"Doom" im Test: Der Höllenfürst ist zurück und großartig

19. Mai 2016, 10:14
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Die Neuauflage des Kultklassikers bringt alte Tugenden zurück in den First-Person-Shooter

Es dauert keine Minute, bis man bemerkt, dass "Doom" (Windows, Xbox One, PS4, ca. 60 Euro) anders ist. Zunächst ist da diese Geschwindigkeit, mit der man sich vorwärtsbewegt: Während moderne Shooter ihre Spielerinnen und Spieler zum gemächlichen Traben zwingen und mit Sprintausdauer geizen, gleitet der namenlose Space Marine des Klassiker-Remakes geradezu atemberaubend schnell durch seine Welt.

Die erste Waffe und der erste Gegner folgen buchstäblich Sekunden nach dem Spielstart, und der im nächsten Raum neben der Rüstung auffindbare erste Computerterminal, an dem eine mysteriöse Stimme gerade eben dazu ansetzt, die übliche langweilige Rede zur Lage und Mission zu halten, wird kurzerhand nach den ersten einleitenden Sätzen aus der Halterung gerissen und an die Wand geklatscht. Keine Atempause, kein Zögern: Mit wuchtigen Elektro-Metal-Riffs knallt "Doom" als programmatisches Statement unmittelbar darauf nur kurz sein Logo ins Bild, um dann sofort loszulegen.

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Video: Die ersten 6 Minuten von "Doom".

Masters of Doom

Dieser Start macht bereits eindrucksvoll klar, worum es id software im Remake des schon 23 Jahre alten Kultklassikers geht: um ein Aufräumen mit den angesammelten Shooterkonventionen, die sich in den zwei Jahrzehnten des First-Person-Shooter-Siegeszugs so angesammelt haben, und um eine Rückkehr zum rasend rasanten Gameplay einer fast vergessenen Ära.

Als "Doom" 1993 erschien, war es Provokation und Offenbarung zugleich: So schnell, so aberwitzig brutal und selbstbewusst war zuvor kaum ein Spiel gewesen. Mit dem Spiel der "two Johns", John Romero und John Carmack, hielt eine ganz spezielle Ästhetik, aber vor allem eine Attitüde ins Medium Einzug, wie man sie vorher kaum gesehen hatte: eine diebische Freude am cartoon-blutigen Exzess, mit Referenzen zu Heavy Metal, Horrorfilmen und Underground-Comics, und nicht zuletzt mit einer nur visionär zu nennenden Vertriebs- und Programmstruktur, die sowohl für die viel später einsetzenden Indie-Selbstvermarkter als auch die erst durch "Doom" ins Rollen geratene Moddingkultur als Geburtsstunde gelten kann. "Doom" war irgendwie Punk – und das nicht nur wegen der Kontroversen um Gewalt und Jugendschutz, die es weltweit auslöste. Der US-Autor David Kushner hat dem Popkultur-Meilenstein, seiner Entstehung und seine Schöpfern bereits 2003 mit seinem Buch "Masters of Doom" ein Denkmal gesetzt.

Back to the roots

Ein ganzes, heute das Medium in gewisser Weise dominierendes Genre, der First-Person-Shooter, damals noch als "Egoshooter" bezeichnet, verdankt dem Original-"Doom" mehr als seinem indirekten Vorgänger "Wolfenstein 3D" seine DNA. Ein knappes Vierteljahrhundert hat auch an der Art und Weise, wie dieses populäre Genre verstanden wird, seine Spuren hinterlassen. "Doom" ist 2016 ein selbstbewusster Schritt zurück zu jenen alten Tugenden, die zumindest bei den Bockbustern seiner Nische, von "Call of Duty" abwärts, fast in Vergessenheit geraten sind.

Die Handlung ist so bekannt wie nebensächlich, und auch das Setting hält sich ans Original: In einer von Dämonen aus einer Höllendimension überrannten Mars-Station kämpfen Spielerinnen und Spieler als Space Marine gegen monströse Feinde. Spannender als das "Was" ist allerdings die Frage nach dem "Wie": Mehr als viele zeitgenössische Shooter setzt "Doom" auf Geschwindigkeit und schier atemlose Action, in der für vorsichtiges Herantasten, taktisches Deckungsuchen oder gar Schleichen aber überhaupt kein Platz ist.

All action, all the time: Die große Stärke der Spiele von id software war immer dieser Rausch aus Geschwindigkeit und hysterisch übertriebener Gewalt, und es war fast schmerzhaft anzusehen, wie das letzte große Spiel der Texaner, "Rage", diesen hyperkinetischen Gameplaykern durch im Überfluss angehäufte Zusatzfeatures wie eine offene Spielewelt, Fahrzeuge und allerhand mehr angebliche Must-haves verkümmern ließ.

