Und das Wort ist Fleisch geworden ...

Rezension17. Mai 2016, 17:18
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Das Positivste an der TV-Serie Vorstadtweiber ist zweifellos, dass sie prinzipiell und ausnahmslos politisch unkorrekt ist

Sämtliche Figuren und Handlungen im nachfolgenden Film sind frei erfunden. Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden Personen oder Vorgängen sind nicht beabsichtigt und rein zufällig", hatte man früher oft als Insert am Beginn eines in der "besseren Gesellschaft" mit Verbindungen zu Politik, Wirtschaft und Finanzwelt angesiedelten Filmes gestellt. In vorauseilendem Gehorsam.

Die Koinzidenz von Fiktion und Realität, die vergangene Woche im Fernsehen zutage trat, hätten selbst Programmgestalter, Intendanten und Drehbuchautoren nie vorausahnen können. Am Tag, als realiter der Bundeskanzler der Republik mehr oder minder überraschend den Hut nahm, steuerten am Abend in der TV-Serie Vorstadtweiber die Intrigen um Kanzlerkandidaten, Minister und Parteivorsitzende fiktiver Regierungs- und Oppositionsparteien einem Höhepunkt entgegen. Nein, nicht in sexueller Hinsicht. Wobei auch das möglich wäre in dieser ORF-Serie, die sich eigentlich kaum ein Blatt vor den Mund nimmt, um der Gesellschaft aufs Maul schauend einen Spiegel vorzuhalten. Dass der fiktive Spitzenkandidat der Soap-Opera just zur selben Zeit vor laufender Kamera zurücktrat, als auf allen anderen Kanälen dasselbe real passierte, hätte besser nicht sein können. Willkommen Österreich!

Die Autoren und all jene hinter dem Vorhang befindlichen Menschen sowie die Darstellerinnen und Darsteller, die die Figuren mit Leben erfüllen, werden in Patrick Fux' Buch über die Vorstadtweiber präsentiert – und kommen reichlich zu Wort. Den Nerv trifft die Serie zweifellos. Inklusive Langeweile, Versuchung, Spekulation, Betrug und Scheinheiligkeit. Fux nennt das Fegefeuer, um das Gute und Schöne zu erreichen.

Das Positivste an der Serie ist aber zweifellos, dass sie, entgegen den Usancen unserer alles bis ins Letzte reglementierenden Zeit, prinzipiell und ausnahmslos politisch unkorrekt ist, weder Kapitalismus, Liberalismus noch Sozialismus, weder Politik, Beamtentum noch Banken und Wirtschaft verschont, und de facto absolute Skrupellosigkeit als oberste Maxime des Agierens aller Involvierten in nahezu gleichem Ausmaß dekuvriert. Die Frauen und Männer, bei denen "Oaschloch" schon fast zum Kosewort mutiert, gibt es aber wirklich. Alltäglich. Fux verweist hier biblisch auf die Genesis. "Am Anfang war das Wort ... Und das Wort ist Fleisch geworden." Ironie, wenn die Realität die Fiktion im Galopp überholt wie letzten Montag. Im Endeffekt suchen alle doch nur nach "Glück, Wohlstand, Karriere, und eigentlich nur nach Anerkennung und Liebe". Letztlich rechtfertigt die Entourage – typisch austriakisch – Denken und Handeln damit, dass Intrige das Spiel der Könige sei. (Gregor Auenhammer, 17.5.2016)

Patrick Fux: "Vorstadtweiber. Das Buch zur Serie". € 22,90 / 160 Seiten. Styria Premium, Wien 2016

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