schule, auf dem Spielplatz oder bei Freunden.

Kinder, die alles in die Hand nehmen, die im Geschäft alles angreifen, die anderen gerne etwas wegnehmen, müssen lernen, dass das nicht akzeptabel ist und dass fragen und um etwas bitten in unserer Gesellschaft zu den Grundpfeilern des friedlichen und freundlichen Zusammenlebens gehört.

Selbstbewusst Bitte sagen

Eltern fürchten, dass ihr Kind nicht selbstbewusst wird, wenn es bitte sagen muss. Doch Höflichkeit, bitten und danken, Respekt vor dem anderen oder vor dem Besitz eines anderen haben nichts mit mangelndem Selbstbewusstsein und Unterwürfigkeit zu tun. Es ist kein Zeichen von Schwäche, wenn man fragt, sondern ein Zeichen von sozialer Kompetenz im Umgang mit anderen Menschen.

Wenn ein Kind ungefragt Dinge nimmt, dann hat das Konsequenzen im Zusammenleben. Die anderen Kinder wollen nicht mehr so gerne mit ihm spielen, es bekommt negative Reaktionen wie Beschimpfungen oder Strafen.

Um das zu verhindern, sind die Bezugspersonen gefordert, ihre Tochter oder ihren Sohn im Auge zu behalten, denn sie sind diejenigen, die das Kind am besten kennen. Sie können den Wunsch, sich etwas zu nehmen, oft schon im Ansatz erkennen und unterbinden. Das kann auf unterschiedliche Art und Weise passieren. Wichtig ist, dem Kind immer wieder zu erklären, dass es einen Unterschied zwischen "dein" und "mein" gibt. Und auch, dass es notwendig ist zu fragen, bevor man sich etwas nimmt. Gleichzeitig müssen Kinder aber auch lernen, damit zurechtzukommen, dass sie trotz Fragen und Bitten nicht immer alles haben können.

Ihre Erfahrungen?

Wie halten Sie es in Ihrer Familie mit bitte und danke? Dürfen Ihre Kinder sich Dinge nehmen, ohne zu fragen? Posten Sie Ihre Erfahrungen und Ideen im Forum! (Andrea Leidlmayr, Christine Strableg, 20.5.2016)

Andrea Leidlmayr und Christine Strableg bloggen auf derStandard.at/Familie und geben Eltern Tipps für den täglichen Erziehungsalltag.

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