Alternativen zu seitwärts laufenden Aktienmärkten

23. Mai 2016, 07:58
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Experten geben sich zurückhaltend für Wall Street & Co. Überraschen könnten asiatische Schwellenländer und inflationsgeschützte Anleihen

Wien – Alle Jahre wieder stellt sich im Frühjahr die Frage, ob Anleger während der statistisch schwächeren Sommermonate dem Aktienmarkt den Rücken kehren sollen. "Sell in May" lautet diese Strategie, die im Vorjahr eindeutig die richtige Entscheidung gewesen wäre. Nahezu alle bedeutenden Indizes liegen derzeit tiefer als vor Jahresfrist. Wegen sinkender Umsätze und Gewinne, lautet die Begründung, wie eine aktuelle Studie der Beratungsgesellschaft EY nahelegt.

Demnach haben in Europa die 300 größten Unternehmen bei um vier Prozent rückläufigen Umsätzen im Vorjahr um 14 Prozent niedrigere Gewinne eingefahren. In den USA sind die Rückgänge geringer ausgefallen, sowohl die Erlöse als auch die Überschüsse lagen um drei Prozent unter 2014. "Die Gesamtentwicklung der europäischen und US-Konzerne war im vergangenen Jahr stark durch die Krise im Öl- und Rohstoffsektor beeinflusst", meint EY-Partner Gerhard Schwartz. Dadurch erklärt sich auch die schwächere Entwicklung auf dem alten Kontinent, denn dort sind Rohstoffe mit 22 Prozent der Gesamtumsätze der Top-Konzerne höher gewichtet als in den USA mit bloß elf Prozent.

Vorsicht nimmt zu

Dennoch blicken die meisten Experten etwas skeptisch auf die weitere Entwicklung der Wall Street, darunter auch Stephanie Sutton, Investment-Director beim Fondsanbieter Fidelity: "Es wird nicht erwartet, dass die Unternehmensgewinne in diesem Jahr ansteigen werden." Da der US-Aktienmarkt ihrer Ansicht nach weder billig noch überteuert ist, erwartet sie zunächst eine Seitwärtsbewegung der Indizes. Da sie auf dem Gesamtmarkt keine klare Richtung erwartet, gewinnt ihrer Ansicht nach die Aktienauswahl an Bedeutung. Titel aus zuletzt abgestraften Branchen wie das Gesundheitswesen oder Grundstoffe könnten sich als aussichtsreich erweisen.

Dabei ist Sutton unter Verweis auf die gute Entwicklung des Arbeits- und des Häusermarkts für die US-Wirtschaft grundsätzlich positiv gestimmt – folglich erwartet sie heuer noch zwei Zinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed um jeweils einen Viertelprozentpunkt. "Ich glaube nicht, dass die Zinserhöhungen den Markt belasten werden", meint Sutton, die einen kurzfristigen Meinungsumschwung der Fed als besorgniserregender einstufen würde.

Dem Anlagestrategen James Swanson vom US-Vermögensverwalter MFS gibt die anhaltende Gewinnflaute an der Wall Street ebenfalls zu denken: "Der aktuell ausgeprägte Rückgang der Gewinne zieht sich nun in das dritte Quartal." Als Voraussetzung für eine Trendwende der Unternehmensprofite nennt er eine Erholung der Investitionsausgaben, höhere Verkaufserlöse und eine verbesserte Preismacht auf Basis wachsender globaler Inflation – sowie eine nachhaltige Erholung der Emerging Markets.

Schwellenländer-Comeback

Nach der langen Durststrecke der Schwellenländer in Asien sollten Anleger genau darauf setzen, rät Schoellerbank-Vorstand Heinz Mayer wegen "auffällig hoher Bewertungsabschläge". Gegenüber Europa und den USA seien die Märkte der Region um 30 bis 40 Prozent günstiger bewertet, früher seien sie verglichen mit den westlichen Börsen sogar mit Aufschlägen gehandelt worden. "Die Bewertung ist so günstig wie seit 20 Jahren nicht mehr", hebt Mayer hervor und gibt zu bedenken: "Am wichtigsten für den Anlageerfolg ist ein günstiger Kauf."

Folglich rät er, europäische Aktien neutral und US-Märkte unterzugewichten. Und bei Renten hält er inflationsgeschützte Anleihen für empfehlenswert: Zehnjährige würden mit 0,15 Prozent genauso viel Rendite abwerfen wie normale deutsche Bundesanleihen – seien aber gegen einen überraschenden Inflationsanstieg abgesichert. (Alexander Hahn, 23.5.2016)

  • Genug gelitten: Nach jahrelanger Kursflaute sind die Aktienmärkte asiatischer Schwellenländer deutlich billiger als Europa und die USA.
    foto: reuters / jason lee

    Genug gelitten: Nach jahrelanger Kursflaute sind die Aktienmärkte asiatischer Schwellenländer deutlich billiger als Europa und die USA.

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