Stiller Umbruch, dringlicher Auftrag

18. Mai 2016, 15:47
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Im Wettbewerb des Festivals von Cannes übernehmen die Frauen das Ruder – zumindest in den Filmen. Der brasilianische Star Sônia Braga und die Französin Adèle Haenel kämpfen mit unterschiedlichen Mitteln, jedoch ähnlich energisch

Eines steht fest, die Wahl der besten Hauptdarstellerin dürfte der Jury unter Mad Max-Schöpfer George Miller dieses Jahr am schwersten fallen. Denn es vergeht kein Tag in Cannes, an dem nicht eine neue Favoritin ausgerufen wird. Sandra Hüller, die in Toni Erdmann die internationale Kritik nachhaltig begeisterte, hat also starke Konkurrenz bekommen: Sônia Braga, Adèle Haenel, auch Kristen Stewart leiten mit konzentrierten und vielschichtigen Figuren durch die jeweiligen Filme.

Die ehemalige Musikkritikerin Clara, die Braga in Aquarius, dem erst zweiten Spielfilm des Brasilianers Kleber Mendonça Filho, verkörpert, gräbt sich mit ihrer Widerstandskraft besonders tief ins Gedächtnis ein. Nach einer prägnanten Einleitung in den 1980er-Jahren, in der sie in die Linie aufgeschlossener Frauen ihrer Familie eingereiht wird, wechselt der Film in die Gegenwart. Clara ist dann in ihren 60ern, sie hat Brustkrebs überlebt und lebt noch immer im Aquarius, einem Apartmenthaus an der Boa Viagem, direkt am Sandstrand von Recife.

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Ihre Lebensenergie hat sie sich bewahrt, genauso wie ihre extensive Vinylsammlung, aus der sie oft nachts noch eine Platte heraussucht, um allein mit einem Joint in der Hand zu tanzen.

Moralische Schattierungen

Filho begnügt sich in Aquarius nicht mit einem Frauenporträt, sondern legt laufend weitere Schichten frei: Ein Grundstückspekulant, der mit üblen Tricks versucht, Clara zum Verkauf zu bewegen, lenkt die Erzählung auf die Korruption und den Nepotismus des Landes. Wirkkräftiger aber noch sind jene Szenen, in denen die Heldin zwischen Familien- und Freundesrunden in verblüffend fließenden, in Schlaufen montierten Bildern gerahmt wird, in denen sich sogar Zeiten überlappen. Aquarius ist ein Film über stille Umbrüche und über die Weigerung einer Frau, diese zu akzeptieren. Dass mit dem Alter manche Dinge nicht aufhören, machen wenige Filme so eindringlich klar.

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In zwei weiteren Wettbewerbsfilmen ringen die Protagonistinnen mit Leerstellen, die andere hinterließen. Adèle Haenel verkörpert in La fille inconnue von Luc und Jean-Pierre Dardenne die angesehene Ärztin Jenny aus Liège. Ein Beispiel an Selbstsicherheit, gerät sie in einen Gewissenskonflikt, als just jene Frau ermordet wird, der sie eines Abends nicht mehr die Tür öffnete. Da deren Identität unbekannt ist, beginnt Jenny zu recherchieren – ihrem medizinischen Blick und Sachverstand kommen dabei, in einem für die Dardenne-Brüder typischen Aneignungsmanöver, besondere Funktionen zu. Wie schon bei Marion Cotillard in Deux jours, une nuit wissen die Belgier auch diesmal die spezifische Qualität ihrer Schauspielerin trefflich zu nützen. Haenel ist eine unbeirrbare Hauptfigur, die in rotem oder blauem Oberteil wie ein Lenkpfeil durch die Geschichte führt. Der Film erreicht zwar nicht ganz die Intensität früherer Arbeiten, doch die Dardennes geben souverän einer Kriminalgeschichte moralische Schattierungen. Das Handwerk des Lebens (und Heilens) zu überdenken, wird hier der dringliche Auftrag der unbekannten Toten.

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Um Verstorbene und Geister kreist auch Olivier Assayas' neuer Film Personal Shopper, der in Cannes nur wenige Verteidiger fand. Halb metaphysischer Thriller, halb Introspektion der Lebenskrise einer jungen US-Amerikanerin (Kristen Stewart), die in Paris die Garderobe einer Gesellschaftsdame betreut, erweist sich Personal Shopper als eines der nebligeren Werke des Franzosen.

In seinem Blick auf Lebensmodelle, die ihre globale Entwurzelung über Onlineaktivitäten heimeliger gestalten, liefert aber auch dieser Film schönes Anschauungsmaterial. (Dominik Kamalzadeh, 18.5.2016)

  • Auch mit dem Alter hören manche Dinge nicht auf: Sônia Braga spielt im brasilianischen Film "Aquarius" eine ehemalige Musikkritikerin, die sich gegen die Umbrüche des Lebens zur Wehr setzt.
    foto: filmfestival cannes

    Auch mit dem Alter hören manche Dinge nicht auf: Sônia Braga spielt im brasilianischen Film "Aquarius" eine ehemalige Musikkritikerin, die sich gegen die Umbrüche des Lebens zur Wehr setzt.


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