AK: Beschäftigte durch digitalen Wandel immer mehr unter Druck

18. Mai 2016, 13:15
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Einfache Arbeit stirbt aus, es drohen Vereinzelung und Entfremdung. Die AK fordert ein Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz

Die Umsetzung der Digitalisierung am Arbeitsplatz bringt immer mehr Beschäftigte unter Druck. Besonders die damit einhergehende Arbeitsverdichtung sei belastend, zeigt eine von der Arbeiterkammer in Auftrag gegebene IFES-Umfrage bei fast 300 Betriebsrätinnen und Betriebsräten. Für ältere Arbeitnehmer sei die Umstellung auf neue Technologien besonders schwierig.

"Eher negativ"

Laut dem "Strukturwandelbarometer 2016", das Dienstagabend in der Arbeiterkammer in Wien präsentiert wurde, sagen 49 Prozent der Befragten, die Einführung digitaler Technologien im Betrieb habe sich "eher negativ" auf die Situation älterer Beschäftigter im Betrieb ausgewirkt. Noch deutlicher fällt das Votum der befragten Betriebsräte über die Arbeitsbelastung aus: Hier sehen 59 Prozent der Befragten eine eher negative Auswirkung durch die Digitalisierung.

Differenzierter zeigt sich die Lage bei den direkten Auswirkungen auf das soziale Leben der Beschäftigten: Rund ein Drittel (31 Prozent) der Betriebsräte sehen durch digitale Technologien die Kommunikation zwischen den Kollegen eher negativ beeinflusst, allerdings sehen 36 Prozent eine eher positive Auswirkung. Eine Beeinträchtigung der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben sehen 34 Prozent der Befragten, nur 18 Prozent orten hier durch Digitalisierung eine Verbesserung. Eher positiv sehen 49 Prozent die Auswirkung auf das Niveau der Arbeitsplätze, die dadurch aufgewertet würden.

SAP zur Steuerung und Planung

Georg Michenthaler, Projektleiter bei IFES, erläuterte die Zielsetzung der Studie: Durch die Umfrage bei Betriebsräten sollen die Auswirkungen des digitalen Wandels auf die Arbeitnehmer ermittelt werden. Zwei Drittel der Unternehmen verwenden bereits Softwaresysteme wie SAP zur Steuerung und Planung, knapp die Hälfte der Industrie- und Gewerbebetriebe setze computergesteuerte Fertigungsprozesse ein. Als Ziel der Digitalisierung stehen in 92 Prozent der Fälle betriebliche Kosten- und Nutzenerwägungen.

Die Beurteilung der Einführung neuer Technologien durch die Betriebsräte hänge stark von deren Einbindung bei der Einführung im Betrieb ab, geht aus der Studie hervor: Je stärker die Arbeitnehmervertreter mitreden können, umso positiver werden die Technologien gesehen. Die im Arbeitsverfassungsgesetz vorgesehene wirtschaftliche Mitbestimmung der Arbeitnehmervertretung – demnach muss der Arbeitgeber rechtzeitig über Planung und Einführung neuer Technologien informieren, damit die Arbeitnehmervertretung die Interessen der Mitarbeiter einbringen kann – werde in den Betrieben aber kaum gelebt. Der Betriebsrat werde in 65 Prozent der Fälle bloß informiert, nur in 14 Prozent finde eine aktive Einbindung in Entscheidungen statt.

"Die Arbeitsdichte wird immer enger, immer extremer".

Die Arbeiterbetriebsratsvorsitzende bei Opel Wien, Renate Blauensteiner, schilderte die Einführung neuer Produktionslinien: "Die Arbeitsdichte wird immer enger, immer extremer". Die "einfache Arbeit" sterbe zunehmend aus, weil sie von Robotern übernommen werde, daher müssten sich alle, auch ältere Kollegen, laufend weiterqualifizieren. Für diese Weiterbildung solle genügend Zeit eingeräumt werden, um die Leute nicht noch mehr unter Druck zu setzen, mahnte sie. Ein weiteres Problem sieht sie in der zunehmenden "Vereinzelung und Vereinsamung", da immer weniger Arbeiter eingesetzt werden und diese sich kaum mehr sozial austauschen könnten.

Die Betriebsratsvorsitzende der Erste Bank, Ilse Fetik, erläuterte die massive Umstellung der Arbeitsbedingungen beim Einzug in die neue Bankzentrale am Hauptbahnhof in Wien. In den "schönen, modernen Großraumbüros" müssten die Kollegen jeden Tag aufs neue einen Arbeitsplatz suchen, weil es keine eigenen Schreibtische mehr gebe. Viele Kollegen kämen mit der Umstellung schwer zurecht und vermissten ihre gewohnten Büronachbarn, schilderte sie: Nach einem Arbeitstag müsse der Tisch absolut leer geräumt werden, "am Abend lösche ich mich aus", habe ihr ein Kollege gesagt. Nur der Vorstand habe noch eigens zugeordnete Schreibtische. Im ganzen Komplex gebe es WLAN, sogar im Betriebskindergarten.

Einbindung von Arbeitspsychologen

Für die AK-Expertin Silvia Hruska-Frank zeigt sich hier die Bedeutung der betrieblichen Mitbestimmung: Auch durch Digitalisierung verdichtete Arbeit könne gesunde Arbeit sein, wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Betriebsräte müssten die Sorgen um psychische Belastungen einbringen, denn "niemand kennt ein Unternehmen so gut wie ein Betriebsrat". Wichtig sei auch, die Falle der "ständigen Erreichbarkeit" zu entschärfen und Arbeit und Freizeit klar zu trennen. Ruf- und Arbeitsbereitschaft müsse entsprechend abgegolten werden. Die AK fordert die vermehrte Einbindung von Arbeitspsychologen und ein umfassendes Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz, das bisherige Regelungen übersichtlich zusammenfassen solle. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung stelle sich auch die Frage nach der Finanzierung des Sozialstaats, meinte AK-Experte Roland Lang. (APA, 18.5. 2016)

  • Roboter übernehmen immer mehr "einfache" Arbeiten.
    foto: apa

    Roboter übernehmen immer mehr "einfache" Arbeiten.

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