Die "unverschämten" Straßendealer von Wien

18. Mai 2016, 08:00
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Der boomende Drogenhandel entlang der Wiener U-Bahn sorgt für Aufregung. Wie sich die Szene verändert hat, zeigt sich anhand eines Strafprozesses

Wien – Ismaila D. ist einer jener Männer, um die sich derzeit die Drogendiskussion in Wien dreht. Ein Streetrunner, der auf der Straße Drogen verkauft. 1,4 Kilogramm Cannabis sollen es zwischen Februar 2014 und 2016 gewesen sein, daher sitzt der 26-Jährige vor einem Schöffensenat unter Vorsitz von Wolfgang Etl.

D. wurde in Guinea-Bissau geboren, sagt er. Zehn Jahre, nachdem er auf die Welt gekommen ist, startete in dem westafrikanischen Staat ein Bürgerkrieg, hunderte Menschen starben und bis zu 100.000 wurden zu Binnenflüchtlingen.

Das könnte der Hintergrund sein, warum der Angeklagte im Jahr 2009 über das Mittelmeer kam, wenn seine Geschichte stimmt. "Ich habe keine Familie in Afrika, sie wurden alle getötet", übersetzt der Dolmetscher. D. präzisiert: "Ich habe nur noch einen Bruder und eine Schwester, aber ich weiß nicht, wo die sind." – "Und warum sind Sie nach Österreich gekommen?", fragt Etl. "Ich habe auf ein besseres Leben gehofft."

Das ist einer der Punkte, die sich in den vergangenen Jahren in der Drogenszene geändert haben, beobachtet die EU-Polizeiagentur Europol. In der Vergangenheit schleppten organisierte Banden die Menschen direkt von ihrer Heimat nach Europa, wo sie als Drogenverkäufer ihre Schulden abarbeiteten. Aufgrund der Vielzahl von Flüchtlingen braucht sich die mittlere Ebene der Organisationen mittlerweile nicht mehr aktiv um Streetrunner bemühen. Die kommen von allein.

Von Traiskirchen zu Big Mama

"Wo haben Sie in Österreich gelebt?", fragt der Vorsitzende den Angeklagten. "Erst in Traiskirchen. Dann war ich in einem anderen Heim. Und dann bin ich zu Big Mama gekommen." Etl weiß, dass damit Ute Bock und ihre Flüchtlingsunterkunft gemeint ist. Asyl hat D. in Österreich nicht bekommen, er ist aber geduldet. In seiner Heimat kam es seit 2009 immer wieder zu Umstürzen und Putschversuchen.

"Haben Sie etwas gearbeitet?", interessiert Etl. "Nein." D. sagt, er habe in Afrika zwei Jahre die Schule besucht, aber auch, dass er eine Mechanikerlehre in Guinea-Bissau absolviert habe. "Wie sind Sie denn zu den Drogen gekommen?", fragt der Vorsitzende weiter. "Das war keine Absicht. Ich konnte meinen Beruf nicht ausüben und hatte viele Gedanken im Kopf. Ich habe selbst Marihuana geraucht und brauchte das Geld", behauptet der Angeklagte.

Nach seiner jüngsten Festnahme sagte er der Polizei, er benötige rund 600 Euro im Monat, um zu leben. "Ich würde sogar mehr als das brauchen, um ein besseres Leben führen zu können", erklärt D. nun. Im Jahr 2010 wurde er zum ersten Mal wegen Suchtmitteldelikten im Rahmen einer Gruppe verurteilt, bekam 18 Monate unbedingt. Ein Jahr nach der vorzeitigen Entlassung folgte ein weiteres halbes Jahr Gefängnis. Nun ist er zum dritten Mal hier.

Szene am Gürtel verfestigt

Eine Änderung der Verhaltensweise, die Wolfgang Preiszler, Mitglied der Einsatzgruppe zur Bekämpfung der Straßenkriminalität der Wiener Polizei, auffällt. "Die Beschuldigten werden immer unverschämter", sagt er. "Früher war es oft so, dass sie nach einer Vorstrafe aufhörten oder das Land verlassen haben. Wir haben sie jedenfalls nicht mehr gesehen." Mittlerweile würde nach einer Haftentlassung weitergemacht. Die Szene habe sich am Gürtel verfestigt, Razzien würden kaum mehr jemand kümmern.

Für den Polizisten sind die Strafen zu gering. Dass im Zuge einer Reform des Strafgesetzbuches die Hürde für eine Verurteilung wegen gewerbsmäßigen Handels erhöht wurde, spielt da eine Rolle. In einigen Wochen soll der Passus wieder verschärft werden.

"Jetzt sind Sie schon zweimal verurteilt worden. Hat Sie das Gefängnis nicht abgeschreckt?", fragt Vorsitzender Etl den Angeklagten. "Das war schrecklich. Aber ich habe es gemacht, um mir etwas zum Rauchen kaufen zu können. Ich rauche zehn Gramm Marihuana am Tag", behauptet D., der von Anfang an geständig war.

Nicht gewalttätiger geworden

Das Angebot ist laut Kriminalist Preiszler ein weiterer wichtiger Faktor, der sich im vergangenen Jahrzehnt geändert hat. "Es hat einen massiven Rückgang beim gefundenen Heroin gegeben. Das ist um 75 Prozent zugunsten von Cannabis gesunken." Gesundheitspolitisch ein Fortschritt: "Früher hatten sie alles, und es gab einen Neugierkonsum." Es sei vorgekommen, dass ein Dealer gesagt habe, er habe kein Marihuana mehr, könne aber Kokain oder Heroin anbieten. Gewalttätiger sei die Klientel aber nicht geworden. "Wir haben heuer nicht mehr verletzte Beamte als sonst", sagt Preiszler.

"Ich möchte studieren oder eine Lehre machen", verspricht D. in seinem Schlusswort, ehe er rechtskräftig zu 30 Monaten Haft verurteilt wird. (Michael Möseneder, 18.5.2016)

  • Seit Monaten sorgt der Handel mit illegalen Drogen im Bereich zwischen den U6-Stationen Thaliastraße und Josefstädter Straße für viel Arbeit bei uniformierter und ziviler Polizei.
    foto: heribert corn

    Seit Monaten sorgt der Handel mit illegalen Drogen im Bereich zwischen den U6-Stationen Thaliastraße und Josefstädter Straße für viel Arbeit bei uniformierter und ziviler Polizei.

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