Hacker in "Tatort": Drehbuch fällt beim Faktencheck durch

17. Mai 2016, 10:27
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Neue Folge aus Bremen geriet durch vereinfachte Darstellung von Computerspionage in die Kritik

Wenn die Macher von Filmen und Serien sich des Themas Cyberkriminalität und Hacking annehmen, endet dies immer wieder einmal in fragwürdigen Ergebnissen. Zuletzt etwa bei "CSI: Cyber", das nach zwei Staffeln vom US-Sender CBS als letzter Vertreter des CSI-Franchise abgesetzt wurde.

Auch bei der deutschen und österreichischen Krimiserie "Tatort" hat man sich nun in den Bereich der Computerverbrechen vorgewagt. In der Folge "Der hundertste Affe" vergiften radikale Umweltaktivisten das Trinkwasser, um auf die Machenschaften eines Chemiekonzerns aufmerksam zu machen.

Per Webcam der Polizei voraus

Die Täter sind den Ermittlern dabei lange voraus. Und zwar, so stellt sich heraus, weil sie sich Zugriff auf einen Rechner der Polizei verschafft haben. Mit dessen Webcam beobachtet ein Hacker das Treiben im Polizeipräsidium und spioniert wertvolle Informationen aus. Doch am Ende schlägt das Bundeskriminalamt auch digital zurück.

An dem Verlauf der Handlung gab es während und nach der Ausstrahlung einige Kritik. Der "Spiegel" hat das Drehbuch einem Plausibilitäts-Check unterzogen und kommt zum Schluss: Mit echter Cyberkriminalität hat das Skript nur wenig zu tun.

Hacker lauschen per Malware mit

Der glaubwürdigste Teil dürfte gemäß der Analyse die Tatsache sein, dass die Aktivisten den Polizeirechner erfolgreich mit einem "Remote Administration Tool" (RAT) bespielt haben, der ihnen weitreichende Kontrolle über das Gerät gibt. Hat man keinen direkten Zugriff auf einen PC, muss man allerdings einen Umweg über die User selbst nehmen – etwa über E-Mails mit infiziertem Anhang.

Das setzt freilich auch voraus, dass weder vorgeschaltete Systeme zur Filterung unerwünschter Mails, noch installierte Sicherheitssoftware den Schädling erkennen und der Benutzer mit Administrator-Rechten operiert. In der Vergangenheit ist es auch schon bei Behörden zu Vireninfektionen gekommen.

Unrealistisches "Zurückhacken"

Ab dann wird es allerdings unglaubwürdig. Der Hacker kann etwa den Rechner aus der Ferne einschalten. Das ist allerdings nur denkbar, wenn er dies per "Wake on LAN"-Funktion tut, was Kontrolle über andere PCs im Netzwerk voraussetzt – die er laut Verhör allerdings nicht hatte. Dazu nutzt der Täter die Webcam zum Schwenken und Zoomen, obwohl das einfache Gerät dazu gar nicht in der Lage ist.

Schließlich entdeckt eine BKA-Beamtin die Überwachung und ergreift Gegenmaßnahmen. Mit wenigen Tastaturkommandos gelangt sie auf den Rechner des Angreifers und saugt von dort Daten ab. Ein Vorgang, der unmöglich so ablaufen kann, denn eine per RAT hergestellte Verbindung kann nicht einfach für den Zugriff in die umgekehrte Richtung genutzt werden.

Auch ein anderes Defizit hat der "Spiegel"-Faktencheck aufgespürt: Zur Kommunikation mit den Terroristen musste die Polizei bei einer Telefonzelle anrufen. Doch das ist bereits seit einigen Jahren in Deutschland gar nicht mehr möglich. (gpi, 17.05.2016)

  • Mit echtem "Hacking" hat das Drehbuch der jüngsten "Tatort"-Folge nur sehr wenig zu tun.
    foto: das erste

    Mit echtem "Hacking" hat das Drehbuch der jüngsten "Tatort"-Folge nur sehr wenig zu tun.

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