Seymour Hersh: "Im Sinn einer Antiterrorstrategie ist unsinnig, was wir tun"

Interview20. Mai 2016, 09:00
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Der Journalist schildert, wie das US-Militär Barack Obamas Politik konterkarierte und im Stillen mit der syrischen Armee kooperierte

STANDARD: In Ihrem Buch "The Killing of Osama Bin Laden" schreiben Sie von einer stillschweigenden Kooperation des amerikanischen Militärs mit dem syrischen, um Bashar al-Assad an der Macht zu halten, besonders unter Martin Dempsey, der bis September 2015 Generalstabschef der Armee war. Wann hat diese Ihren Informationen nach begonnen?

Seymour Hersh: Im Frühjahr 2013 häuften sich Geheimdienstberichte über Beweise, wonach Al-Nusra und andere syrische Rebellengruppen einschließlich des "Islamischen Staats", auch wenn der damals noch nicht so gut organisiert war, die Gemäßigten verdrängt hatten. Irgendwann nach Gaddafis Tod im Oktober 2011 hatten wir angefangen, über geheime Kanäle Waffen aus Libyen über die Türkei nach Nordsyrien zu liefern. Spätestens 2013 war klar, dass sie bei den falschen Leuten landeten. Es gab also Grund zur Sorge.

Der Vereinigte Generalstab hat sogar eine Studie in Auftrag gegeben, um abzuschätzen, wie viele Soldaten man bräuchte, um die in Syrien lagernden Chemiewaffen unter Kontrolle zu bringen. Die Antwort: siebzigtausend. Kurzum, der Vereinigte Generalstab hatte eine andere Sicht der Dinge als das Weiße Haus. Dort behaupten sie heute noch, es gebe gemäßigte Rebellen. Das ist verrückt. Wir bewaffnen immer noch Leute, von denen wir irgendwie glauben, dass sie keine Islamisten sind.

STANDARD: Handelten die Generäle auf eigene Faust, ohne Billigung des Präsidenten?

Hersh: Der Vereinigte Generalstab, aber nicht nur der, auch die Defense Intelligence Agency, der militärische Nachrichtendienst, hatten das Gefühl, dass man keinen Wert auf ihre Einschätzungen legte. Es war, als wären sie blind im Weißen Haus. Ich weiß nicht, ob Dempsey dem Weißen Haus sagte, dass er diese Informationen nunmehr an einen Verbündeten weitergibt.

Ich weiß, wenn ein Verbündeter um Informationen ansucht, bekommt er sie oft. Ergo wurden sie an Deutschland weitergegeben, damit sie an die syrische Armee gelangen konnten. Eine andere Regel besagt, wenn Alliierte den Vereinigten Generalstab um etwas bitten, braucht dieser nicht in jedem Fall die Erlaubnis des Weißen Hauses einzuholen. Als ich von der Sache erfuhr, sagten mir meine Kontakte, greif das nicht an. Ich könne erst darüber schreiben, wenn Dempsey das Amt verlassen habe.

STANDARD: Welches Interesse haben die Deutschen, Assad dabei zu helfen, an der Macht zu bleiben?

Hersh: Wie zum Teufel soll ich das wissen? Als ich Leute in der deutschen Bürokratie kontaktierte, die ich seit Jahren kannte, erwiderten sie meine Anrufe nicht. Sie wollten über das Kapitel nicht reden. Ich kann Ihnen allerdings sagen, was in meinen Augen Sinn ergibt. Deutschland will eine stabile Regierung in Syrien. Es will nicht, dass die Aufständischen siegen, denn das bedeutet noch mehr Instabilität. Und Assad ist säkular. Übrigens, wäre ich Putin und sähe mir an, was Amerika tut, würde ich sagen: Moment mal, Saddam war verrückt und gewalttätig, aber seine Regierung war säkular, Sunniten und Schiiten heirateten einander, sie dachten nicht in der Kategorie Sunnit gegen Schiit, bis wir diesen Krieg begannen.

Gaddafi hat 2004 eine Wende vollzogen und uns geholfen, Al-Kaida zu bekämpfen. Im Sinne einer Antiterrorstrategie ist es einfach unsinnig, was wir tun. Außerdem tun wir so, als wäre die russische Furcht vor dem Terror nicht echt. Damaskus liegt höchstens tausend Meilen von der russischen Grenze entfernt. Es ist also nicht nur so, dass Putin seinen Einfluss ausdehnen will, um Amerika zu ärgern. Wir sind nur einfach nicht in der Lage, anders zu denken.