Adrenalin statt Gänsehaut

Diesmal hat mandafür alles richtig gemacht: Wohl gibt es moderne Dreingaben wie aufrüstbare Waffen und Mini-Aufgaben, die das genaue Abgrasen der Levels belohnen, doch sie sind Beiwerk zum akrobatischen Shooter-Gameplay, nicht umgekehrt. Andere moderne Elemente des Genres bleiben weggespart: Kinkerlitzchen wie regenerierende Energie, Deckungssysteme oder auch nur das schnöde Nachladen des Waffenarsenals fehlen ebenso wie im Weg herumstehende NPCs oder "offene" Umgebungen. Und statt wie im direkten Vorgänger, "Doom 3" aus dem Jahr 2004, auf – vergleichsweise – subtilere Horroratmosphäre und Schockmomente zu setzen, besinnt sich "Doom" aufs pure Adrenalin.

Die zu Beginn noch engen, linearen Raumstationsgänge täuschen: Der Kern des Gameplays von "Doom" sind Arenakämpfe gegen eine Vielzahl von zum Teil atemberaubend flinken und beweglichen Höllengestalten. Zentrales neues Element sind dabei die "Glory Kills": Wurde ein Gegner ausreichend geschwächt, kann er per spektakulärer Nahkampfattacke auf blutige Art und Weise getötet werden und lässt dafür besonders viel Gesundheitsnachschub fallen.

Wer die Monster mit der diesmal nur begrenzt einsetzbaren Kettensäge erledigt, wird dafür mit Zusatzmunition belohnt – ein eigentlich simples, clever ineinandergreifendes Belohnungssystem, das die Gegner zur Ressource werden lässt und schnelles, aggressives Spiel belohnt. Im rasanten Wechsel aus Schießen, Nahkampf-Finishern und konstanter Bewegung wird "Doom" so in seinen besten Momenten zum fast hypnotischen, rhythmischen Actionballett und erinnert zuweilen an die Hektik von Twin-Stick-Shootern mit Bullet-Hell-Anklängen. "Doom" spielt sich dabei in gewisser Weise klassisch, ist aber in Grafikpracht, Interface und Leveldesign absolut modern – ein gelungener Spagat

Noch weniger wäre noch mehr gewesen

Dass die belanglose Story leider nicht ganz mit der in den ersten Minuten des Spiels versprochenen Lakonik unter den Tisch fällt, verzeiht man "Doom" angesichts seines trotzdem meist hohen Tempos. Schwerer wiegt da das bereits angesprochene Upgrade- und Mini-Missions-Beiwerk, das, je nach individueller Zwanghaftigkeit, dem rasanten Actionfeuerwerk dann doch wieder etwas Rasanz nimmt. Wer nach wahnwitzigen, teils atemberaubend langen Kämpfen gegen Dutzende Albtraumgestalten langwierig die letzten Winkelchen des jeweiligen Levels nach gut versteckten Secrets und Upgrades absucht, mag zwar beim Ausbauen des alles in allem recht konventionellen Waffenarsenals ein paar kaum spielentscheidende Optionen mehr haben, doch dem Spielfluss tut diese Verbeugung vor modernen Konventionen kaum einen Gefallen.

Auch dass die Gestaltung des ja eigentlich der Fantasie wenige Grenzen setzenden Szenarios kaum Originalität wagt und optisch an bewährten Klischees festhält, ist gemeinsam mit dem relativ konservativen Gegnerdesign ein weiterer Kritikpunkt. In der etwa zwölf Stunden langen Single-Player-Kampagne mag auch manchem oder mancher der recht klassische, die Action in heftigen Kämpfen untermalende Heavy-Metal-Sound hin und wieder auf die Nerven gehen – Beavis & Butthead, selbst so alt wie das Original-"Doom", hätt’s aber sicher gefallen.

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Video: Wir spielen "Doom".

Würdige Wiedergeburt

Trotzdem: "Doom" ist eine rundum gelungene Auferstehung eines Kultklassikers, die sich nicht durch ödes Zitieren oder nostalgisches Retro-Augenzwinkern, sondern die gelungene Übertragung des besonderen Geists des Originals in die Gegenwart auszeichnet. Die Geschwindigkeit, Schnörkellosigkeit und auch Härte, wie sie vom namensgebenden First-Person-Urvater in die Gegenwart katapultiert wurde, zeigt fast ein Vierteljahrhundert später, dass nicht alles, was von der "Evolution" des Genres zurückgelassen wurde, obsolet ist.

Multiplayer-Freunde finden in klassischen, aber auch originellen Spielmodi einen ebenso leichtfüßigen Spielplatz für hitzige Gefechte – auch wenn die halsbrecherische Geschwindigkeit des anderen id software-Klassikers "Quake" nicht ganz erreicht wird. So rasant, so unterhaltsam und zugleich erfrischend war lange kein First-Person-Shooter mehr. Dass keine Fortsetzungszahl den Titel schmückt, ist kein Zufall: "Doom" ist zurück. (Rainer Sigl, 19.5.2016)

"Doom" ist für Windows, Xbox One und PS4 erschienen. Ab 18 Jahren. UVP: 59 Euro.

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Nachlese

Wir spielen "Doom": Adrenalinrausch der Grauslichkeiten

Nach 23 Jahren: Neues "Doom" lässt wieder Blut und Gedärme spritzen

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