Analyse: Wie sich Hofer und Van der Bellen im Internet schlugen

Analyse22. Mai 2016, 09:15
198 Postings

Auftritte auf Facebook, Twitter und Instagram sowie Google Trends unter der Lupe

Vor vier Wochen ist die österreichische Bevölkerung zu den Urnen getreten, um über ihren künftigen Bundespräsidenten, den Nachfolger von Heinz Fischer, abzustimmen. Die Wähler schickten den FPÖ-Kandidaten Norbert Hofer und den ehemaligen Grünen-Bundessprecher Alexander Van der Bellen in die Stichwahl um das höchste Amt des Staates.

Beide warben in TV- und Radiokonfrontationen, auf Plakaten und in Inseraten um Stimmen für die entscheidende Abstimmung. Auch im Internet, das spätestens bei Barack Obamas Wahlerfolg 2008 seine Eignung als Wahlkampfvehikel bewiesen hat, bemühten sie sich um Mobilisierung. Der WebStandard hat die Auftritte der beiden Kandidaten auf verschiedenen Plattformen analysiert. Stand der Daten ist der 18. Mai.

Facebook

Laut den eigenen Daten des weltgrößten Social Network hat die von Mark Zuckerberg gegründete Plattform 3,6 Millionen österreichische Mitglieder und ist daher aus der politischen Kommunikation nicht wegzudenken. Dementsprechend pflegen sowohl Norbert Hofer als auch Alexander Van der Bellen eigene Seiten für den Wahlkampf. Beide Auftritte sind verifiziert.

Mit etwa 177.000 Likes sticht Hofer seinen Konkurrenten dabei aus. Van der Bellen kommt auf rund 116.000 "Gefällt mir", also merklich weniger. Allerdings verfügt er über deutlich aktivere Fans. Seine 9,4 Postings pro Tag werden im Schnitt 3.500-mal geteilt, gelikt oder kommentiert. Der "Likealyzer" spuckt hier eine Aktivitätsrate von 94,5 Prozent aus. Diese errechnet sich aus allen Nutzern, die sich laut Facebook aktuell mit den Inhalten der Seite beschäftigen, geteilt durch die Anzahl der Gesamtlikes – es ist also eine Momentaufnahme.

Bei Hofer wird hier ein Wert von 38,1 Prozent errechnet, was im Vergleich zu durchschnittlichen Facebook-Seiten immer noch sehr gut ist. Seine knapp acht Postings pro Tag werden 2.300-mal geteilt, gelikt oder kommentiert.

grafik: storyclash
Kumulative Entwicklung der Likes bei Postings auf den Facebook-Seiten der beiden Kandidaten.

Facebook-Reaktionen

Den Reaktionen auf Facebook-Postings genauer auf die Spur gegangen ist man bei Storyclash. Beobachtet wurde hier der Zeitraum zwischen 15. April (neun Tage vor dem ersten Wahlgang) und 19. Mai.

Hier zeichnet sich ein Momentum für Van der Bellen ab. Generierten Posts auf Hofers Fanpage bis Anfang Mai noch erheblich mehr Interaktion, dominierten die Einträge des Konkurrenten vor allem gegen Ende des Beobachtungszeitraums. Vermutete Ursache: Die zahlreichen Wahlempfehlungen bekannter Persönlichkeiten.

Misst man ausschließlich Likes, die sich als Zustimmung werten lassen, und lässt andere Reaktionsmöglichkeiten (Love, Sad, Angry, Haha, Wow) weg, führt Hofer über den Gesamtzeitraum, allerdings mit stark schwindendem Abstand.

Twitter

Mit rund 150.000 Nutzern liegt die Reichweite von Twitter in Österreich deutlich niedriger. Dennoch betreiben beide Kandidaten hier Konten.

Norbert Hofers Account existiert seit Juli 2011, er kommt auf etwa 3.300 Follower und hat 1.660 Tweets abgesetzt. Gepflegt wird das Konto allerdings unregelmäßig. Wahlkampftechnisch dürfte die FPÖ diesem Auftritt keine besondere Bedeutung beimessen.

Alexander Van der Bellen besitzt erst seit 16. Dezember ein Twitter-Konto, das verifiziert ist und vorwiegend von seinem Pressesprecher nebst Team betreut wird. 417-mal wurde damit seither gezwitschert, 8.700 Nutzer folgen auf diesem Kanal, der ganz offensichtlich anlässlich der Wahl ins Leben gerufen wurde.

Instagram

Auf der mittlerweile in Besitz von Facebook befindlichen Fotocommunity Instagram pflegen beide Präsidentschaftsbewerber verifizierte Konten. Laut dem Social Media Radar Austria gibt es dort etwa 380.000 österreichische User.

