Hofer gegen Van der Bellen: Argumente statt Empörung

Blog19. Mai 2016, 11:23
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Die Konfrontationen im Präsidentschaftswahlkampf zeigen einmal mehr, dass man der FPÖ mit moralischer Entrüstung nicht beikommen wird

Die Empörung im Van-der-Bellen-Lager über die durchaus gelungene Provokation des grünen Professors durch FPÖ-Kandidat Norbert Hofer bei der ATV-Debatte ist beinahe putzig. Man hat danach messerscharf erkannt, dass der FPÖ-Mann beim Infight mit dem Grünen die berüchtigte NLP-Methode verwendete. Huch! Welche Überraschung!

Seit Jörg Haider mit seiner "Buberlpartie" Österreichs Innenpolitik im Wortsinn unsicher machte, ist bekannt, dass die Freiheitlichen diese Art der Kommunikations-"Programmierung" pflegen. Mitte der 1990er-Jahre boten findige NLP-Trainer (man muss ja schließlich leben) sogar Journalisten Schnellkurse an, auf dass diese die neuartige Form der manipulativen Gesprächsführung, die Haider wie kein anderer beherrschte, verstehen, wohlgemerkt, das war das Äußerste.

Geringschätzung – ohne Rücksicht

Wer diese Technik selbst erlernen und beherrschen will, muss auch bereit sein, sein jeweiliges Gegenüber innerlich geringzuschätzen, in die Ecke oder in eine Richtung treiben zu wollen. Man muss bereit sein, gewisse Grenzen zu überschreiten und sein Gegenüber zu verwirren, zu verunsichern, auch persönlich zu verletzen – ohne Rücksichten. NLP ist keine von den sympathischen Fertigkeiten, die man sich zulegen kann.

Unverständlich waren die Überraschung und das Unvermögen Van der Bellens, nach Jahren im Parlament und an der Spitze der Grünen die Methode seines Gegenübers für Zuschauer verständlich offenzulegen und zu entlarven, ohne dabei selbst untergriffig zu werden. Er ließ sich treffen und hinreißen – ein Stück weit unprofessionell, und er hätte das bis dato unbekannte Format (Diskussion ohne Moderation) üben müssen.

Die moralische Empörung vieler über den Auftritt der beiden Kandidaten dagegen nervt nur – weil sie mit erhobenem Zeigefinger daherkommt: "oberpeinlich", "das Amt beschädigt", gar "schädlich für Österreich", hieß es im Netz. Das deutsche Feuilleton bemüht im Zusammenhang mit Österreich wieder einmal den Punschkrapferl-Vergleich und Metternich-Klischees.

Empörung ist maßlos übertrieben

Das alles ist maßlos übertrieben. Gegen so viel Alarmismus sind nicht nur Hofer-Anhänger allergisch. In all der Ereiferung schwingt auch ein wenig "sich Erheben" über all die Dummen mit, die Hofer, Strache und Co. bisher nicht durchschaut haben oder sich nicht genug darüber aufregen, wie die FPÖ agiert.

Es gibt tausend verständliche und gute Gründe, sich dafür einzusetzen, dass jemand zum Bundespräsidenten gewählt wird, der kein autoritäres Amtsverständnis hat und mit den Insignien der republikanischen Macht sorgsam umgeht. Es ist gut, dass sich viele Prominente aus Politik, Wirtschaft und Kultur dafür einsetzen.

Inhalte und Fakten

Aber ebenfalls seit den 1990er-Jahren und den damaligen Wahlergebnissen der FPÖ – bis hin zu Straches Erfolgen an den Wahlurnen – sollte bekannt sein, dass der einzige Weg gegen den Populismus ist, sich mit ihm inhaltlich und faktenbasiert auseinanderzusetzen – und nicht mit moralischen Vorhaltungen. Michael Häupl, der das zweimal getan hat, war zweimal in Wien einigermaßen erfolgreich damit.

Erstaunlich, dass sich das noch nicht überall in der politischen Kaste herumgesprochen hat. Es wäre höchste Zeit – nicht nur für die Bundespräsidentenwahl, sondern auch für die Regierung, wenn sie denn wirklich einen Neustart schaffen will. (Petra Stuiber, 19.5.2016)

  • Zwei Kampfhähne im Privatfernsehen sind noch kein Totalschaden für die Demokratie.
    foto: apa / punz

    Zwei Kampfhähne im Privatfernsehen sind noch kein Totalschaden für die Demokratie.

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