Warum die SPÖ jetzt einen Manager braucht

Userkommentar18. Mai 2016, 15:41
58 Postings

Die Sozialdemokratie muss sich als europäisches Projekt neu erfinden und auf Optimismus, nicht Pessimismus setzen

Wirklich vielversprechend: ein Topmanager, der von Jeremy Corbyn und Bernie Sanders lernen will, der vom "New Deal" spricht, der das rot-grün regierte Schweden als Vorbild nennt, der bescheiden wirkt, bewusst auf Politikerfloskeln verzichtet und auf eine neue Sprache setzt. Auch wenn das Abfeiern von Spitzenmanagern als neuen Helden der Politik nicht immer angemessen war (Viktor Klima war ja auch so einer), könnte das Managerdenken genau das sein, was die SPÖ nun braucht.

Um bei diesem Anlass auch ein wenig in betriebswirtschaftlichen Begriffen zu dilettieren: Es ist klar, dass die SPÖ kein attraktives Angebot mehr vorzuweisen hat. Ein fähiger Manager wird darangehen, in der Tiefe zu analysieren, woran das liegt, und am ehesten auch den Mut haben, gewagte neue Projekte und Ideen ins Programm zu nehmen und erfolglose zu streichen.

Unpopuläre Wahrheiten

Dabei wird einem klugen Menschen wie Christian Kern, der vergangenen Sommer – wenn auch natürlich recht medienwirksam – eine respektable Figur gemacht hat, auch sicher klar sein, dass der Wind von rechts, der von Burgenlands Landeshauptmann Hans Niessl und seinen Anhängern kommt – Kern nennt es treffend das "Nähren von Sorgen" –, nur kurzsichtiger Populismus ist und im Grunde nur zum Verderben beitragen kann.

Und vielleicht wird so jemand sogar auch einige unpopuläre Wahrheiten zu thematisieren beginnen, die im Moment kaum jemand in der Politik auszusprechen wagt, von denen aber fast alle Fachleute überzeugt sind; etwa das unaufhaltsame Verschwinden von immer mehr Arbeit infolge von Technisierungsprozessen und die Notwendigkeit radikaler Maßnahmen zur Bewältigung des ökologischen Problems. Denn im Grunde ist man als Sozialdemokratie langfristig gesehen auf verlorenem Posten, wenn man nicht beginnt, diese Sachverhalte anzuerkennen.

Optimismus statt Pessimismus

Was sich nun unter Kern in der SPÖ entwickeln müsste, ist etwas anderes als der alte nationalstaatlich fixierte Sozialpaternalismus oder ein rot getünchter Neoliberalismus in der Art von Gerhard Schröder, Tony Blair, Franz Vranitzky, der das Zustandekommen der gegenwärtigen Verfassung der EU ermöglicht hat – beides funktioniert ja nicht (mehr). Die Sozialdemokratie muss sich als europäisches Projekt neu erfinden, als Vorhaben einer Neustrukturierung der EU. Die Sozialdemokratien in Europa, denen es ja allen schlecht geht, können sich nur mit einem solchen großen gemeinsamen hegemonialen Projekt retten.

Natürlich ist es unglaublich schwer, etwas derart Großes und Gewagtes, die Überwindung nationalstaatlich fixierter Gepflogenheiten Erforderndes, aber zugleich nicht Unrealistisches ins Leben zu rufen; etwas, was wieder Optimismus zu verbreiten imstande ist und dem Unterstützer das Gefühl gibt, an etwas Entscheidendem teilzuhaben, ähnlich wie es die europäische Einigung ursprünglich einmal für viele Leute bedeutet hat. Im Moment geht es in vielen Sozialdemokratien in Europa leider in die Gegenrichtung, in Richtung Pessimismus gegenüber Europa und sich Preisgeben an den bedrohlich grassierenden nationalistischen Populismus. Das Ruder müsste jetzt herumgerissen werden. (Albert Dikovich, 18.5.2016)

Albert Dikovich ist Doktorand an der Universität Wien, Institut für Philosophie, und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Ludwig-Boltzmann-Institut für Geschichte und Theorie der Biographie (derzeit in Bildungskarenz). Er lebt in Wien.

Zum Thema

  • Ein Topmanager und Neo-Kanzler, der von Corbyn und Sanders lernen will: Christian Kern.
    foto: reuters/heinz-peter bader

    Ein Topmanager und Neo-Kanzler, der von Corbyn und Sanders lernen will: Christian Kern.

Share if you care.