Vor etwas mehr als einem Jahr wurde bei Norbert Hofer das erste Foto hochgeladen. Wirklich regelmäßig gepflegt wird der Auftritt allerdings erst seit dem Wahlkampf. Ihm folgen etwa 5.400 andere Nutzer. Seine aktuellsten zwölf Bilder erhielten im Schnitt 314 Likes und 69 Kommentare. Letztere ergeben sich vor allem aus teils untergriffig geführten Streitgesprächen zwischen Befürwortern und Gegnern des blauen Kandidaten unter manchen Bildern.

Am 8. Jänner 2016 ging der Account von Alexander Van der Bellens Kampagne online. Er hat seither Hofers Auftritt sowohl bei geposteten Fotos als auch Abonnenten überholt und kommt auf 6.400. Pro Bild gibt es hier durchschnittlich 374 Likes und sieben Kommentare. Die Frequenz, mit der neue Inhalte hochgeladen werden, liegt deutlich höher. Erstrecken sich die letzten zwölf Fotos auf Hofers Konto über einen Zeitraum von fünf Wochen, so sind es hier nur einige Tage.

foto: apa / montage mit firmenlogos: webstandard
Auch im Internet warben Van der Bellen (li.) und Hofer eifrig um Stimmen.

Google Trends

Bleibt noch ein Blick auf Google. Die Suchmaschine liefert bei ihrem Trends-Analysetool keine absoluten Zahlen, aber interessante Verhältnisse. Bei den auf Österreich eingeschränkten Ergebnissen lagen beide Kandidaten seit Februar beinahe gleichauf, mit leichten Vorteilen für Van der Bellen.

Der Ex-Grünen-Obmann verzeichnet allerdings seit der zweiten Maiwoche einen deutlichen Zugewinn an Suchanfragen, in der dritten Maiwoche sogar im Verhältnis von 3:1 zu Hofer. Ursache könnte der Aufruf bekannter bürgerlicher Persönlichkeiten zu seiner Wahl sein, ebenso die Unterstützung durch seine ehemalige Konkurrentin im ersten Wahlgang, Irmgard Griss.

Der Vollständigkeit halber auch noch eine kleine Statistik zu den offiziellen Webseiten. Norberthofer.at wird laut dem Dienst majestic.com 1.200-mal von 120 externen Domains verlinkt. Vanderbellen.at bekommt 7.900 Backlinks von 145 Domains.

screenshot: google / legende: webstandard
Die Google-Trends für Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen.

Fazit

Hofer und Van der Bellen schlagen sich im Web ungefähr gleich gut. Der FPÖ-Bewerber kommt auf deutlich mehr Fans auf Facebook, der ehemalige Grünen-Chef hingegen hat dort aktivere Anhänger. Er führt wiederum auf allen anderen Plattformen in puncto Followerzahl, die FPÖ scheint in ihren Wahlkampf abseits von Facebook allerdings kaum aktiv zu sein. Zumindest was personalisierte Auftritte für ihren Kandidaten angeht, der Instagram und Twitter privat betreuen dürfte.

Der Online-Wahlkampf läuft hier primär über bestehende Parteiauftritte sowie den Youtube-Channel FPÖ TV. Van der Bellen profitiert hier wiederum von der offiziellen Unterstützung durch seine ehemalige Partei. Er genoss bis zum Stichtag der Datenerhebung auch mehr Interesse bei Google-Suchanfragen und besitzt eine geringfügig besser verlinkte Website. Wobei sich für beide Kandidaten nicht eindeutig sagen lässt, wie viele Backlinks über Auftritte ihrer (ehemaligen) Partei und die Seiten parteinaher Organisationen zustande kommen.

Hinweise

Wichtig ist: Wenngleich politische Kommunikationsabteilungen sich viele Likes, Follower oder ähnliche Zahlen gerne auf die Fahnen heften, lassen sich daraus keine Wahlergebnisse prognostizieren. Facebook und Co. bleiben vor allem ein Mobilisierungswerkzeug. Aussagekraft besitzen sie hinsichtlich des Interesses der Öffentlichkeit an Kandidaten, das allerdings nicht mit Unterstützung gleichzusetzen ist, wie etwa eine im Februar veröffentlichte Studie über die Verlässlichkeit von Twitter-Daten festhält.

Einzig Google-Suchanfragen, die unmittelbar vor der Wahl gemessen werden, könnten sich für prognostische Zwecke eignen – ein Indiz dafür liefern laut Bloomberg die Präsidentschaftsvorwahlen der US-Republikaner in New Hampshire. Aber auch das ist in Zeiten, in denen selbst die traditionelle Meinungsforschung oft an ihre Grenzen stößt, mit Vorsicht zu genießen.

In anderen Bereichen, die weniger stark der öffentlichen Meinungsbildung unterliegen, könnten sich Daten aus sozialen Netzwerken durchaus für Vorhersagen eignen, merkt man bei Storyclash an. So gelang es Foursquare, das seinen Nutzern die Möglichkeit bietet, sich beim Aufenthalt an einem bestimmten Ort in selbigem "einzuloggen", auf Basis gemessener Interaktionen einen Gewinneinbruch der Fastfood-Kette Chipotle vorherzusagen. (Georg Pichler, 22.5.2016)

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