Jihadistenprozess: "Ich weiß nicht, wo mein Sohn ist, irgendwo in Syrien"

17. Mai 2016, 19:55
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Prozess in Graz nach Pause wieder fortgesetzt – Zeuge vom Heeresnachrichtendienst sagte aus

Graz – "Das haben wir schon hundertmal durchgekaut", knurrt der beisitzende Richter, und tatsächlich: Der Jihadistenprozess rund um den islamistischen Prediger Mirsad O. – eine Art "Popstar" der radikalen Szene – und einen mutmaßlichen IS-Kämpfer beginnt sich im Kreis zu drehen.

Nach einer längeren Verhandlungspause wurde das Verfahren am Dienstag wieder aufgenommen – um gegen Mittag abermals vertagt zu werden. Neue Zeugen sollen gerufen werden.

Gericht und Staatsanwaltschaft versuchen nachzuweisen, dass Mirsad O., den die Anklage als ideologischen Kopf der hiesigen Islamistenszene bezeichnet, junge Muslime angestiftet habe, nach Syrien zur Unterstützung des IS-Terrorregimes zu reisen.

Dem neben ihm vor Gericht sitzenden Zweitangeklagten wird vorgeworfen, in Syrien an Massakern an der Zivilbevölkerung beteiligt gewesen zu sein. Ein Kronzeuge belastet ihn schwer, dem Gericht fehlen bis jetzt aber die letzten Beweise.

"Ich hab damit nichts zu tun"

Ein Mitglied des Heeresnachrichtendienstes bestätigte am Dienstag, dass in jener syrischen Region, wo sich der Angeklagte aufgehalten hatte, Massaker verübt worden seien. Der Angeklagte weist jegliche Mittäterschaft von sich: "Ich habe damit nichts zu tun, das habe ich Ihnen schon so oft gesagt." Er habe in Syrien nicht gekämpft. "Sie waren dort unten wohl auf Erholung mit dem Gewehr?", ätzt der Staatsanwalt. Schließlich wird eine ältere Dame aus Bosnien in den Zeugenstand gerufen. Schon nach der ersten Frage des Richters beginnt sie zu weinen: "Nein, ich weiß nicht, wo mein Sohn ist, irgendwo in Syrien."

Sie wisse auch nicht mehr, was alles sie vor der Polizei ausgesagt habe. Sie müsse noch heute fünf Tabletten täglich nehmen. Nachdem er in Wien jene Moschee, in der auch Mirsad O. predigte, oft besucht hatte, habe er sich verändert. Ja, die Familie sei zwar religiös, "aber nicht so wie unser Sohn". Ein weiterer Zeuge und regelmäßiger Besucher jener für ihre radikalen Tendenzen bekannten Wiener Moschee wird abschließend gefragt, ob er gehört habe, dass der angeklagte Mirsad O. dort in Predigten zum Jihad aufgerufen habe. Er überlegt kurz: "Nicht, dass ich wüsste." (Walter Müller, 18.5.2016)

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