Quälende Kanzlerfrage: Fast keiner will die SPD führen

17. Mai 2016, 17:42
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Vizekanzler Gabriel will Konkurrenzkampf um Kanzlerkandidatur, doch rote Granden winken ab

Ein bisschen neidisch blicken die deutschen Sozialdemokraten dieser Tage gen Österreich. Das Land hat einen neuen Kanzler, und der ist Sozialdemokrat. Bei den deutschen Genossen löst das Thema hingegen gequälte Schnappatmung aus.

Noch heute erinnern sich viele in der SPD mit Schaudern an die Kanzlerkandidatur 2013. Da gab es lange eine Troika aus Parteichef Sigmar Gabriel, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück und dem damaligen SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Und dann plötzlich, getrieben von den Medien und überhastet, war Steinbrück viel früher Kandidat als eigentlich vorgesehen. Das Ergebnis ist bekannt: Bei der Wahl verlor die SPD krachend gegen die Union und Angela Merkel. Eine der Lehren daraus sollte sein: Das mit der Kandidatur machen wir beim nächsten Mal besser.

Eingezogene Köpfe

Doch jetzt, mehr als ein Jahr vor der Bundestagswahl 2017, quält sich die SPD schon wieder mit dieser K-Frage. Und es läuft erneut nicht optimal. Im dieswöchigen Spiegel hat Gabriel wieder einmal eine seiner berühmten "Überlegungen" angestellt und erklärt, er als Parteichef müsse nicht automatisch gegen Merkel ins Rennen gehen. Es wäre vielmehr "hervorragend, wenn es im nächsten Jahr zwei oder drei Leute aus der Führungsspitze der SPD gäbe, die sagen: Ich traue mir das zu."

Allerdings: Dort haben sie gleich die Köpfe eingezogen. "Wir machen uns nicht gegenseitig die Posten streitig", erklärte Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, dessen Name immer wieder im Spiel ist, wenn es um die Frage geht, ob die SPD eventuell einen neuen Chef braucht. Scholz spielte den Ball auch gleich zu Gabriel zurück: "Der SPD-Vorsitzende ist der natürliche Kanzlerkandidat."

MIt 20 Prozent stellt sich Kanzlerfrage nicht

Dies zu versichern, beeilte sich auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier, der schon 2009 als Herausforderer von Merkel gescheitert war. "Er hat den Zugriff auf die Kanzlerkandidatur", sagte er über Gabriel. Und dass er selber sich auf die Außenpolitik konzentrieren wolle.

Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, betont immer wieder, sie stehe nicht zur Verfügung, sondern werde im Land bleiben. Dass die Lust auf eine Bewerbung nicht so groß ist, sieht auch Gabriel selber ein: "Solange wir in Umfragen bei 20 Prozent liegen, ist es schwierig, den Kanzler zu stellen", sagt er und wird für seine Kandidaten suche von Unionsfraktionsgeschäftsführer Michael Grosse-Brömer verhöhnt: "Die SPD ist gerade voll in der Wahlkampfvorbereitung: Jeden Tag lehnt eine(r) die Spitzenkandidatur ab." (Birgit Baumann aus Berlin, 17.5.2016)

  • Ein Kanzlerkandidaten-Casting? Da rückt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (li.) gleich mal von SPD-Chef Sigmar Gabriel ab.
    foto: apa / dpa / wolfgang kumm

    Ein Kanzlerkandidaten-Casting? Da rückt Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (li.) gleich mal von SPD-Chef Sigmar Gabriel ab.

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