Alexander Girard: Fad ist anders!

30. Mai 2016, 15:45
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Der Name des Designers löst bei den meisten Zeitgenossen Achselzucken aus. Nun tauchen die bunten Arbeiten des 1960er-Jahre-Stars wieder auf

Es könnte schon sein, dass Alexander Girard vor der Arbeit manchmal eine lustige Zigarette rauchte. Zumindest legen seine kleinen Teufelsfiguren aus Holz, aber auch seine grüne Blumenfrau namens "Daisy Face" diesen Verdacht nahe. Vielleicht war der Sonnyboy des amerikanischen Designs aber auch einfach nur gut drauf, dort drüben an seinem Reißbrett, auf das die Wüstensonne von Santa Fe ihre goldenen Strahlen warf.

Daisy Face, Environmental Enrichment Panel # 3036,
Alexander Girard für Herman Miller, 1971,
Vitra Design Museum, Nachlass Alexander Girard

Fest steht, es ist schwer, einen zweiten Gestalter zu finden, der mit seinen unzähligen Entwürfen aus den Bereichen Innenarchitektur, Textildesign, Grafik, Typografie und Objektgestaltung so viel Happiness in eine Formensprache übersetzte. Eine nüchterne Konstruktionsästhetik à la Jean Prouvé lässt sich bei Girard lange suchen, strenge Stahlrohre, wie sie Le Corbusier schätzte, ebenso.

Sogar das gut gelaunte Design von Charles und Ray Eames übertraf der Gestalter. Mit dem Ehepaar Eames war Girard übrigens lebenslang freundschaftlich verbunden. Müsste man seinen Stil vergleichen, käme wohl am ehesten eine Mischung aus Verner Panton, George Nelson und einem Schuss Fluxus und Folklore aus aller Herren Ländern heraus.

Kauziger Sessel

Geboren wurde Girard 1907 in Florenz. In Rom und London studierte er Architektur, ehe er nach New York übersiedelte. Zu seinen Kunden zählte die Fluglinie Braniff International Airways ebenso wie die große amerikanische Möbelfirma Hermann Miller, deren Textildirektor er 1951 wurde. 1966 entwarf er die Inneneinrichtung des New Yorker Restaurants L'Etoile, in dem Andy Wahrhol gerngesehener Gast war. 1967 gestaltete er seinen kauzigen, aber nicht uneleganten Armlehnstuhl Nr. 66310. Der Schriftzug des Wortes "love" aus dem Jahr 1971 wurde wohl zu seinem berühmtesten Typografieentwurf.

Love Heart, Environmental Enrichment Panel # 3017,
Alexander Girard für Herman Miller, 1971,
Baumwolle, 119,3 x 119,3 cm, Vitra Design Museum,
Nachlass Alexander Girard

Den Ursprung der fantasievollen und verspielten Welten von Alexander Girard findet man in der Zeit, als der zehnjährige Girard von seinen Eltern in ein Internat in England gesteckt wurde. Dort ersann er seine eigene Fantasiewelt, die er "The Republic of Fife" nannte. Dieser Planet bestand aus Landkarten, Fahnen, Münzen, Wappen und sogar einer eigenen Geheimsprache. Angeblich korrespondierte der Heranwachsende in dieser Sprache auch mit seinem Großvater, einem ehemaligen Möbelhändler.

James-Bond-Setting

Später kommunizierte Girard mit Design wie seinerzeit mit seiner Geheimsprache, nur dass diese Kommunikation dank ihrer Formen und Farben sehr sichtbar und lebendig war. Wäre James Bond je zum treuen Ehemann und darüber hinaus sogar häuslich geworden, sein trautes Heim hätte wohl ausgesehen wie die Inneneinrichtung, die Girard in den 1950er-Jahren für das Haus von Irwin Miller in Columbus, Indiana, gestaltete. Wirft man einen Blick in das Wohnzimmer, wähnt man sich in einem Bond-Setting des vor kurzem verstorbenen Ken Adams. Mit dem Unterschied, dass es hier nur so strotzt vor mannigfaltig gemusterten Pölstern, Blumenstöcken sonder Zahl, knalligen Farben und sogar Hockern mit Quasten.