STANDARD: Warum hat Obama nicht irgendwann gesagt, es gibt praktisch keine Gemäßigten mehr unter den syrischen Rebellen, also keine Waffen mehr für die Opposition? Das hätte doch seiner außenpolitischen Vorsicht entsprochen.

Hersh: Nun, lassen Sie mich ein wenig zurückgehen in der Geschichte. Nachdem die Russen in Afghanistan einmarschiert waren, beschlossen Jimmy Carter und Zbigniew Brzeziński, es den Russen zu zeigen. Die Russen sollten erleiden, was wir in Vietnam erlitten hatten. Das nennt man wohl Schadenfreude. Also fingen wir an, Osama Bin Laden und die Jihadisten auszubilden und ihnen Waffen zu geben. Afghanistan wurde für uns zur Erfolgsstory. Russland trat mit eingezogenem Schwanz den Rückzug an, und Bin Laden hatte es vollbracht. Warum diesmal nicht syrische Rebellen mit Waffen versorgen?

STANDARD: Den Fehler Afghanistans wiederholen, der letztlich zu den Anschlägen des 11. September 2001 führte?

Hersh: Warum nicht Al-Nusra und den IS, deren Kämpfer härtere Hurensöhne sind als die anderen Jungs, die Drecksarbeit machen lassen? Vielleicht hat sich unsere Regierung das so vorgestellt: Lass Al-Nusra, IS und Co Assad töten, danach nehmen wir uns der Sache an. Denkt man darüber nach, kommt man zu dem Schluss: Lass dich nicht mit diesen Leuten ein, denn die Folgen kannst du nicht abschätzen. Aber wir Amerikaner beherzigen das nicht. Wenn Obama, wie im April geschehen, 250 Soldaten der Special Forces nach Syrien beordert, tut er das auch, um Putin zu zeigen, ich bin genauso stark wie du, was du kannst, kann ich schon lange. Neulich hat der Geheimdienstkoordinator James Clapper gesagt, wir gewinnen den Krieg gegen den IS.

Es ist, als würde man sagen, ach ja, Russland hat im Zweiten Weltkrieg auch ein wenig geholfen. Wie viele Menschen haben die Russen damals verloren? 20 Millionen? Und wir? Eine halbe Million? Wer hat für uns den Krieg gegen die Deutschen gewonnen? Aber daran wollen wir ungern erinnert werden. Ähnlich verhält es sich mit Syrien. Russland hat eingegriffen, worauf Obama orakelte, damit wird Putin in einem Morast versinken, aus dem er sich nicht mehr befreien kann. Putin ist hineingegangen und wieder hinaus, und er hat das Blatt gewendet.

STANDARD: Hat sich das Blatt wirklich gewendet?

Hersh: Ja, keine Frage. Assad hing in den Seilen, heute ist er in deutlich besserer Form. Für Assad ist es eine Frage von Leben oder Tod. Verliert er den Krieg, wird er mit seiner Frau und seinen Kindern wie Mussolini enden, aufgeknüpft an einem Baum oder einer Laterne. Und da es um Leben oder Tod geht, bedient er sich aller Mittel. Daher setzt er sogar Fassbomben ein. Ich kenne noch ein Land, das Fassbomben eingesetzt hat: die Vereinigten Staaten von Amerika. In Vietnam haben wir sieben Jahre lang Fassbomben abgeworfen, gefüllt mit Napalm. (Frank Herrmann aus Washington, 20.5.2016)

Seymour Hersh (79) ist der bekannteste investigative Journalist der USA. Er begann seine Karriere als Polizeireporter. 1969 deckte er während des Vietnamkrieges das My-Lai-Massaker der US-Armee an mehr als fünfhundert Zivilisten auf. 2004 enthüllte er, wie amerikanische Aufseher im irakischen Gefängnis Abu Ghraib folterten. 2013 weigerten sich die "Washington Post" und der "New Yorker", seinen Artikel über den Einsatz chemischer Kampfstoffe in Syrien zu veröffentlichen. Der Text erschien darauf im "London Review of Books".

  • Der Pulitzer-Preisträger und investigative Journalist Seymour Hersh beim Leipziger Buchkongress im Oktober 2010.
    foto: ap/eckehard schulz

    Der Pulitzer-Preisträger und investigative Journalist Seymour Hersh beim Leipziger Buchkongress im Oktober 2010.

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