Die Hunde in ihren falschen Körpern

16. Mai 2016, 19:42
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Mitreißendes von Fyodor Pavlov-Andreevich, France Distraction und Signa bei den Festwochen

Wien – Stoische Philosophie auf Bällen im Pool, acht Bühnen in schwindelerregender Drehung und ein gräfliches Haus für Hundemenschen. Nach Castorfs Festival-Auftakt haben die Festwochen ihr Programm mit drei Arbeiten fortgesetzt, die ihr Publikum einbinden: Die Thermen der Gruppe France Distraction und Fyodor Pavlov-Andreevichs Performance Carousel im Künstlerhaus sowie Wir Hunde von Signa in einem Gebäude hinter dem Volkstheater.

Im klassischen Theater mit Bühne und Tribüne müssen Zuschauer körperlich nur darauf achten, dass sie nicht von ihren Sesseln fallen. Die "immersive" Performance mit Publikumsbeteiligung ist – quasi als "next level" – auf eigene Gefahr zu genießen. Das gilt auch für die Künstler, wie die Eröffnung des mit Bällen gefüllten Pools zeigte, der bald von Kindern gekapert wurde. Als Halory Goerger (France Distraction) am Beckenrand in Ruhe einen Vortrag halten wollte, entstand ein Interessenkonflikt. Und der war so interessant wie die philosophischen Worte auf den 25.000 schwarzen Kugeln.

Erfolglos wünschte sich Goerger "less children" im Becken und mehr Aufmerksamkeit vom Publikum. Das Ergebnis: echte Situationskomik. Die Thermen ist aber auch ohne solche Perlen ein herrliches Erlebnis – vorausgesetzt, man lässt sich auf das Bad ein. Aber bitte nicht so wild wie die Darsteller im aktuellen Werbeclip einer Bank! Dessen Bällespaß wurde übrigens in einem Gebäude der Wiener Akademie der bildenden Künste gedreht.

In Wien wirkt auch ein Teil der an Fyodor's Performance Carousel und dessen Thema Schwangerschaft beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit: darunter Roberta Lima, Anna Vasof und Alexander Felch. Die Drehbühne des Russen Pavlov-Andreevich bietet unter anderem gebügelte Arbeitsschürzen zum Überziehen, Begegnungen mit einem hektischen Embryo, ein Universum aus poetischen Erinnerungsobjekten (Yingmei Duan) oder einen Mann in seiner Mutter Erde. Das Publikum wird eingeladen, sich auf dies alles einzulassen und darüber hinaus ein bisschen auf den Hometrainern zu radeln, die das Werkel in Gang halten (sollen).

Ein gefülltes Haus

Ein noch härteres Training liefert die 2001 gegründete Kopenhagener Gruppe Signa mit ihrer Performance-Installation Wir Hunde, die ein ganzes Haus füllt. Erst wer diese fünf Stunden erlebt hat, weiß wirklich, was eine immersive Aufführung ist: Die Besucher werden voll und ganz in eine inszenierte Wirklichkeit integriert. Und zwar ganz analog. Im Vergleich mit einer solchen Erfahrung kann all die technisch erzeugte "virtuelle Realität", in die gerade Unsummen investiert werden, schlicht einpacken.

Und das vor allem, da Wir Hunde so perfekt gemacht ist, dass es sogar dem Vergleich mit Thomas Bo Nilssons ausgeklügelter Cellar Door-Installation, die kürzlich im Wiener Schauspielhaus zu erleben war, ohne weiteres standhält. Signa (Leitung: Signa und Arthur Köstler) führt in eine Wohngemeinschaft, in der Menschen betreut werden, die sich als Hunde fühlen oder, wie es heißt, Hunde sind, "die im falschen Körper geboren wurden". So ein Hund-Mensch-Wesen heißt "Hundsch". Ironisch wird hier die reale Transgender- auf eine fiktive "Transspezies"-Thematik umgeleitet. Als Rahmen dient eine Erzählung der Geschichte dieser "Canis humanus"-Gemeinschaft, die nun Tage der offenen Tür veranstaltet.

Dafür wurden rund fünfzig Performerinnen und Performer so gut in ihre Figuren eingearbeitet, dass sie den Unberechenbarkeiten im Umgang mit dem Publikum fast immer souverän begegnen. Dieses muss seinerseits ad hoc lernen, mit der fiktiven Umgebung umzugehen, und heikle Entscheidungen treffen. Dabei lernt man sich noch einmal ganz neu kennen. (Helmut Ploebst, 17.5.2016)

  • Markante Kunstmomente: Fyodor Pavlov-Andreevichs "Performance Carousel" bei den Wiener Festwochen.
    foto: festwochen

    Markante Kunstmomente: Fyodor Pavlov-Andreevichs "Performance Carousel" bei den Wiener Festwochen.

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