"Betrunkene": Rausch als Endlosschleife und Gottsuche

17. Mai 2016, 17:47
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Iwan Wyrypajews "Betrunkene" torkeln durch das Grazer Schauspielhaus

Graz – Kinder und Betrunkene sagen die Wahrheit, sagt der Volksmund. Im Stück Betrunkene, das am Freitag seine österreichische Erstaufführung am Grazer Schauspielhaus erlebte, spricht zwischendurch auch noch Gott aus ihnen. Dass sie sich am nächsten Tag daran erinnern, darf bezweifelt werden. 14 schwerst Betrunkene reden jedenfalls in den bekannten Endlosschleifen, mit denen Alkoholisierte jene, die weniger oder nicht alkoholisiert sind, nerven. Der Autor des Stückes, Iwan Wyrypajew, ist Russe und Theatermacher. Der Verdacht liegt nahe, dass er in seinem Leben Betrunkenen begegnet ist.

In der Grazer Inszenierung von Bernadette Sonnenbichler sind die trunkenen Monologe und Dialoge von unterschiedlichem Unterhaltungswert. Der Text (Übersetzung: Stefan Schmidtke) kommt manchmal fast philosophisch daher, dann wieder bodenständig. "Herr mach mich betrunken, bring mich um den Verstand", wünscht man sich da inbrünstig.

Gott-, Liebes und Sinnsuche

Während die einen auf Gott-, Liebes- oder einfach nur Sinnsuche sind, suchen andere das Fleisch im Kühlschrank eines vegetarischen Restaurants. Und das kann bei der Sturheit eines Betrunkenen, wie ihn Werner Strenger wunderbar spielt, lange dauern. Bei der Junggesellenfeier eines Freundes steht er da, die Mütze schief auf dem Kopf, einen Salatkopf in der Hand, und fragt immer wieder nach Fleisch. Nicht Fleisch zu essen sei doch pervers, Vegetarier sowieso Faschisten – eine absurde, überaus amüsante Diskussion entspinnt sich.

Schließlich aber einigt man sich darauf, dass alle Menschen "Gottesgeflüster in ihrem Herzen" hören. Oder in der Leber, wer kann das schon sagen. Während das Getorkel der Trunkenen, für das Martin Clausen die Choreografie entwickelte, manchmal zu sehr in einen tragischen Slapstick wankt, spielen Strenger, aber auch Florian Köhler ihre Berauschten mit dem nötigen Ernst, der sie erst wirklich witzig und traurig zugleich macht.

Köhler gibt etwa einen Bräutigam, der ausgerechnet in seiner Polternacht zu erkennen glaubt, dass alle Menschen den Kontakt zur Realität verloren haben, und eine Wildfremde auf der Straße als wahre Liebe erkennt und sofort heiraten will. Strenger ist auch in einer anderen Rolle zu sehen, als Gast bei einem befreundeten Ehepaar, der den Abend eskalieren lässt. Später beteuert man sich beim Abschied, wie nett der Abend doch gewesen sei.

Eindimensionale Frauenrollen

Für die Frauen im Ensemble, Tamara Semzov, Silvana Veit und Evamaria Salcher, hält das Stück leider nur recht eindimensionale Rollen bereit. Kurzum: Ehefrau, Braut, Ex-Geliebte, Model oder Nutte. Da fragt eine junge Frau auch mal einen Mann, ob er Jesus Christus sei. Autsch.

Eine Freude ist das Bühnenbild von Wolfgang Menardi, der die sich selbst todernst nehmenden Rauschgeschöpfe über eine schiefe Ebene und unter einem schiefen verspiegelten Himmel gleiten und rutschen lässt. Am linken vorderen Bühnenrand geht dabei langsam, aber stetig eine alte Badewanne über. Es rinnt wie Alkohol, den man übersehen hat, still vor sich hin und überschwemmt in den zweieinhalb Stunden schließlich die gesamte Bühne. (Colette M. Schmidt, 17.5.2016)

Grazer Schauspielhaus, nächster Termin 20. 5.

  • Werner Strenger, Clemens Maria Riegler, Florian Köhler, Fredrik Jan Hofmann und Tamara Semzov (v. li.) als "Betrunkene".
    foto: lupi spuma

    Werner Strenger, Clemens Maria Riegler, Florian Köhler, Fredrik Jan Hofmann und Tamara Semzov (v. li.) als "Betrunkene".


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