Astronomen lösen Rätsel um Gedicht der antiken Lyrikerin Sappho

22. Mai 2016, 20:00
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Beschreibungen des Nachthimmels über Lesbos ermöglichten die Datierung eines Gedichts der wichtigsten Lyrikerin des klassischen Altertums

Arlington – Das Forschungsfeld von Astronomen ist gelinde gesagt weitläufig. Dass es bis in die Lyrik des klassischen Altertums dringen kann, machten nun Forscher der University of Texas at Arlington vor: Ihnen gelang es, das Rätsel um die Entstehungszeit eines Gedichts der antiken griechischen Dichterin Sappho zu lösen.

Sie beschreibt darin den Nachthimmel über der griechischen Insel Lesbos. Den Astronomen um Manfred Cuntz gelang es nun, aus diesen Zeilen zu rekonstruieren, wann genau Sapphos Himmelsbeobachtung stattgefunden haben dürfte: Wenn man ihr Gedicht wörtlich nimmt, am 25. Jänner des Jahres 570 vor unserer Zeitrechnung.

Verschollenes Werk

Sappho gilt als die wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums. Ihr Werk umfasst Götterhymnen, Hochzeits- und Liebeslieder häufig erotischen Inhalts. Ihre ausdrucksstarke Sprache beeindruckte und beeinflusste etwa Platon, Horaz oder Catull nachhaltig. Der größte Teil ihrer Dichtungen ging jedoch verloren, Schätzungen zufolge sind nur etwa sieben Hundertstel ihres Gesamtwerks erhalten geblieben.

Während Altphilologen versuchen, mithilfe von Papyrusfragmenten, Verweisen und Zitaten anderer Autoren unbekannte Textteile zu rekonstruieren, unterzogen die Astronomen um Cuntz ein Gedichtfragment einer besonderen Interpretation. Im "Mitternachtsgedicht", das 570 v. u. Z. entstanden sein soll, heißt es: "Untergegangen ist zwar der Mond und die Plejaden. Nachtmitte schon und vorbei geht die Stunde. Ich aber schlafe alleine."

Eindeutiges Zeitfenster

Die Forscher schließen aus diesen Zeilen, dass zum Zeitpunkt der Beobachtung die Plejaden – ein offener Sternhaufen in der Milchstraße, der mit bloßem Auge gesehen werden kann – von Sapphos Heimat in Mytilene auf Lesbos aus betrachtet um Mitternacht am Horizont verschwunden waren. Mithilfe des Computerprogramms "Starry Night" untersuchten sie, wann der Sternenhimmel im betreffenden Jahr dieser Beschreibung entsprochen haben musste.

Das Ergebnis: 570 v. u. Z. gingen die Plejaden am 25. Januar um Mitternacht am Horizont unter. Im weiteren Verlauf des Jahres verschwanden sie hingegen schon früher in der Nacht. Die Forscher geben in ihrer Studie im "Journal of Astronomical History and Heritage" aber zu bedenken, dass der erwähnte Zeitpunkt "Mitternacht" eine vage Zeitangabe sein könnte. Deshalb untersuchten sie auch, ab wann die Plejaden über Lesbos im Jahr 570 v. u. Z. nicht mehr sichtbar waren, und ermittelten den 31. März.

Herausragende Bedeutung

"Damit können wir das Gedicht definitiv in die Zeit zwischen der Mitte des Winters und dem beginnenden Frühjahr einordnen", so Cuntz. Der Forscher verweist zudem auf die Bedeutung der Lyrikerin für die antike Astronomie insgesamt: "Sappho muss als wichtige Beitragende zur frühen griechischen Astronomie sowie zur griechischen Gesellschaft betrachtet werden. Nicht viele antike Dichter kommentierten astronomische Beobachtungen in einer solchen Klarheit wie sie." (red, 22.5.2016)

  • Sappho (hier auf einem Fresko aus Pompeji) gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums.

    Sappho (hier auf einem Fresko aus Pompeji) gilt als wichtigste Lyrikerin des klassischen Altertums.

  • Die Dichterin beobachtete die Plejaden einst von Lesbos aus und erwähnte sie in einem Gedicht. Das half nun bei der Datierung.
    foto: nasa, esa, aura/caltech, palomar observatory

    Die Dichterin beobachtete die Plejaden einst von Lesbos aus und erwähnte sie in einem Gedicht. Das half nun bei der Datierung.

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