Kann es auch ohne Hierarchie gehen?

25. Mai 2016, 09:00
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Autoritäten erfüllen wichtige Aufgaben – haben aber auch toxische Nebenwirkungen. Ob und wie diese sich vermeiden lassen

Kann ein Unternehmen ohne Hierarchie auskommen? Und wie wirken sich flache Hierarchien auf die Motivation von Mitarbeitern aus? Diesen und anderen Fragen ging Markus Reitzig vom Institut für Betriebswirtschaftslehre der Universität Wien zusammen mit Forscherkollegen nach. Hierarchien, sagt er, seien nichts anderes als Autoritätsketten. Diese Autoritäten werden aus drei Gründen geschaffen: um Aufgaben zu verteilen, zusammenzuführen und unerwartete Probleme besser zu lösen.

Allerdings: Hierarchien haben Folgen, "die problematisch sein können", sagt Reitzig. Zunächst bedeuten sie Status – und Status ist konnotiert mit Macht. "Das führt zu einem Aufstiegsdenken, das nichts mit sinnvoller Arbeitsteilung zu tun hat".

Zudem verursachen sie ängstliches Verhalten, sagt Reitzig. "Je mehr Hierarchiestufen jemand über sich hat, desto größer wird nachweislich seine Angst vor negativem Feedback." Und schließlich lähmen steile Hierarchien Mitarbeiter selbst dann, wenn sie sich nicht um negative Beurteilung sorgen – indem sie sie demotivieren. "Insbesondere Letzteres kann dazu führen, dass Unternehmen gute Ideen durch die Lappen gehen." Besonders betroffen ist offenbar das mittlere Management.

Autorität bezüglich der Sache

Um herauszufinden, wie in Unternehmen Aufgaben koordiniert werden können, ohne dass die beschriebenen negativen Effekte eintreten, untersuchten Reitzig und sein Team neue Organisationsformen – Open-Source-Projekte wie Wikipedia und innovative Start-ups. Diese setzen auf flachere Hierarchien, andere Formen der Autorität, Selbstbestimmung.

Das Fazit der Wissenschafter: Auch in diesen Unternehmen sind Autoritäten zu finden – "bei Wikipedia ebenso wie bei Linux" – jedoch konstituieren und legitimieren sie sich dort anders. "Es sind Eigenschaften wie Kompetenz und Unternehmergeist, die dazu führen, dass Personen als Autorität akzeptiert werden."

Ein weiterer wichtiger Unterschied zu klassisch strukturierten Unternehmen: Die Autorität beziehe sich in den neuen Organisationen nicht auf die Person, sondern auf die Sache. "In einem traditionellen Unternehmen werden Chefs ihren Mitarbeitern in einem relativ großen Spektrum an Aufgaben, die sie sich vertraglich bereiterklärt haben zu tun, etwas vorschreiben." Hingegen habe beispielsweise Linus Torvalds, Entwickler und Koordinator von Linux, "nur gegenüber einer ganz spezifischen Sache Autorität. Er kann zum Beispiel einen Software-Beitrag zurückweisen und sagen: Nein, deine 200 Seiten Code brauche ich nicht." Leistungen aktiv einzufordern, das obliege ihm nicht.

Für gemeinsames Ziel

Beim Open-Source-Projekt Wikipedia machten die Forscher ähnliche Beobachtungen, auch dort funktionieren Hierarchien anders: Es gibt User und Administratoren. Jeder User kann sich um die Position als Administrator bewerben, die anderen entscheiden, ob er dafür geeignet ist. Administratoren haben die Aufgabe, den reibungslosen Ablauf der Diskussion partnerschaftlich mitzugestalten. Ihre Autorität bezieht sich also auch hier auf die Sache, auf den Projektbeitrag als Ganzes, und nicht auf die Person. "Autorität wird nur für ein gemeinsames Ziel eingesetzt: Qualität."

Die User heißen die zwischengeschalteten Autoritäten meist gut, fühlten sich durch sie – zumindest anfangs – nicht eingeschränkt. Sie arbeiten auch nach Eingriffen in den Arbeitsablauf nicht weniger motiviert; denn Eingriffe sind lediglich Ultima-Ratio-Maßnahmen, wenn die Koordination im Kollektiv versagt.

Auch hier: Tipping-Point

Dass Mitarbeiter der neuen Organisationsformen besonders motiviert seien, liege aber auch daran, dass sie sich ihre Aufgabe selbst aussuchen – im Gegensatz zu Mitarbeitern in traditionellen Betrieben. Das ist auch vorteilhaft für Chefs. "Sie müssen nur noch koordinieren, nicht mehr so stark Anreize schaffen", sagt Reitzig. "Und zu sagen, welcher Weg der bessere ist, ist leichter, als zu bestimmen, wer mehr Gehalt bekommen soll."

Beachtenswert sei jedoch, dass der Idealismus, die Akzeptanz notwendiger Autoritäten irgendwann kippe. Beobachtet haben Reitzig und sein Mitarbeiter Helge Klapper das etwa bei Wikipedia: "Am Anfang lief es bilderbuchartig: Die User und Administratoren arbeiteten zusammen für das gemeinsame Anliegen. Dann aber wollten neue Nutzer aufsteigen, aber ihre Akzeptanz als Administratoren war nicht mehr dieselbe", berichtet Reitzig. "Sogar dann, wenn Autorität bewusst anders – eingeschränkter – genutzt werden soll, läuft man also Gefahr, dass Personen hierarchische Positionen irgendwann wieder aus traditionellen Gründen anstreben." (Lisa Breit, 25.5.2016)

  • Koordination ohne Hierarchie – geht das?
    foto: istock

    Koordination ohne Hierarchie – geht das?

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