"Die Passagierin": Vom Verdrängen und vom Vernichten

20. Mai 2016, 16:30
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Glänzende Sängerdarsteller, ein tolles Orchester und die eindringlich-unaufgeregte Regie von Anselm Weber bescherten einen besonderen Abend

Wien – Auf Grundlage des Romans der Auschwitz-Überlebenden Zofia Posmysz schuf Komponist Mieczyslaw Weinberg Ende der 1960er mit Die Passagierin eine Oper wider das Vergessen des Vernichtungsgrauens – und wurde in der Sowjetunion selbst Opfer der Verdrängung. Es sollte den Bregenzer Festspielen vorbehalten bleiben, 2010 eine szenische Erstversion des – das Morden im Konzentrationslager Auschwitz thematisierenden – Werkes zu präsentieren (konzertante Uraufführung war 2006 in Moskau).

Danach blieb das fast dreistündige Opus endlich im Bewusstsein der Opernwelt, ging auf Wanderschaft und kam schließlich auch an die Frankfurter Oper, deren Version nun bei den Festwochen im Theater an der Wien leider nur zweimal gastierte. In der ausgewogenen Regie von Anselm Weber und auch anhand des Bühnenbildes (Katja Haß) wird klar: Ein zentrales Spannungsmoment des Werkes liegt in der Gegenüberstellung der Selbstrechtfertigung der Täter mit dem Leid der Opfer.

Auf einem Ozeandampfer sucht die ehemalige KZ-Aufseherin Lisa mit ihrem Diplomatengatten Walter (delikat Peter Marsh) Zerstreuung. Sie entdeckt – als Mitreisende – jedoch die totgeglaubte Marta, die Auschwitz überlebt hat.

Es beginnt für Lisa nun ein ambivalentes Ringen um Verdrängung und Erklärung der eigenen Taten; und es beginnt damit auch das Spiel mit Raum und Zeit: Schiffsszenen wechseln mit beklemmenden Momenten, in denen SS-Offiziere von Langeweile schwadronieren, in denen Lisa diese Marta quält und Lagerinsassen Repressionen ausgesetzt sind, um schließlich der Vernichtung überantwortet zu werden.

Die Kulmination

Regisseur Anselm Weber bannt das Grauen in klare Bilder; das Unfassbare wird jedoch nicht im Sinne billiger Effekte instrumentalisiert. Faszinierend auch, wie intensiv Sara Jakubiak als Marta agiert, die im Lager ihrem Tadeusz (sehr intensiv Brian Mulligan) noch einmal begegnen kann. Wie sie auf dem Schiff schließlich direkt mit Lisa zusammentrifft (souverän Tanja Ariane Baumgartner), erreicht das Werk gewissermaßen auch musikalisch seinen Kulminationspunkt.

Weinberg setzt an sich – als polyglotter Tonsetzer – auf hämmernde, einschlagende Strukturen, so es um Dramatik geht. Dann wieder sind es schleichende Streichermomente nahe der Stille, die sich an das Grauen herantasten. Teil der Vielfalt sind auch "giftige" Walzer, schneidende Linearität und idyllische Folklore. Und umrahmt Weinberg die Szenen einer Kreuzfahrt, landet er nahe am Third Stream, setzt er auf eine Annäherung von Klassik und Jazz.

Der Dirigent Christoph Gedschold bringt das konzentriert agierende Orchester der Frankfurter Oper dazu, dieses Stilmosaik (mit bekennender Nähe zu Dmitri Schostakowitsch) so packend wie exakt und ohne bombastische Übertreibung zu erwecken.

Es gab im Theater an der Wien schließlich reichlich Applaus – u. a. vom nunmehr alten Kulturminister Josef Ostermayer wie auch vom neuen, also Thomas Drozda. Und schließlich kam sogar kurz die Autorin Zofia Posmysz auf die Bühne. (Ljubiša Tošić, 20.5.2016)

  • Sie werden einander nach dem Krieg wiederbegegnen: die subtil sadistische KZ-Aufseherin Lisa (Tanja Ariane Baumgartner) und ihr Opfer Marta (Sara Jakubiak) in Weinbergs "Die Passagierin".
    foto: oper frankfurt / barbara aumüller

    Sie werden einander nach dem Krieg wiederbegegnen: die subtil sadistische KZ-Aufseherin Lisa (Tanja Ariane Baumgartner) und ihr Opfer Marta (Sara Jakubiak) in Weinbergs "Die Passagierin".

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