Kern verlässt ÖBB ablösefrei

20. Mai 2016, 07:00
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ÖBB-Bau-Manager Andreas Matthä wird am Mittwoch zum Interimschef bestellt. Im Juli soll feststehen, ob er dauerhaft ÖBB-Holding-Chef bleibt

Wien – Nach dem Abgang von Christian Kern als ÖBB-Holding-Chef folgt an der Spitze der Staatsbahn ein Interimschef auf den anderen. Bis zur außertourlichen Aufsichtsratssitzung am 24. Mai, in der eigentlich nur die im April nicht vollständig erledigte Tagesordnung abgearbeitet werden sollte, führt der bisherige Holding-Finanzvorstand Josef Halbmayr den ÖBB-Konzern. In dieser Sitzung soll dann der Vorstandsvorsitzende des Teilkonzerns ÖBB-Infrastruktur, Andreas Matthä, in die Dachholding aufrücken und die Agenden des nunmehrigen Bundeskanzlers übernehmen.

Matthä, der in der Bahn als "Allzweckwaffe" beschrieben wird, die sich bei Bahnbauagenden ebenso zurechtfinde wie bei Finanzen, soll in der obersten Chefetage vorerst auch nur interimistisch bestellt werden. Längstens bis Ende Juli, betonte ÖBB-Aufsichtsratschefin Brigitte Ederer auf Anfrage des STANDARD. In der Zwischenzeit laufe die Suche nach einem neuen ÖBB-Holding-Chef wie im Stellenbesetzungsgesetz vorgeschrieben. Am kommenden Wochenende wird die Ausschreibung des Postens kundgemacht, die Bewerbungsfrist endet in der letzten Juniwoche.

Keine "g'mahte Wiesn"

Auf diesen Fahrplan hat sich das aus ÖBB-Präsidentin Ederer, ihrem Vize Kurt Weinberger (Hagelversicherung), Herbert Kasser (Generalsekretär im Verkehrsministerium) und Konzernbetriebsratschef Roman Hebenstreit bestehende Aufsichtsratspräsidium, respektive der für die Bestellung der ÖBB-Führung zuständige Nominierungsausschuss am Dienstag verständigt.

Ob der oder die Neue einen Drei- oder Fünfjahresvertrag bekommen soll, sei ebenfalls in der Sitzung am 24. zu fixieren. Wiewohl die meisten Beobachter von einer Bestellung für drei Jahre ausgehen: "A g'mahte Wiesn" sei die Kern-Nachfolge für Matthä nicht, heißt es bei Kapitalvertretern.

Schwierige Nachfolgefrage

Wohl bringe der 53-Jährige Kompetenz und jahrelange Erfahrung im Bahnmanagement mit, "ein Frontmann", sei er aber nicht. Und, vielleicht noch wichtiger: Matthä sei kein "Macher" und Vertriebsmann, der seine Leistungen in der Öffentlichkeit und bei Kunden verkauft. Auch der Durchgriff bis in die kleinsten Tochtergesellschaften sei eher nicht seines, heißt es. Letzteres sei in der ÖBB, die unter Kern deutlich an Zentralismus zugelegt hat, vermutlich noch wichtiger.

Beobachter sehen "eine schwierige Situation", weil bis vor einer Woche alles auf den Holding-Chef ausgerichtet gewesen sei. Ein eigenes Team kann der Nachfolger in absehbarer Zeit auch nicht installieren, denn sowohl in der Gütersparte Rail Cargo Austria (RCA) als auch im Personenverkehr wurden im Herbst alle Führungspositionen neu besetzt – teils mit Vertrauten aus Verbund-Zeiten wie in der RCA, teils mit neuen Gesichtern, die Bahnerfahrung in sicherer Entfernung in der ÖBB-Holding sammelten. Selbst Arbeitnehmervertreter in diversen ÖBB-Aufsichtsräten räumen ein, dass Matthäs Bestellung noch nicht in trockenen Tüchern sei, man sehe aber kaum eine Alternative.

Ohne Abfindung

Als "schwer" gilt Kerns Erbe insofern, als sich die neue Führung mit einem Beihilfeverfahren in Brüssel herumschlagen muss. Es geht um Transparenz in den Geldflüssen und mutmaßliche Quersubventionierung zwischen den Marktbereichen und vom Staat finanzierten Verkehrsdienstleistungen, die die ÖBB erbringt.

Stichwort Zahlungen: Kern bekommt laut ÖBB-Präsidentin Ederer keine Abfindung aus seinem bis 2019 laufenden Vertrag, sondern Grundgage und Bonus lediglich aliquot ausgezahlt samt Urlaubsabfindung. "Er hat seinen Vertrag gekündigt, daher gibt es keine Abfindung", betonte Ederer. (Luise Ungerboeck, 20.5.2016)

  • Der überraschende Abgang von ÖBB-Holding-Chef Christian Kern macht Weichenstellungen in der Staatsbahn notwendig. Ende Juli soll feststehen, wer künftig im Führerstand sitzen wird.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Der überraschende Abgang von ÖBB-Holding-Chef Christian Kern macht Weichenstellungen in der Staatsbahn notwendig. Ende Juli soll feststehen, wer künftig im Führerstand sitzen wird.

  • Auf dem Weg ins oberste Stockwerk im ÖBB-Turm am Hauptbahnhof: ÖBB-Infra-Chef Andreas Matthä.
    foto: erwin scheriau

    Auf dem Weg ins oberste Stockwerk im ÖBB-Turm am Hauptbahnhof: ÖBB-Infra-Chef Andreas Matthä.

  • Führt die Staatsbahn nur bis 24. Mai interimistisch: Holding-Finanzchef Josef Halbmayr (rechts).
    foto: apa/hans punz

    Führt die Staatsbahn nur bis 24. Mai interimistisch: Holding-Finanzchef Josef Halbmayr (rechts).

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