Sigalit Landau: Ein Lebensgift als Brückenbauer

17. Mai 2016, 18:02
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Mit Zucker, Obst, Oliven und immer wieder Salz entwirft Sigalit Landau sinnlich-symbolische Filmpanoramen vom Leben in Israel, von Ängsten und Hoffnungen. Die Festwochen widmen ihr eine Retrospektive

Wien – Ein rundes Floß aus hunderten Wassermelonen treibt auf tiefem Meerblau. Es ist wie die Sequenz eines Traumes, ein irreales, poetisches Bild voller Licht und intensivster Farbigkeit, von Türkis, Grün und einigen blutroten Farbtupfern, in deren Mitte ein Mensch zu schweben scheint. Aber nach und nach löst sich die schwimmende Insel auf, entrollt sich die Spirale aus Melonen, die wie die Perlen einer Kette aufgefädelt sind.

So funktionieren die Filme der israelischen Künstlerin Sigalit Landau, die ihr Land bereits zweimal auf der Biennale in Venedig vertrat und auf Ausstellungen im New Yorker Museum of Modern Art zurückblickt: Im ersten Moment wirken sie meditativ, verführerisch, lullen mit der Schönheit eines gemalten Bildes ein. Dass man die Arbeiten der Künstlerin auf dieser ersten, rein ästhetischen Ebene und ohne viel Vorwissen erfahren kann, ist es, was sich Landau von Kunst erwartet.

Und so offenbart sich diese erste umfassende Retrospektive von Landaus filmischen Arbeiten, die ihr im Rahmen der Wiener Festwochen im Künstlerhaus gewidmet ist, in erster Linie als sinnlicher Parcours. Aber so wie Sigalit Landaus Wassermelonenspirale entwirrt dieser sich Runde um Runde, gibt die darunter verborgenen Symbole und Geschichten über das Leben im Nahen Osten und ein Land voller Konflikte und Gegensätze preis; ein junges Land, das in sich stetig verschiebenden realen wie auch nicht greifbaren Grenzen nach Identität sucht.

So transformieren sich eindringlich schöne Bilder in den Sorrow Grove, Landaus Hain aus Trauer und Schmerz. Dort schwingt sie Stacheldraht-Hula-Hoops um ihren nackten Leib (Barbed Hula, 2000) oder verpackt den Kummer über allgegenwärtige Aggression in Bilder von Olivenbäumen (Hineni, 2012), Sinnbilder des Friedens, die mit extremer Gewalt gerüttelt werden. Die Wassermelonen etwa, die in DeadSee (2005) auf dem Salzgewässer des Toten Meeres diesen wundersamen Teppich formen, sie sind – schon allein wegen ihres roten Fleisches – für Landau Metaphern des Körpers.

Die Früchte werden in ihrer Heimat oft mit Salzwasser gegossen, damit sie noch süßer schmecken. Landau schreibt sich diesem ambivalenten Floß des Lebens ein, greift nach jenen Früchten, die verletzt wurden und die ihr rohes Fleisch offenbaren. Über Israel sagt sie: "Viele Früchte sind hier verdorben, ja vergiftet."

Tatsächlich vergiftet ein Zuviel an Salz jedes Leben. Nach wenigen Wochen überzieht das Tote Meer jeden Gegenstand mit einer kristallinen Schicht. Dann brauche es einen Hammer, um die Kristalle zu brechen, erzählt Landau. "Das Salz verschluckt alles", sagt sie. Und: "Salz ist sowohl Wasser als auch Land", es sei Bestandteil von beidem. Seit zwölf Jahren ist der Salzsee zwischen Israel, Jordanien und Westjordanland für Landau Kulisse und Metapher: Er symbolisiert Ängste und Hoffnungen der Menschen im Nahen Osten.

Seit jener Zeit lässt Landau Objekte im Toten Meer kristallin werden. Mit einem solchen Brocken gelang ihr auf einem zugefrorenen See in Danzig ein neues starkes Bild: Die kristallinen Zwillinge Eis und Salz "können nicht koexistieren". Elf Stunden dauerte es, bis das Eis des Sees dem Salz der Wüste wich, in Salted Lake (2011) wurden daraus elf Minuten.

Auch für Wien nutzte die von einer altösterreichischen Familie abstammende Landau die Absurdität der Gegensätze. In Dead Swan (2016), einer blutbefleckten Spieluhr, dreht sich ein salzgetrockneter Melonenkebab statt einer adretten Spielfigur: Landaus Wiener Großmutter war Tänzerin, die dem Naziregime gemeinsam mit ihrem Großvater nur knapp entkommen war.

Die erstarrende Kraft des Salzes würde Landau aber auch gerne brückenbauend zwischen Israel und Jordanien einsetzen. Eine utopische Idee, die sie nun adaptiert hat: als schwimmende Salzinsel in Form einer Brücke. (Anne Katrin Feßler, 17.5.2016)

Bis 19.6.

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Sigalit Landau

  • Sigalit Landaus symbolisch aufgeladene Spirale aus Melonen im Film "DeadSee" (2005) erinnert an eine Ikone der Land-Art: Robert Smithson errichtete 1970 am Großen Salzsee von Utah seine "Spiral Jetty" aus Basaltsteinen. Die Zeit wird sie – irgendwann – zerstören.
    foto: amnon zlayet, wiener festwochen

    Sigalit Landaus symbolisch aufgeladene Spirale aus Melonen im Film "DeadSee" (2005) erinnert an eine Ikone der Land-Art: Robert Smithson errichtete 1970 am Großen Salzsee von Utah seine "Spiral Jetty" aus Basaltsteinen. Die Zeit wird sie – irgendwann – zerstören.


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