Smart Writing Set: Von der Hand in den Kopf

3. Juli 2016, 12:00
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Was man händisch notiert, merkt man sich gut. Getipptes lässt sich aber besser teilen und bearbeiten. Neue Schreibsets verbinden das Beste aus der analogen und der digitalen Welt

Sitzung um 12.30 Uhr. Bitte bringt Themenvorschläge, Gedankenskizzen und einen Gugelhupf mit." E-Mail-Notizen wie diese trudeln in jedem Büro in jeder Minute ein. Die meisten Menschen kommunizieren schriftlich fast nur noch, indem sie auf Tastaturen oder Touchscreens tippen. Die Gefahr dabei: Man liest etwas, geht zum Meeting und hat das Wichtigste schon wieder vergessen – damit ist nicht nur der Gugelhupf gemeint.

Kritzelt man ein paar Zeilen mit der Hand auf Papier, bleiben sie einem viel eher in Erinnerung. Das haben auch die US-amerikanischen Psychologen Pam Mueller und Daniel Oppenheimer in einer Langzeitstudie nachgewiesen. Dabei ließen sie Studenten Notizen per Hand und auf einem Computer schreiben. Jene, die händische Aufzeichnungen machten, merkten sich deren Inhalt deutlich besser. Das Problem handschriftlicher Aufzeichnungen im Zeitalter des digitalen Arbeitens und Lernens: Die Information auf Notizblöcken lässt sich nur schlecht teilen.

Notizbuch mit Kamera

Dinge mit der Hand zu notieren geschieht intuitiv und hilft sogar dem Hirn. Was in einen Computer getippt wird, kann man dagegen schnell verbreiten und einfach bearbeiten. Diese Dichotomie war bereits den Pionieren der Handschrifterkennung bewusst, die 1958 den "Stylator" entwickelten: einen klobigen Bildschirm, aus dem ein Kabel mit daran befestigtem Schreibgerät ragte. Was man damit auf eine berührungsempfindliche Unterlage schrieb, wurde von einer Computersoftware – allerdings noch sehr fehlerhaft – in digitalen Text verwandelt. Seither hat sich bei der Digitalisierung von Handschriften viel getan, aber eine Sache blieb gleich: Wer lieber mit dem Kuli auf Papier schreibt oder zeichnet und die Inhalte weitergeben möchte, verschwendet viel Zeit mit der Digitalisierung.

Im April 2016 stellten die italienischen Notizbuchmacher Moleskine nun ein Gesamtpaket vor, das sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt praktikabel ist. Das Set besteht aus einem speziellen Notizbüchlein mit feinem Raster im Hintergrund und einem Kugelschreiber mit austauschbarer Mine. Im Stift ist zudem eine Kamera versteckt, die das Geschriebene oder Skizzierte mitfilmt. Die Inhalte sind dann sofort digital über eine App verfügbar, die man auf dem Smartphone oder Tablet installiert. So weit, so gut.

Um Moleskine wirklich herauszufordern bei der Beurteilung ihres Sets, wurde dieser Artikel fast zur Gänze damit geschrieben: großteils offline, also per Hand auf haptisch ansprechendem Papier, und mit einer Sauklaue, wie sie eben nur Journalisten und Ärzten eigen ist.

Selbstbeobachtung

Während die ersten Sätze entstehen, starrt man immer wieder fasziniert auf den Bildschirm des Tablets. Die Kamera filmt mit, daher kann man sich live beim Schreiben zuschauen. Das ist lustig, aber noch kein Feature. Also dreht man das Tablet einfach ab, packt nur das Notizbuch samt Stift ein. Und weil auch Journalisten vor dem Schreiben überlegen sollten, kritzelt man erst im Café weiter.

Wird die App später wieder gestartet, ist der auf Papier ergänzte Text auch sofort im Tablet verfügbar. Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit: Per Fingertipp wird die Handschrifterkennung aktiviert, die den Artikel, der bisher nur als Bild vorlag, in einen digitalen Text verwandelt. Das Ergebnis ist verblüffend: Ohne sich große Mühe bei der Leserlichkeit des Geschriebenen gegeben zu haben, liegt nun ein editierbarer Text in brauchbarer Form vor: Er enthält zwar Fehler und Auslassungen – sie entstehen vor allem, wenn man über den Rand des Notizbuchrasters hinausschreibt -, diese sind aber mit geringem Aufwand in einem Textverarbeitungsprogramm zu korrigieren.

Auch Hersteller von Schreibgeräten wie Staedtler haben mittlerweile ähnlich akkurate Lösungen anzubieten. Ihre Digitalstift-Sets (ab 165 Euro) haben sogar den Vorteil, dass man dafür kein Spezialpapier benötigt. Immerhin schlägt das Smart Writing Set von Moleskine mit 229 Euro zu Buche, für ein neues Notizbuch muss man noch einmal 30 Euro hinlegen. Der digitale Stift von Apple ist dagegen für Freunde echter Kulis keine echte Alternative zu Moleskine oder Staedtler, weil man damit nicht auf Papier, sondern nur auf dem Touchscreen des iPad schreiben, zeichnen oder illustrieren kann.

moleskineart
Mit dem Kuli auf Papier schreiben oder zeichnen und sodann auf mobilen Geräten ohne großen Aufwand bearbeiten – das kann man mit einem neuen System von Moleskine.

Apropos Illustrationen: Die Ausgereiftheit des Smart Writing Sets von Moleskine werden nur jene in vollem Umfang schätzen und nutzen, die tatsächlich grafisch arbeiten. Designer, Illustratoren oder Handwerker können damit händische Skizzen anfertigen, die sich perfekt digital weitergeben und verarbeiten lassen. Dafür sorgen die Anbindungen an Moleskines eigene Apps für Illustrationen oder an Profi-Grafik-Programme wie jene von Adobe.

Der Journalist hingegen ist schon froh, dass er außerhalb der Redaktion zweimal das Wort "Gugelhupf" per Hand geschrieben hat – und daher sicher nicht darauf vergisst, einen in die nächste Sitzung mitzunehmen. (Sascha Aumüller, Rondo Digital, 03.7.2016)

  • Das Smart Writing Set von Moleskine
    foto: moleskine

    Das Smart Writing Set von Moleskine

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