Miller House, Columbus, Indiana, USA,
Alexander Girard, 1953–1957, Foto: Balthazar Korab
courtesy of The Library of Congress

Nein, formaler Fadian war Alexander Girard keineswegs. Inspiriert zu seinen Objekten, Textilien und Grafiken haben ihn neben dem Geist seiner Zeit gut 100.000 Objekte, die er in seinem Leben zusammentrug. Darunter waren Spielzeug, Masken, Puppen und jede Menge Krimskrams aus aller Welt zu finden. Der Nippes-Nerd und Sammler, der im Jahre 1993 in Santa Fe starb, hatte allesamt fein säuberlich etikettiert und archiviert.

Ein Familienfoto aus dem Jahre 1952 zeigt Girard mit seiner Familie und einigen Objekten aus seiner Folk-Art-Kollektion, die auf dem Bild inszeniert sind, als gehörten sie zur Familie. Taten sie wahrscheinlich. Das Foto, das sogar in Schwarz-Weiß bunt wirkt, ist nur ein Beweis dafür.

foto: © ezra stoller/estostock, foto: ezra stoller
Alexander Girard und seine Familie posieren mit
Objekten aus seiner Folk Art Kollektion, 1952
© Ezra Stoller/Estostock, Foto: Ezra Stoller

Geballte Ladung

Dass Girards Objekte – einige davon hat Vitra im Programm – gerade wiederentdeckt werden, mag vor allem an einem liegen. Entgegen so mancher Strömung, die durch Reduziertheit, Strenge und auch Dogmen gekennzeichnet ist, gibt die Arbeit Girards den Menschen vieles, was sie, so wie nach dem Zweiten Weltkrieg, lange nicht in dieser geballten Ladung bekommen haben: Opulenz, Dekor, aber eine durchdachte Verspieltheit, die Facetten von internationaler Handwerkskunst bis hin zur Popkultur in sich vereint.

Zum Wiederauftauchen seiner Arbeit trägt weiters bei, dass Wohnraum verstärkt als sehr persönlicher, gewachsener Mix von vielen Dingen im Bewusstsein der Zeitgenossen angekommen ist. Eine Entwicklung, die unter anderem auch den großen Erfolg der Ausstellung über Josef Frank im Wiener Mak begründen mag, der vor allem in Sachen Textilentwürfen ein geistiger Cousin Girards war und der in Sachen Wohnung ebenso Triviales, Kitsch und gelebte Alltagskultur willkommen hieß.

Apropos Ausstellung: Das Vitra Design Museum, das im Jahre 1996 den Nachlass Girards übernahm, zeigt noch bis 29. 1. 2017 die umfangreiche Ausstellung Alexander Girard. A Designer's Universe. Wer es nicht dorthin schafft, das deutsche Weil am Rhein liegt grad nicht um die Ecke, dem mögen das Zitat eines Kritikers zu Girards Arbeit ans Herz gelegt sein. Dieser sagte über dessen Objektkosmos: "Sein Geheimnis ist sehr einfach. Er hat sich den Blick eines Kindes bewahrt." (Michael Hausenblas, RONDO, 30.5.2016)

Corporate Design für Braniff International Airways,
1965, Foto: Nachlass Alexander Girard, Vitra Design
Museum

Ausstellung: Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein (D) ist "Alexander Girard. A Designer's Universe" noch bis 29. Jänner 2017 zu sehen.

design-museum.de
vitra.com

  • Design-Tausendsassa Alexander Girard in seinem proppenvollen Studio in den 1950er-Jahren. Fotografiert hat ihn sein Freund und Kollege Charles Eames.
    foto: charles eames

    Design-Tausendsassa Alexander Girard in seinem proppenvollen Studio in den 1950er-Jahren. Fotografiert hat ihn sein Freund und Kollege Charles Eames.

  • Der Armlehnstuhl "Hexagonal Table" und die Holzfigur "Devil" zeigen, wie unterschiedlich Alexander Girard tickte.
    foto: vitra design museum / jürgen hans

    Der Armlehnstuhl "Hexagonal Table" und die Holzfigur "Devil" zeigen, wie unterschiedlich Alexander Girard tickte.

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