Die Wiener Festwochen auf slawischem Erkundungstrip

16. Mai 2016, 19:48
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Frank Castorf und die Dakh Daughters Band

Wien – Frank Castorfs "Wanderung mit offenem Herzen" findet unter dem Titel Tschewengur statt. Hinter diesem Romantitel des vergessenen Dichters Andrej Platonow (1899-1951) verbirgt sich eine sowjetische Prosasatire ersten Ranges. In ihr macht ein Häufchen mehr oder minder aufrechter Bolschewiken Ernst mit dem Kommunismus. Ausgerechnet in den Ausläufern der russischen Steppe soll das Himmelreich auf Erden errichtet werden. Sehr viel himmlischer kann man Wiener Festwochen eigentlich nicht beginnen.

In der Halle E des Museumsquartiers sieht das so aus: Eine Abordnung des Schauspiels Stuttgart präsentiert fünf Stunden lang die enormen Errungenschaften des Castorf-Theaters. Die Prosavorlage wird kleingehackt, den famosen Mimen anschließend zum Spielen vorgeworfen. In einer Sowjetlandschaft (Bühne: Aleksandar Denic) mit Windmühle und Dampflokomotive verschwinden die zehn Schauspieler zumeist hinter den Verschlägen einer Werkkantine. Die Handkamera zaubert die Konterfeis der Proletarier auf zwei Schirme.

Hat man sich auf den durchdringenden Sound der Schreier erst einmal eingestimmt, geht alles kinderleicht. Volksbühnen-Intendant und Regisseur Castorf ist gegen die laue Temperatur unserer neoliberalen Gesellschaft bekanntlich allergisch.

Bei Platonow findet er Hysteriker zuhauf: Pilzeesser. Komische Heilige beiderlei Geschlechts. Männer, die vor lauter Todesangst ins Wasser sterben gehen. Zum dröhnenden Marschblech der Schostakowitsch-Musik kann man ein Pferd im Tutu schnauben hören. Ein proletarischer Verwaltungsausschuss bringt mit seinem albernen Abstimmungsverhalten die Prinzipien gremialer Demokratie komplett zum Erliegen. Zum Schluss sieht man nicht ohne stumme Ergriffenheit die roten "neuen Menschen" sterben: im Kukuruz. Die Filmeinspielung währt eine geschätzte Ewigkeit. Da hat man klein beigegeben und frohlockt über den ganzen Abend. Vorausgesetzt, man ist Wanderer und besitzt ein offenes Herz.

Weniger enthusiasmierend stimmte samstags das Konzert der ukrainischen Damenkapelle Dakh Daughters Band, ebenfalls im Museumsquartier. Unter dem Titel Roses wurde ein bunter Strauß Chansons gepflückt. Unter allerlei Gezupfe und Getrommel erhellte man die Konturen einer verletzten Volksseele (zur selben Zeit gewann Landsfrau Jamala den Song Contest). Angeblich war das stinknormale Popkonzert "Kabarett". (Ronald Pohl, 16.5.2016)

  • Die Dakh Daughters Band aus der Ukraine bestrickte mäßig – mit kleinen Chansonvignetten aus den Tiefen einer zerklüfteten Volksseele (Inszenierung: Vlad Troitsky).
    foto: olga zakrevska

    Die Dakh Daughters Band aus der Ukraine bestrickte mäßig – mit kleinen Chansonvignetten aus den Tiefen einer zerklüfteten Volksseele (Inszenierung: Vlad Troitsky).

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