Professoren erheben ihre Stimme

Kommentar der anderen20. Mai 2016, 11:07
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Der Elfenbeinturm, nutzlose Petitionen und echte Auseinandersetzung mit FPÖ-Wählern

In Zeiten wie diesen ist man ja auch im Ausland nicht wirklich weg von zu Hause. Deswegen erreicht einen heute unterwegs auch jene Post, die früher einmal in der Postablage daheim wartete – und sich dank Zeitablauf von selbst erledigte. Dieser Tage also fand sich im elektronischen Postfach ein Rundschreiben engagierter Professoren und anderer Akademiker, die "für ein aufgeklärtes und humanes Österreich" plädierten und zur Unterschrift baten.

19 Kollegen und sieben Kolleginnen unterstützen "Kollegen Van der Bellen" als "besonnenen Menschen mit liberaler Grundhaltung" und "einen Kandidaten der aufgeklärten Gesellschaft". Die Erstunterzeichner begründen ihre Intervention, die an keiner Stelle des Textes zur Stimmabgabe zugunsten ihres Kollegen aufruft – wohl weil sich auch Nichtstimmberechtigte auf der Liste finden -, dann recht selbstinteressiert mit dem Hinweis darauf, dass die von ihnen angeführten Werte nicht nur eine "unabdingbare Voraussetzung zum gesellschaftlichen Zusammenleben dar[stellen], sondern sie sind gleichzeitig die Basis einer international agierenden und erfolgreichen Wissenschaft. Sie sind entscheidend für den Wissenschaftsstandort Österreich und somit auch für unsere längerfristige wirtschaftliche Entwicklung und Zukunft."

Mittwochvormittag vermeldete die Statistik von openpetition.de 580 Unterzeichner. Die gute alte Unterschriftenliste funktioniert offenbar auch nicht mehr wie einst, als Bundespräsidenten noch den Wissenschaftsstandort Österreich beflügelten. Oder habe ich da etwas missverstanden?

Ich werde übrigens nicht unterschreiben. Nicht weil ich den Herrn Kollegen nicht seinem Konkurrenten vorziehe, sondern weil ich meine, dass diese Petition nutzlos ist. Sie droht sogar konterproduktiv zu werden, wenn sie von vielen unterzeichnet würde und dadurch Aufmerksamkeit auf sich zöge. Dann könnte die andere Seite gegen die Damen und Herren Doktoren mobilmachen, wie das der Kandidat Hofer schon tat.

Beim zweiten Wahlgang wird es für viele Wähler, wie schon im ersten, nicht um das Amt des Bundespräsidenten gehen, sondern darum, anderes zum Ausdruck zu bringen: Wut auf die da oben, oder Erwartungen zu hegen, die mit der zur Wahl stehenden Funktion wenig bis gar nichts zu tun haben, und vermutlich werden viele auch vom Gefühl, am Abend des 22. Mai zu den Siegern gehören zu wollen, geleitet, ihre Stimme abgeben.

Ein Aufruf von Wissenschaftern wird potenzielle Hofer-Wähler kaum umstimmen, um es milde zu formulieren. Will man das erreichen, müssten sich die Initiatoren und Unterzeichner aus der komfortablen Weltabgeschiedenheit ihres Elfenbeinturmdaseins einmal hinausbegeben, dorthin, wo die Hofer-Wähler leben, und mit ihnen diskutieren. In solchen Debatten wird man mit der Sorge um den Wissenschaftsstandort Österreich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht reüssieren. Es ist wie weiland mit dem Kuchen, den die Protestierenden doch statt des fehlenden Brotes zu sich nehmen mögen.

Vermutlich wollten die Initiatoren und wollen die Unterzeichner ohnehin nur ein Zeichen setzen, um hintennach sagen zu können: sie hätten doch – eine Petition unterzeichnet. Andersdenkende und für den anderen Stimmende erreicht man so aber garantiert nicht.(Christian Fleck, 18.5.2016)

Christian Fleck, ist Soziologe aus Graz und lehrt zurzeit an der Higher School of Economics in Moskau.



Am 24. April haben viele ihrem Unmut über die Bundesregierung und deren Politik Luft gemacht; jetzt, bei der Bundespräsidentschaftswahl am 22. Mai, geht es nicht um den Bundeskanzler, um die Regierung und einen entsprechenden Protest. Und es geht auch nicht um die Probleme der SPÖ bzw. ÖVP!

Am 22. Mai geht es um mehr, und zwar um die grundsätzliche gesellschaftliche Ausrichtung und Positionierung Österreichs. Hier steht nicht die Frage "Rechts oder Links" im Vordergrund, sondern das Bekennen zu bürgerlichen Werten wie Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, zu den Werten der Aufklärung, welche die Basis unserer europäischen Gesellschaft darstellen. Damit verbunden sind Vernunft und rationales Denken, das vorurteilsfreie Überprüfen von Fakten, religiöse und gesellschaftliche Toleranz, Emanzipation und allgemein gültige Menschenrechte. Diese Werte und das Bekenntnis zu ihnen stellen für uns, Professorinnen und Professoren, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, nicht nur eine unabdingbare Voraussetzung zum gesellschaftlichen Zusammenleben dar, sondern sie sind gleichzeitig die Basis einer international agierenden und erfolgreichen Wissenschaft. Sie sind entscheidend für den Wissenschaftsstandort Österreich, und somit auch für unsere längerfristige wirtschaftliche Entwicklung und Zukunft. Für diese Entwicklung benötigen wir internationale Offenheit und Toleranz; kein "Österreich zuerst", sondern ein "Gemeinsam in Europa"; keinen Rückfall in Nationalismus und gegenseitige Ausgrenzung, sondern gegenseitigen Respekt und Solidarität.

Mit dieser Stellungnahme unterstützen wir unseren Kollegen Van der Bellen, einen besonnenen Menschen mit liberaler Grundhaltung, für einen Kandidaten der aufgeklärten Gesellschaft.

ErstunterzeichnerInnen

Ernst Fehr (Universität Zürich)

Franz Kerschbaum (Universität Wien)

Kurt Bayer (Publizist)

Brigitte Bailer (Historikerin)

Manfred Nowak (Universität Wien)

Michael Meyer (WU Wien)

Franz Kerschbaum (Universität Wien)

Hannes Werthner (TU Wien)

Christoph Zielinski (Med Universität Wien)

Hanno Loewy (Jüdisches Museum Hohenems)

Marianne Springer-Kremser (Med Universität Wien)

Gerhard Orosel (Universität Wien)

Wolfgang Meixner (Universität Innsbruck)

Eva Häfele (Sozialwissenschafterin)

Peter Rosner (Universität Wien)

Jörg Flecker (Universität Wien)

Philipp Schmidt-Dengler (Universität Wien)

Ingrid Kubin (WU Wien)

Klaus Kraemer (Karl-Franzens-Universität Graz)

Daniela Hammer-Tugendhat (Universität für angewandte Kunst Wien)

Rudolf Kerschbamer Universität Innsbruck)

Elisabeth Scheibelhofer (Universität Wien)

Christoph Mandl (Universität Wien)

Kuno Egle (Karlsruher Institut für Technologie KIT)

Walter Schachermayer (Universität Wien)

Renée Schroeder (Universität Wien)

Christiane Spiel (Universität Wien)

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